Reisepioniere in Asien Mönche, die Backpacker staunen lassen

Eine historische Zeichnung zeigt Faxian bei der Besichtigung von Ruinen des Palasts des Herrschers Ashoka.

(Foto: Wikimedia Commons)

Der Chinese Faxian wandert im fünften Jahrhundert durch halb Asien, einige Generationen später tut es ihm Xuanzang trotz Verboten nach. Ihre Reiseberichte sind noch Jahrhunderte später nützlich.

Von Irene Helmes

Während im fernen Europa die Pikten, Skoten und Sachsen gerade die Römer aus Britannien warfen und Rom selbst von den Westgoten geplündert wurde, herrschten auch im China des 4. und frühen 5. Jahrhunderts chaotische und gewalttätige Zeiten. Reiche brachen zusammen und andere entstanden, heute ist von den "sechzehn Königreichen der fünf Barbarenvölker" die Rede. Nicht unbedingt die Zeit für Vergnügungstrips in fremde Länder - sehr wohl aber für große Entdeckungsreisen.

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

Einer, dessen Reise noch heute beeindruckt, war der Chinese Faxian aus der heutigen Provinz Shanxi. Anders als viele Zeitgenossen wollte er weder kämpfen noch reich werden - er wollte sehen, woher seine Religion, der Buddhismus, kam. Was im Westen lag, war erst bruchstückhaft bekannt. Sein Weg ins Ungewisse führte den Mönch zwischen 399 und 412 n.Chr. durch China, die Gebiete der Uiguren und Teile des heutigen Nepal, Pakistan, Indien und Bangladesch - durch glühende Wüsten wie die Taklamakan und Schneestürme in Gebirgen wie dem Pamir.

Über die menschenfeindliche Gobi schrieb Faxian später: "Wenn man sich auch überall umschaut, soweit das Auge reicht, um eine Möglichkeit zu suchen, sie zu durchqueren, so weiß man doch nicht, wohin man sich wenden soll, außer dass man die Skelette der toten Menschen als Wegzeichen nimmt."

Weder solche Gefahren noch sein fortgeschrittenes Alter (über sechzig Jahre bei Reisebeginn) konnten Faxian aufhalten - auch wenn er später über Phasen schrieb, "die so leidvoll waren, daß es für den menschlichen Verstand nichts Vergleichbares gibt". Aber deshalb umkehren? Auf keinen Fall. Als Einheimische ihm einmal einen besonders riskanten Weg ausreden wollten, sagte er angeblich: "Das Schicksal ist nicht voraussehbar, ob ich hinausgehe oder bleibe: Es gibt keine Sicherheit".

Eine beachtliche Route: Faxians Wege durch Asien - besser zu sehen beim Klick auf die Vergrößerung.

(Foto: Wikimedia Commons)

Angetrieben wurde Faxian durch den zeitlosen Wunsch nach Erleuchtung und direkter Erfahrung. Mit anderen chinesischen Buddhisten teilte er außerdem das Gefühl, am falschen Rand der Welt zu leben, zu weit weg von den Schauplätzen aus Buddhas Leben. Sein Bericht konzentrierte sich später auf die Klöster und Riten, die er unterwegs sah, und er mischte diese mit zahllosen örtlichen Legenden. Nach Expertenmeinung trug er dazu bei, dass Chinesen begannen, Indien als hochzivilisierte Gesellschaft zu sehen.

Mit fast einem Dutzend Begleiter aufgebrochen, war der alte Mönch am Ende der Reise allein. Die anderen hatten aufgegeben, andere Wege gewählt oder waren gar gestorben. Von Sri Lanka aus setzte Faxian schließlich in seine Heimat über. Beinahe folgte knapp vor dem Ziel ein dramatisches Ende: Auf der Überfahrt wütete das Meer so stark, dass mitreisende Kaufleute panisch ihre wertvollen Waren über Bord warfen, um das Schiff vor dem Sinken zu bewahren. Seine indischen Bücher aber waren Faxian heilig - und überstanden die Beinahe-Havarie. Etwas später, so sein Bericht, wäre er fast auf einer Insel ausgesetzt worden, weil die übrigen abergläubischen Passagiere ihn für den Auslöser weiterer Unwetter hielten.

