bedeckt München
vgwortpixel

Psychotherapeutin:Gemeinsam stark

Anneli-Sofia Räcker beschloss nach einer Nepal-Reise, den Kindern dort zu helfen. Nach dem Erdbeben kämpft sie nun auch um mehr Respekt für die Einheimischen.

Die Bremer Psychotherapeutin Anneli-Sofia Räcker gründete nach einer Nepal-Kulturreise 2006 die Ketaaketi-Gesellschaft, um armen Kindern zu Schulbildung zu verhelfen. Das Erdbeben hat vieles zerstört, was Räcker mit ihren nepalesischen Partnern aufgebaut hatte, vor allem Projekte in entlegenen Bergdörfern sind betroffen. Räcker, die mit Ketaaketi regelmäßig Projektreisen nach Nepal anbietet, setzt darauf, dass nun auch viele Touristen spenden, die Land und Menschen auf Reisen selbst kennengelernt haben.

SZ: Haben Sie schon einen Überblick über die Situation der Kinder und Schulen, die Ketaaketi unterstützt?

Anneli-Sofia Räcker: Am dramatischsten ist die Situation im Kavre-Bezirk östlich von Kathmandu, wo wir eine Schule mit 350 Schülern und zwei kleine Bergschulen unterstützen. Dort sind wohl 95 Prozent der Häuser zerstört, unter anderem die Schulgebäude, aber zum Glück sind nur ein oder zwei Kinder ums Leben gekommen. Von einem Bergdorf, in dem wir 80 Frauen mit Mikrofinanzierung unterstützen, wissen wir noch gar nichts. Dorthin gibt es noch keine Kommunikation, und die Straßen sind teilweise zerstört, was uns die Hilfe erschweren wird.

Wie ist die Lage in Kathmandu?

Die Lehrer unserer Tilganga-Schule sind alle am Leben, von den Kindern wissen wir es noch nicht. Viele sind mit ihren Eltern aufs Land geflüchtet, weil auch die Slums zerstört sind. Daher ist es schwierig, einen Überblick zu bekommen. Das Schulgebäude selbst ist auch beschädigt, Wände sind eingestürzt und gerissen, Schulbänke sind zerstört. Aber das kann man sicherlich alles reparieren. Wich- tig ist, dass keine schweren Nachbeben folgen.

Sie bieten regelmäßig Projektreisen für Ketaaketi-Unterstützer nach Nepal an, was wollen Sie damit erreichen?

Vor allem eine Stärkung des internationalen Gemeinschaftsgefühls. Unser Modell der Welt-Familie steht für eine selbstverständliche Mitverantwortlichkeit für den anderen, ein Familien-Denken. Bei den Projektreisen können die Mitreisenden sehen, wie diese Form des partnerschaftlichen Miteinanders praktiziert wird und wohin die Gelder gehen. Das Ziel dieser Reisen ist aber auch, dass die Teilnehmer eine andere Mentalität sehen und respektieren lernen, dass diese Menschen im Rahmen ihrer sehr schlechten Lebensbedingungen enorme Leistungen vollbringen. Die Spendenbereitschaft ist durch die Projektreisen ganz deutlich angewachsen, weil die Reisenden das Potenzial und die Motivation der Menschen vor Ort kennenlernen.

Kinder leiden oft besonders unter den Folgen von Armut und Katastrophen. Sie werden unterstützt vom Ketaaketi-Verein.

(Foto: Mirco Lomoth)

Spiegelt sich darin auch Ihre eigene Erfahrung? Sie selbst haben ja nach einer Reise beschlossen, den Kindern in Nepal zu helfen.

Ja, ich habe mich immer wieder von der Reisegruppe abgesetzt, um mit Einheimischen in Kontakt zu kommen. Mich hat die Armut sehr schockiert, vor allem die aussichtslose Situation vieler Kinder. Ich traf damals Rajesh Regmi, der im Tempelbezirk von Kathmandu eine kostenlose Schule für Straßenkinder eröffnet hatte, für die ihm das Geld fehlte. Ich sah den Willen zu lernen in den Augen der Kinder, und als ich nach Deutschland zurückflog, war mir klar, dass ich Regmi unterstützen muss. Auf Reisen können enge emotionale Bindungen entstehen, die eine Grundlage für das Solidaritätsgefühl schaffen, das Nepal jetzt braucht.

Sehen Sie es als moralische Verantwortung für Touristen und Reiseveranstalter, den Menschen in Nepal jetzt zu helfen?

