Quer durch Kanada: The Canadian:Tag II: Ontario, immer nur Ontario

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Tag II: Ontario, immer nur Ontario

Quer durch Kanada: The Canadian: Gespannte Ruhe: Wie wird es sein, vier Tage auf der Schiene?

Gespannte Ruhe: Wie wird es sein, vier Tage auf der Schiene?

(Foto: Foto: Verena Wolff)

Aufstehen, duschen, frühstücken - letztlich ist auch im Zug wenig anders als zuhause. Man muss allerdings durch den Klimaanlangen-gefrosteten Zug, um unter die Dusche am Ende des Wagens zu gelangen - aber es könnte schlimmer sein. Das Frühstück ist eine entspannte Angelegenheit - um sechs Uhr morgens haben noch nicht allzu viele Reisende Hunger. Eier gibt es, das Omelette des Tages, Frühstücksflocken oder eine riesige Zimtschnecke, dazu Kaffee und Saft. Besser können es viele Hotel auch nicht.

Danach: Sitzen im Dome Car, dem Wagen mit der gläsernen Kuppel, die Rundumblick auf die grünen, von Seen durchzogenen Mischwälder Kanadas gibt. Stundenlang geht das so, mal dreht der Zug eine weitläufige Kurve nach rechts, mal nach links. Von Elchen, die es hier zuhauf gibt, erzählt Phil, ein Ex-Militär und passionierter Jäger aus der Hauptstadt Ottawa den drei Frauen aus Australien, die in den Reihen vor ihm sitzen. Auch Bären sollen hier im Norden Ontarios leben - doch bis zum Abend haben alle nur ein paar Biberburgen in den hunderten Seen entdeckt, und die eine oder andere Entenfamilie. Nichts Imposantes aus dem Tierreich entlang des Weges also.

Zwei Stopps im Nirgendwo

Sehr interessant aber: Die zwei Stopps, die auf dem Programm stehen. Der erste in Foleyet, der zweite in Hornepayne. In den ersten fährt der Zug mehr als eine Stunde zu früh - und obwohl es einen Fahrplan gibt, fährt er nach kaum einer Viertelstunde weiter. "Die Leute, die hier zusteigen wollten, sind schon da" sagt Schaffner Lou. Kein Wunder - denn wenn hier der Zug einfährt, kriegt es das ganze Dorf mit.

Der zweite Halt mit mehr als einer Stunde Aufenthalt ist das Dörfchen Hornepayne, das wohl schon bessere Tage gesehen hat. Einen General Store gibt es hier, vielleicht hundert Meter von den Gleisen entfernt. Und da findet sich denn auch der ganze Zug wieder - zwischen Chips und Bonbons, Videokassetten, Sekundenkleber, Angeln und Ködern, kalter Cola und Sonnenschutzmittel.

Die Passagiere aus der Coach Class müssen sich mit neuem Proviant eindecken, denn in ihr Ticket ist weder eine bequeme Pritsche noch eine einzige Mahlzeit eingeschlossen. Nach knapp 100 Minuten in diesem Dorf, das angeblich heute von der Holzindustrie lebt - kein Handyempfang, kein Internet, keine öffentlichen Telefone - geht es weiter wie schon den ganzen Tag: Kiefern, Birken und immer wieder bunte Blumen entlang des Weges, dazu Seen, soweit das Auge reicht. "Aber kein Getier", beklagen die australischen Damen.

Am Abend, in der zweiten Schicht, ein schlichtes, aber äußerst wohlschmeckendes Drei-Gänge-Menü: Salat oder Suppe, Prime Rib, Forelle, Huhn oder Vegetarisches, Käsekuchen oder Schokoladentorte als Dessert. Und dann ein Film im Unterhaltungswagen, Bingo, Scrabbeln, Puzzeln oder einfach ausführliches Aus-dem-Fenster-schauen. Inzwischen ist der Zug so weit im Norden, dass es um 23 Uhr noch nicht richtig dunkel ist. Und sicher wird es morgen sehr früh hell - aber das ist gut so. Denn heute Nacht gewinnen die Passagiere eine Stunde beim Übertritt von der Eastern in die Central Time. Und noch dazu steht am Morgen bereits um acht Uhr früh ein Stopp an in Winnipeg, dem Zentrum Manitobas.

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