Reise extrem Urlaub auf der Achse des Bösen

U-Bahn fahren in Pjöngjang und dann dieser herrliche libysche Wüstensee: Tony Wheeler bereist Schurkenstaaten und stößt dabei auf ein Land wie ein Gulag, betrieben von Monthy Python.

Von Alex Rühle

Die Idee zu seinem neuen Buch kam Tony Wheeler angeblich an dem Tag, an dem George W. Bush zum ersten Mal von der "Achse des Bösen" sprach. Wheeler kniffelte ohnehin gerade an einem Reiseführer über "Paria"-Länder herum. "Das Fernsehen lief im Hintergrund und plötzlich leierte Bush diese prägnante Länderliste runter."

Der Gründer der Lonely Planet Reiseführer, Tony Wheeler, vor einem Hindu-Tempel in Bali.

(Foto: Foto: AP)

Irak, Nord-Korea und Iran waren also durch das State Department vorgegeben, Wheeler nahm noch die Unterschurken-Staaten Afghanistan, Albanien, Birma, Kuba, Libyen und Saudi-Arabien dazu und machte sich auf den Weg. Herausgekommen ist dabei ein merkwürdiger Wechselbalg aus Reisereportage und politischem Essay ("Bad Lands - A Tourist on the Axis of Evil", Lonely Planet, 14,99 Dollar).

Immer versucht Wheeler eine Antwort auf die drei Fragen zu geben, welche Rolle das jeweilige Land im internationalen Terrorismus spielt, wie es um die Menschenrechte und um die Außenpolitik bestellt ist. Das ist natürlich ebenso hochanständig wie sein Wille, Machtmissbrauch und Despotenwahn mannhaft anzuprangern.

Viel weiter aber kommt er in seinem Projekt, politische Stereotypen aufzubrechen, wenn er als Reisereporter die jeweiligen Lebenswelten beschreibt.

Am Teheraner Flughafen bringt man ihm belustigte Sympathie entgegen: Was ist das für ein cooler Hund, der hier ankommt, ohne ein Hotel reserviert zu haben? Die Szene ist symptomatisch für das unvoreingenommene, meist hochgradig entspannte Interesse, mit dem Wheeler durch diese Länder und Kulturen schlendert.

Nur in den Irak traut er sich nicht weit hinein, es ist mehr eine klandestine Stippvisite in unwirtliches kurdisches Gebiet. Er nimmt sich zwar Zeit, Arbil zu besuchen, die älteste kontinuierlich bewohnte Stadt der Welt, die von Saddam verwüstet wurde, aber immer reist eine diffuse Angst mit, und man spürt aus den letzten Absätzen, in denen euphorisch türkische schneebedeckte Gipfel beschrieben werden, wie froh er ist, wieder draußen zu sein.

Der verrückteste Trip scheint der nach Nord-Korea gewesen zu sein. Der Horror liegt auf diesen Seiten direkt neben der Komik, das ganze Land wirkt irreal wie ein stalinistischer Themenpark, oder "wie ein Gulag, betrieben von Monthy Python."

Auf der Metrofahrt durch Pjöngjang überlegt er, ob diese U-Bahn überhaupt mehr Stationen besitzt als die vier, die er befahren darf, so kulissenhaft kommt ihm alles vor.

Abends steht er lange am Hotelfenster und schaut dem einzigen Auto hinterher, das durch die stockdunkle Millionenstadt kurvt. Wahrscheinlich ist das in heutigen Zeiten das größte Zeichen von Fremdheit: Ein Leben ohne Elektrizität.

Immer wieder beschwört er den Reichtum unbekannter Landschaften, die karstige albanische Küste, das kleine Dorf im Norden Birmas, wo es die guten Nudeln gibt, die leere Saharadünenlandschaft im südlichen Libyen, in der sie plötzlich auf einen tiefblauen See stoßen. Im Iran wird er mit Gastfreundschaft überschüttet, hat seine Freude am subversiven Umgang der Bevölkerung mit den islamischen Gesetzen, und skizziert die Schmuggelrouten, über die religiöse Milizen Unmengen von Bier ins Land bringen.

Als er eine der Brücken von Isfahan überquert, fällt ihm ein, dass er genau hier mal seine Frau Maureen fotografiert hat, 1972, bei ihrer Asiendurchquerung, aus der der erste Lonely Planet hervorging.

Der Name des Verlags beruht übrigens auf einem Missverständnis: Wheeler liebte als junger Mann Joe Cockers Version des Song über den "Space Captain", dem auf einer seiner Raumpatrouillen der lovely planet Erde ins Auge fällt. Neugierig kommt der Captain näher und kann seither nicht mehr fort von hier. Wheeler verstand jahrelang "lonely planet" statt "lovely planet". . .

Die Einsamkeit ist der Traum jedes Reisenden, der freilich heute fast immer einhergeht mit der narzisstischen Kränkung nicht alleine, sondern einer von vielen zu sein. Bruce Chatwin schrieb mal, er sei froh, dass er Afghanistan besucht habe, "bevor die Hippies das Land versaut haben".

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