Nepals Menschen faszinieren fast alle Touristen durch ihre Freundlichkeit und Herzenswärme. Das Gefühl von Dankbarkeit, solche Menschen kennengelernt zu haben, bringt sicher einen starken Wunsch mit sich, sie in dieser Notlage zu unterstützen.

Ich habe in den vergangenen Tagen erfahren, dass sich viele Veranstalter und Touristen bereits kümmern. Bei den Reiseveranstaltern liegt jetzt aber auch die Verantwortung, Gäste vor künftigen Reisen aufzuklären, damit sie den Nepalesen sensibilisiert und mit höchstem Respekt begegnen. Der größte Fehler wäre, sie wieder als Hilfeempfänger abzustempeln. Wir müssen anerkennen, dass es hochkompetente Menschen sind, die nur gerade in eine existenzielle Notlage geraten sind.

Wie gehen die Nepalesen mit der Katastrophe um?

Mit einer für uns erstaunlichen Gelassenheit. Das hat mit ihrem hinduistischen Glauben zu tun und mit der erlernten Haltung des täglichen Überlebens. Nepal ist ein bettelarmes Land, und viele Menschen dort sind an einen täglichen Überlebenskampf gewohnt. Mit der körperlichen Auszehrung droht dieser Überlebenswille allerdings zusammenzubrechen. Deswegen muss die existenzielle Unterstützung schnell und menschlich verlaufen, ohne große Bürokratismen. Die Menschen in Nepal brauchen jetzt das Gefühl, dass die Welt an ihrer Seite steht.

Wirft das Erdbeben die Arbeit von Ketaaketi weit zurück?

Wir müssen einige materielle Löcher stopfen, aber wir werden in den Gemeinden nicht mehr dieses Gefühl des totalen Verlorenseins vorfinden, wie vor einigen Jahren, als wir dort anfingen. Die Leute haben seither eine enorme Aufbauarbeit geleistet, die bis vor wenigen Tagen bestanden hat und jetzt zum Teil wieder zerstört wurde. Das ist tragisch und ärgerlich, aber es ist auch ein Bewusstsein entstanden für die eigenen Potenziale und ein Gefühl des Nicht-allein-Seins. Wir stehen als Partner jetzt wieder neben ihnen.

Anneli-Sofia Räcker, hier bei einem Besuch in Nepal vor dem Beben, unterstützt mit ihrer Hilfsorganisation 20 Schulprojekte. Etwa 2000 Kinder werden dort unterrichtet. Der Wiederaufbau hat bereits begonnen.

Wie wird Ihre Hilfe konkret aussehen?

Wir werden versuchen, mit Jeeps die entlegenen Projektdörfer zu erreichen, und gezielt Nothilfe-Spenden für den Wiederaufbau zu verteilen, etwa für Reparaturen an Schulen, Wohnhäusern oder an der Trinkwasserversorgung. In Kavre, wo die Schulen ganz kaputt sind, werden wir Behelfsklassenräume schaffen. Damit die Leute erst einmal wieder ins Leben zurückfinden können. Gerade jetzt müssen wir unsere Schulen wieder als Zufluchtsorte für bedürftige Kinder und Eltern betrachten.

Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe - was bedeutet das jetzt?

Unser Prinzip ist auch in der aktuellen Situation, dass wir nicht kommen und vorschreiben, was zu tun ist, sondern die Leute fragen, was sie brauchen und erst dann mit eigenen Ideen kommen. Wir werden mit den Schulleitern besprechen, wie wir ihren Schulbetrieb gemeinsam wieder aufbauen können. Es geht nicht darum, was wir Deutschen für die Nepalesen tun, sondern was wir mit den Nepalesen tun können.

Was muss die Internationale Gemeinschaft in Nepal besser machen als nach dem Erdbeben in Haiti 2010?

Bei allen Zuwendungen sollten die Partner genau befragt werden, was und wie viel sie wirklich brauchen. Statt die Menschen mit Spenden zu überhäufen, sollte man auch die Gemeinschafts- und Selbsthilfefähigkeit beachten und stützen. Die existenzielle Versorgung muss gesichert sein, das ist klar, aber man muss Entwicklung so zulassen, wie sie dem Land entspricht.

Der Verein im Internet: www.ketaaketi.de. Informationen zu Projektreisen: Christiane Off-Heinrich, Tel. 0421/841 33 48, off-heinrich@ketaaketi.de