Regnerischer Sommer in Italien:Hallo! Sonne?

Strand von Cavallino-Treporti, Camping in Italien

Vorgewitterstimmung am Strand von Cavallino-Treporti. An solchen Tagen ist der Einfallsreichtum der Eltern gefragt, die ihre Kinder beschäftigen wollen.

(Foto: Maier-Albang)

Je kürzer der Urlaub wird, umso perfekter muss er sein. Doch wenn es regnet, ist nichts locker. Nicht der Sand. Nicht die Leute. Besuch auf einem der größten Campingplätze der Adria - in einem Sommer, wie sie ihn dort noch nicht erlebt haben.

Von Monika Maier-Albang, Cavallino-Treporti

Auf einmal ist sie da, schiebt sich unter den Wolken hervor, erhellt die Weinreben im Tal und die Bäume, die sich auf den Anhöhen halten können, bevor der Fels zu steil wird. Unnahbar sieht das Gestein aus, hier im Trentino, wo die Doppelausfahrt die Orte Avio und Ala ankündigt. Doch wenn die ersten Strahlen des Tages mit ihrer Weichzeichnerkraft auf das Gestein fallen, wird es lebendig, zeigt Risse und Farbe, wo vorher nur fades Grau war. Der Brenner liegt hinter einem, das Veneto wartet, das Radio kann die österreichischen Sender nicht mehr empfangen, sich aber auch nicht entscheiden zwischen den italienischen, auf denen die Sprecher immer so aufgeregt klingen. Sie reden von Krieg und Menschen, die ein Kalifat errichten wollen. Dabei ist der Wetterbericht das, was jetzt vor allem interessiert. Wird sie bleiben? Oder sich wieder davonstehlen, wie schon viel zu oft in diesem Sommer?

Hallo! Sonne?

Einen ganzen Sommer lang haben sie sie schmerzlich vermisst. "An 22 Tagen hat es hier geregnet", sagt Konrad Gruber, der auf dem Union Lido fürs Qualitätsmanagement zuständig ist. Der Campingplatz, einer der größten des Landes, liegt bei der Lagune von Venedig. Seit 32 Jahren arbeitet Gruber in Cavallino-Treporti. "Aber so einen Sommer habe ich noch nie erlebt."

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Zum Urlaub im Süden gehören Zikaden und Sonnengarantie

Gut, es hat nie einen Tag lang durchgeregnet. Manchmal hat es sogar nur kurz geregnet, manchmal dafür umso heftiger. Manchmal vor allem in der Nacht, manchmal aber auch am Morgen. Oder abends. Unberechenbare Wetterlage eben. Ganz gemein ist so etwas, wenn man viele Familien mit kleinen Kindern auf dem Platz hat, wie jetzt, zur Hauptferienzeit im Juli und August. Familien, die mit wenig Geld auskommen müssen und deshalb campen. Familien, die mit wenig Platz im Zelt auskommen wollen, weil sie dieses Campinggefühl lieben: morgens raus, in die Hängematte unter den Pinien, danach frühstücken, barfuß, die Zehenspitzen in den noch kühlen, aber lockeren Sand gegraben.

Wenn es regnet, ist nichts locker. Nicht der Sand. Nicht die Leute.

Es ist Freitagmorgen, der 8. August. Sagt jedenfalls die Stimme im Lautsprecher, die die Urlauber daran hindert, in völlige Datumsvergessenheit zu geraten. Guten Morgen also um kurz vor elf bei 28 Grad und 26 Grad warmem Wasser. Luftfeuchtigkeit: gefühlte Sauna. Der Sand: nass vom Regen des Vortags. Die Heringe gehen trotzdem problemlos in den Boden, aber das Wühlen mit den Zehen im nassen Sand macht eben nicht wirklich Spaß.

Warum das Wetter so verrückt gespielt hat in diesem Sommer, wissen sie auf dem Campingplatz natürlich auch nicht. Sie müssen nur irgendwie damit zurechtkommen. In der Hauptsaison haben sie 11 000 Menschen hier, der Union Lido ist eine Kleinstadt, ein Urlaubskosmos für vornehmlich deutsche, italienische, holländische Gäste. Aber selbst aus Großbritannien fahren sie hierher. Und was die Gäste von ihnen erwarten, ist den Managern des Platzes schon klar: Entspannung. Eine heile, geordnete Welt, in der am Morgen die Piniennadeln von den Wegen gerecht werden und der Sand am Strand geglättet wird. Sommergefühl. Und dazu gehört: das Anwärmen der Haut, bis sie kribbelt, der Zikadengesang, die Sonne des Südens.

Zwei, drei Regentage - schwer zu verzeihen

Das war wohl schon immer so, seit die Deutschen Italien als Urlaubsland entdeckt haben. Und doch hätten sich die Erwartungen an den Urlaub in den vergangenen Jahren verändert, sagt Gruber. Die Zeit, die die Gäste mitbringen, wird immer kürzer - zehn, acht Tage statt wie früher 14 sind mittlerweile die Regel. Zumindest bei den deutschen Gästen ist das selten eine finanzielle Frage - die teuersten Mobile Homes ließen sich am ehesten vermieten, sagt Gruber -, es ist eher eine soziologische. Die Menschen gönnen sich weniger Sommerurlaub. Weil sie ihre Urlaubstage anders übers Jahr verteilen; oft aus dem Gefühl heraus, in der Arbeit nicht so lange verzichtbar zu sein. "Schwierige Entwicklung", sagt Gruber. Denn: "Je kürzer der Sommerurlaub wird, umso perfekter muss er sein." Umso weniger verzeiht man zwei, drei Regentage. Zumal die Menschen, das hat Gruber beobachtet, immer abgearbeiteter ankommen und sich zunehmend schwerer tun abzuschalten. Immer erreichbar zu sein, auch auf dem Campingplatz, ist vielen wichtig. Die erste Frage an Gruber lautet oft: "Habt ihr Wlan?"

Ja, haben sie. Mehrere Zehntausend Euro habe man in den vergangenen zwei Jahren investiert in den Ausbau des Internets auf dem Platz, sagt Gruber. 50 Hotspots gebe es mittlerweile auf dem 60 Hektar großen Gelände. Das Internet ist dennoch schon bei guten Wetter lahm. Bei Regen, gibt Gruber zu, habe man "ein großes Problem". Alle gehen ins Zelt, in den Wagen oder in ihr Mobile Home. Und alle fahren gleichzeitig ihren Laptop hoch oder schalten das Tablet ein. Und dann: keine Verbindung. Nicht gut für die Stimmung. Es gab schon Gäste in diesem Regensommer, die gefordert haben, dem Campingplatz sollten Sterne entzogen werden, weil das Wlan zu langsam war.

Und da kommt Mauro Spunton ins Spiel, Chef der Animateure auf dem Platz und am Samstagvormittag gerade damit beschäftigt, die Kulissen für das Musical "König der Löwen" aufzubauen, rot glühende Savannenlandschaft auf Sperrholz. Samstag ist Musical-Tag auf dem Campingplatz. Die Animateure spielen selbst, proben schon lange im Voraus. Drei verschiedene Stücke hatten sie für diesen Sommer eingeübt, erzählt Spunton, aber nur an einem Samstag, am 2. August, war das Wetter so gut, dass die Aufführung stattfinden konnte. Der Regenfrust beschränkt sich also nicht auf die Touristen. Der Unterschied ist nur: Die Gäste können vorzeitig abreisen, wenn es ihnen reicht. Die Animateure müssen durchhalten und dürfen sich nichts anmerken lassen.

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