bedeckt München 15°

Rating:Geben Sie nichts auf Online-Bewertungen!

Reiseethik Gute Reise: Bewertungen

Was viele Kritiker nicht bedenken: Ihre Bewertung gibt viel Einblick in die Psyche des Autors.

(Foto: Illustration: Alper Özer)

Hotels, Restaurants, Sehenswürdigkeiten - alles wird von Urlaubern bewertet. Warum wir uns davon wenig versprechen sollten.

Die Inka-Ruine Machu Picchu ist die sehenswerteste Sehenswürdigkeit der Welt. Vor der Scheich-Zayid-Moschee in Abu Dhabi und der Tempelanlage Angkor Wat in Kambodscha. Das hat das "Traveller's choice"-Ranking von Tripadvisor ergeben, nach eigenen Angaben mit mehr als 200 Millionen Bewertungen und Erfahrungsberichten das größte Urlaubs-Portal der Welt.

Und wenn es überhaupt eines Beweises bedarf, dass sich der Bewertungs-Wahnsinn des Internets selbst ad absurdum führt, dann ist es das: eine Hitliste der beeindruckendsten Monumente der Menschheitsgeschichte, die Charts der erhabensten Denkmäler. Egal ob Petersdom, Golden Gate Bridge oder die Chinesische Mauer (Platz 4, 11 und 16), jedes dieser Monumente steht in seiner Einzigartigkeit und seiner Bedeutung für sich - keine Rangliste könnte dem sinnvoll gerecht werden.

Das hindert die Online-Seiten und Portale nicht daran, es trotzdem zu versuchen. Nicht nur Kaffeemaschinen, Weltliteratur und Telefonanbieter kämpfen im Internet um Sternchen und Bestnoten, auch aus dem Urlaub ist ein großes Assessment-Center geworden. Die digitale Welt macht aus dem Reisenden einen Punktrichter, der kritisch über die Performance sämtlicher touristischer Angebote wacht - vom Hotel über das Museum bis zur winzigen Imbissbude.

Allüre eines Gourmet-Restaurant-Kritikers

Schon vor der Buchung werden akribisch die Kommentare der bisherigen Reisenden studiert. Der Bacon auf dem Frühstücksbuffet war nicht richtig kross und das Handtuch kratzig? Da buchen wir aber nicht! Die finale Entscheidung für ein Reiseziel samt Unterkunft kommt schließlich der Wahl des kleinsten Übels gleich - findet sich doch auch für das schönste Hotel noch ein kritteliger Eintrag, der unter der reißerischen Zeile "Nie wieder!" ein Horror-Szenario schildert.

Und wer sich bereits vor der Abreise die Allüre eines Gourmet-Restaurant-Kritikers angelesen hat, der wird sie auch während des Urlaubs immer mit dabei haben: die gedankliche Checkliste samt Rotstift. Service, Sauberkeit, die Breite des Lächelns beim Personal, das Angebot am Frühstücksbuffet ... Bei jedem Lapsus gibt es Punktabzug - und sei es wegen der nicht ordentlich genug gefalteten Tagesdecke, zu viel oder zu wenig Eis im Getränk, zu viel oder zu wenig Schärfe im Essen. Nach der Rückkehr wird digital abgerechnet.