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Architektur am Radweg:Platz für Pausen

Projekt "Sieben Kapellen"
Name der Kapelle im Dateiname

Schön ruhig: Auch die Kapelle Oberthürheim von Christoph Mäckler gehört zu dem Projekt "Sieben Kapellen".

(Foto: Eckhart Matthäus/Siegfried und Elfriede Denzel Stiftung)

An einem Radweg im Donautal haben sieben Architekten Holzkapellen gebaut - mit sehr unterschiedlichen Ideen.

Von Evelyn Pschak von Rebay

Manchmal dürfen sich Architekten über ganz besondere Aufgaben freuen. "Den Auftrag, eine Kapelle zu bauen - wie oft erhält man den schon im Leben?" Alen Jasarevic hat ihn bekommen. Er ist mit seinem Team Teil des zeitgenössischen Bauprojekts Sieben Kapellen. Der Architekt mit Büro im schwäbischen Mering hat eine von sieben Kapellen gebaut, die ein Wertinger Stifterpaar zwischen 2018 und 2020 entlang neuer Radwege im schwäbischen Donautal errichten ließ. "Einen besonderen Raum am Wegrand zu erschaffen, mit sehr einfachen Mitteln, der berührt und etwas mitgibt. Das war das Ziel", sagt der 47-jährige Architekt.

Ein Ziel, das ganz dem Zweck der Siegfried und Elfriede Denzel Stiftung entspricht. Die Holzunternehmer sind fest verwurzelt in ihrer Heimat und gründeten 2016 die Stiftung, um Kunst, Geschichte, Kirche, Religion und Kultur zu fördern. Sie betrauten den damaligen Bezirksheimatpfleger Peter Fassl damit, ein Stiftungsprojekt zu entwickeln, in dem sich die einzelnen Inhalte zu einem großen Ganzen zusammenfügten. Und der promovierte Historiker und Theologe wurde fündig: Entlang der neuen Radwanderwege rund um Dillingen, so fiel es Peter Fassl nämlich auf, fehlte die Gliederung der Abschnitte durch kulturelle oder religiöse Zeichen. Bis ins 19. Jahrhundert jedoch, beschreibt der gebürtige Augsburger, seien die Wege und Straßen im katholischen Süddeutschland christlich kartiert gewesen. Mit Kapellen an wichtigen Kreuzungen, Marterln und Wegkreuzen, die Orientierung gaben und einen Maßstab für Entfernungen.

"Da ich selbst gerne mit dem Rad unterwegs bin, weiß ich außerdem, wie schön Rastplätze sind", sagt Fassl. Das Ziel war, die alte Tradition des Kapellenbaus in zeitgenössischer Gestaltung weiterzuentwickeln. Zu architektonischen Landmarken, die nachhaltig, dauerhaft, reparaturfreundlich, pflegeleicht und jederzeit frei zugänglich sein sollten. Bauliche Vorgaben seitens der Stifter gab es wenige: aus Holz sollten die Kapellen sein, ein Kreuz mussten sie tragen.

Sieben Architekten wurden beauftragt. Unter ihnen auch Alen Jasarevic, dessen Wegkapelle in den Donauauen steht. Sie ist ein asymmetrisch aufragender Holzbau aus Weißtannenholz. Die glatte, industrielle Holzfläche des Gebäudeinnern kerbte der Meringer Künstler Josef Zankl mit mehr als zwei Millionen Hohleisenschnitten ein. Einmal habe er den Holzbildhauer gefragt, wie lange er für die Innenwände denn jetzt noch bräuchte. "Und da hat er mir geantwortet: eine Kerbe, ein Herzschlag, jetzt kannst du's dir selbst ausrechnen", sagt Jasarevic. "Alle Mitarbeiter gehen immer noch einen Schritt weiter und arbeiten nicht nur fürs Geld." So seien im Verbund mit den anderen sechs Architekten sehr unterschiedliche und außergewöhnliche Kapellen entstanden.

Die intelligente Schlichtheit ist allen sieben Bauten gemein. Im Innern findet man kein liturgisches Mobiliar, aber immer Holzpodeste zum Sitzen und auch ein Gästebuch. Alle zwei bis drei Monate müssten die schwarz gebundenen Büchlein ausgetauscht werden, erzählt Siegfried Denzel und deutet auf eine Reihe archivierter Gästebücher, die in seiner heimischen Bibliothek stehen, dicht an dicht mit all den Bänden über Sakralkunst und -architektur sowie historischen Bibeln in brüchigem Leder. "Ich werde in sechs Monaten und zehn Jahren hundert sein", sagt der Wertinger. Und bekräftigt, dass die Menschen, unabhängig vom Alter, nach etwas Höherem suchen: "Bis zum Tod brauchen wir Ziele." Auch diesem Umstand wolle er mit den Sieben Kapellen begegnen: "Wir laden hier die Menschen ein, ein Ziel zu finden und in der Natur zu rasten. In einem Bauwerk, das stets offen ist. Zum Nachdenken. Zur Besinnung. Als Ziel."

Das Stifterpaar Denzel hat nicht nur die Bauplätze für die Kapellen erworben und die Baukosten übernommen, auch Pflege und Unterhalt der Kapellen ist für die kommenden 100 Jahre über die Stiftung abgesichert. Die Realisierung aller sieben Kapellen sei mit einer Million Euro kalkuliert gewesen, berichtet der 89-Jährige: "Das hat aber nicht gereicht." Doch dafür ist jetzt dieser etwa 120 Kilometer lange Radrundweg im Donautal mit sieben Kapellen bestückt. Man fährt gemütlich an langgestreckten Dörfern entlang. An Schützenheimen, Feuerwehrgerätehäusern und den wegen der Pandemie noch immer geschlossenen Gastwirtschaften. An Windrädern, Höfen und Feldern, an bereiteten Äckern mit tief gezogenen Furchen. An Waldrändern und sanften Hügeln.

"Die Natur hat immer den Ausschlag für den Standort gegeben", erklärt Denzel das Prozedere der gemeinsamen Grundstücksuche mit den Architekten. Dann habe der Erbauer "in die Natur hinein, ergänzend, ein Denkmal gesetzt". Nicht die Kapelle, sondern die Natur stünde im Vordergrund, betont der Stifter.

Wenige Kilometer vom Wertinger Wohnhaus der Denzels entfernt befindet sich unter den Kastanien einer Wegkreuzung westlich von Oberthürheim, an der Hangleite des Donautals, die jüngste der sieben Kapellen, die im vergangenen Dezember - wie sämtliche Stiftungsbauten - ökumenisch gesegnete Wegkapelle des Frankfurter Architekten Christoph Mäckler. Der schmale, steil aufragende Lärchenholzbau, zwölf Meter hoch, acht Meter lang, drei Meter breit, weist in seiner Betonung des Vertikalen zurück auf die Gotik als Hochzeit sakraler Architektur. Um die Mystik zu vervollkommnen, tauchen 172 in die Längsfassaden eingelassene blaue Farbgläser und ein goldgelb in den Westgiebel eingefügtes Kreuz den Innenraum in schimmerndes Licht. Das Bauwerk ist aber nicht immer ein Ort der Ruhe, sagt der Stifter. Manchmal komme eine Opernsängerin her, "um die Akustik der Kapelle für ihre Stimmübungen auszuschöpfen".

© SZ
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