Kolumne "Ende der Reise":Wolkige Wörter

Kolumne "Ende der Reise": Das Ortsschild des oberösterreichischen Fucking hat nur noch im Museum Platz. Der Ortsteil von Tarsdorf (Bezirk Braunau) ist in Fugging umbenannt worden.

Das Ortsschild des oberösterreichischen Fucking hat nur noch im Museum Platz. Der Ortsteil von Tarsdorf (Bezirk Braunau) ist in Fugging umbenannt worden.

(Foto: Joe Klamar/AFP)

Von Fucking zum Ayers Rock: Wenn Namen zum Ärgernis werden. Ein paar Vorschläge zur Güte.

Glosse von Stefan Fischer

Wer behauptet, Namen seien nichts als Schall und Rauch, also nicht der Rede wert, will damit höchstwahrscheinlich vor allem kaschieren, dass er oder sie ein furchtbar schlechtes Namensgedächtnis hat. Denn das Gegenteil ist richtig: Ruf und Ruhm eines Namens sind von entscheidender Bedeutung - nomen est omen, wie bereits der römische Komödiendichter Plautus wusste. Dementsprechend gehört durchaus Größe dazu, einen Namen wie Jisildis oder Tyler-Finn mit Würde zu tragen. Oder sich immer wieder gegen die Vorurteile zu stemmen, die Kevin und Chantal anhaften.

Noch schwieriger wird es, wenn Familienname und Profession in einem eklatanten Missverhältnis zueinander stehen: Die Schönheitschirurgin Fleischer und der Bäckermeister Schimmel betreiben notgedrungen Geschäftsschädigung in eigener Sache.

Die Angelegenheit betrifft allerdings nicht nur Menschen, sondern auch Orte. Castrop-Rauxel und Wanne-Eickel beispielsweise haben unverschuldet ein massives Kevin-Chantal-Problem. Und die Bewohner des österreichischen Dorfes Fucking waren den Spott und auch den fortwährenden Diebstahl der Ortsschilder irgendwann so sehr leid, dass sie die heimatliche Ansiedlung in Fugging umbenannt haben.

Ortsbezeichnungen können jedoch nicht nur Heiterkeit verursachen, sondern auch ein erhebliches Ärgernis darstellen. Ein Jahrhundert lang hatte der höchste Berg der USA geschichtsvergessen und respektlos Mount McKinley geheißen, ehe er 2015 seinen ursprünglichen, von den Indigenen verliehenen Namen Denali zurückerhielt. Der Uluru in Australien hingegen trägt zum Missfallen der Aborigines nach wie vor auch gleichberechtigt seinen Kolonialnamen Ayers Rock. Dass die Bezeichnung Squaw Valley für einen kalifornischen Wintersportort womöglich indigene Frauen verunglimpfen könnte, dämmert den Amerikanern inzwischen auch, der Austragungsort der Olympischen Spiele 1960 soll künftig den Namen Palisades Tahoe tragen.

Mit Neuseeland rückt nun ein ganzes Land in den Fokus. In Film- und daraus folgend Tourismuskreisen ist der Inselstaat seit Jahren ausschließlich als Hobbingen und Mordor bekannt, doch darum geht es aktuell nicht. Die Partei der Maori hat vielmehr eine Petition eingereicht, mit der erreicht werden soll, Neuseeland in Aotearoa umzubenennen. Das Wort bedeutet Land der langen, weißen Wolke.

Was heißt eigentlich Land der dicken grauen Wolke auf urgermanisch?

© SZ
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