Doch auch das ging gut aus, so dass Faxian am Ende in China seine Texte übersetzen konnte, bis er mit weit über achtzig Jahren starb. Er ist der erste chinesische Mönch, dessen Reisebeschreibung der Region - der "Bericht von den buddhistischen Königreichen" - erhalten ist.

Etwa zwei Jahrhunderte später unternahm der Mönch Xuanzang nach seinem Vorbild eine noch längere Reise (ca. 629 bis 645 n.Chr.), die ihn zum berühmtesten der reisenden Chinesen machen sollte. Anders als Faxian brach er schon in seinen Zwanzigern auf. Dabei waren die Umstände widrig: Kaiser Taizong hatte Reisen jenseits seines Reichs ohne Sondergenehmigung verboten und über die Länder im Westen war immer noch wenig bekannt. Doch über die Seidenstraße bewegte sich Xuanzang mit einem Pferd Richtung Westen - wie sein Vorgänger auf der Suche nach den Quellen des Buddhismus.

Historische Darstellung des chinesischen Wandermönchs - soll vermutlich Xuanzang zeigen, laut einigen Quellen hingegen Faxian.

(Foto: Wikimedia Commons)

Und das ohne Wenn und Aber, angeblich mit den Worten: "Ich würde lieber auf dem Weg nach Westen sterben, als zu leben, weil ich im Osten bleibe." Diese Einstellung war tatsächlich nötig, wurde er doch unterwegs von Grenzposten festgehalten, fast von einer Lawine verschüttet und mehrmals überfallen. Belohnt wurde er, wenn er Orte erreichte, die heute legendär sind. Über Samarkand an der Seidenstraße etwa schrieb er: "Dies ist ein reicher Ort, wo sich die Schätze ferner Länder anhäufen, wo es starke Pferde und begabte Künstler gibt, und das Klima äußerst angenehm ist."

Nach Jahre dauernder Anreise über Gebiete des heutigen Kirgisistan, Usbekistan, Afghanistan und Pakistan durchquerte Xuanzang sein Ziel Indien kreuz und quer, knüpfte Kontakte und sammelte so viel Wissen wie möglich. Allein an der historischen Glaubensschule von Nalanda verbrachte er mehrere Jahre. Immer wieder musste er Einheimischen erklären, warum er überhaupt in das vermeintlich kalte und spirituell wenig erleuchtete China zurückwollte. Seine Antwort: Er wolle seine Landsleute am Gesehenen teilhaben lassen.

Romanfigur und Oscar-Kandidat

Xuanzangs Rückkehr verlief triumphal, mit Hunderten Texten und Reliquien im Gepäck. Derselbe Kaiser, ohne dessen Erlaubnis er einst das Land verlassen hatte, empfing ihn bei Hof und ließ ihm eine Pagode bauen, in der er an den Übersetzungen der Texte arbeiten konnte.

In seinen "Aufzeichnungen über die Westlichen Gebiete aus der Großen Tang-Dynastie" teilte Xuanzang seine Eindrücke von Landschaften und Städten, von Klima und Sitten, vom Kastensystem und vieles mehr. Manche seiner Beschreibungen ermöglichten es im 19. und 20. Jahrhundert Archäologen, die erwähnten Stätten zu finden und dort zu forschen.

In Ostasien sind beide Abenteuer bis heute unvergessen - nicht zuletzt durch Wu Cheng'ens Roman "Die Reise nach Westen", der Xuanzang im 16. Jahrhundert ein Denkmal setzte. Ein von Wong Kar-wai produziertes großes Biopic über Xuanzang soll für China ins Rennen um den Auslands-Oscar 2017 gehen. Im Westen sind die reisenden Mönche dagegen eher unbekannt. Schade, können sie doch alle Backpacker, Rekord-Jäger und Selbsterfahrungsreisenden staunen lassen, die heute mit digitalen Karten und unzähligen Tipps im Gepäck aufbrechen. Und sich selbst dann nicht ohne Sicherheitsnetz ins Unbekannte wagen könnten, wenn sie das wirklich wollten.

Die Zitate aus Faxians "Bericht von den buddhistischen Königreichen" stammen aus der Übersetzung von Max Deeg, erschienen 2005 im Harrassowitz Verlag.