Ponte Tower in Johannesburg:Einst gelebte Apokalypse, heute Symbol des Aufbruchs

Der Ponte Tower durfte einst nur von Weißen bewohnt werden, dann machten sich Kriminelle breit. Doch nun steht das einst schlimmste Mietshaus Johannesburgs für den Wandel der Stadt zum Besseren.

Von Andrea Tapper

Da unten, wo die Glassplitter im Müll funkeln und die Menschen wie Stecknadeln aussehen, herrscht noch Krieg. Banden kontrollieren ganze Häuserzeilen, in einem Land, in dem pro Tag im Schnitt fast 50 Menschen durch Gewalt ums Leben kommen. Hier oben aber ist die Lage befriedet. Man kann jetzt in aller Ruhe von einem Penthouse im 51. Stock aus über Johannesburg blicken, über braun-rote Ziegelsteinhochhäuser, Art-déco-Gebäude, den bunt angestrahlten Fernsehturm. Man sieht, wie dicht bebaut die Innenstadtviertel Hillbrow, Berea und Yeoville sind. Und an der Peripherie zeichnen sich jene Hügel ab, die Überbleibsel der Goldminen sind, die vor 130 Jahren zur Gründung von Johannesburg führten.

Michael Luptak, 32, ein weißer Südafrikaner, und Francois Leya, 23, der sich selbst als "illegaler Immigrant aus dem Kongo" vorstellt, haben ihr Büro in diesem Penthouse im 51. Stock des Ponte City Tower. Von hier aus führen die beiden Mitglieder einer Nachbarschaftsinitiative Touristen durch die berüchtigten Innenstadtviertel der südafrikanischen Wirtschafts- und Finanzmetropole - und durch deren bekanntestes Gebäude, den betongrauen, zylindrischen Ponte-Turm. Mehr als 20 Jahre lang sorgte er weltweit für negative Schlagzeilen. Das höchste Mietshaus Afrikas, 173 Meter hoch, 485 Apartments, in der Mitte ein lichtspendender Schlund von Innenhof. Als trendiges Stadtdomizil 1975 ausschließlich für Weiße gebaut, seit dem Ende der Apartheid als "vertikaler Slum, Mega-Bordell und Drogenhölle" verschrien: Der Wohnturm hat eine lange, unrühmliche Geschichte. Es ist die Geschichte Südafrikas.

Allerdings scheint diese hier gerade ein Happy End zu finden. "Im Turm wohnen wieder ganz normale Leute, meist Mittelstand", sagt Francois Leya, der sich eine Wohnung mit zwei Mitbewohnern teilt. Nach einem Investorenwechsel und einer Grundreinigung, bei der sogar Leichen auftauchten, wurde das einstige Horrorhaus wieder zu einem normalen Wohnhaus.

Auf Klingeln öffnet im 53. Stock Junior, ein junger Mann in rotem T-Shirt. Sein Wohnzimmer ist in dezentem Grau renoviert, der Boden glänzend weiß gefliest, doch statt Sofas und Sesseln steht ein dunkelblau bezogenes Doppelbett mit Plüschbären im Raum. "Gehört einer meiner Schwestern", sagt Junior und erzählt, dass sie zu viert hier wohnen: er und drei Geschwister. Damit stößt die Familie fast schon an die Toleranzgrenze im neuen Ponte. Nicht mehr als fünf Erwachsene dürfen in einer Wohnung leben. In der Lobby muss jeder durch ein metallenes Drehkreuz und seinen Fingerabdruck scannen lassen. 2500 Bewohner und deren Besucher beugen sich der strikten Hausordnung. "Die Kontrollen sind okay", sagt Junior. Er weiß: Es geht nicht nur um Sicherheit; es geht um ein neues Gesicht für südafrikanische Städte - und immer noch um die Spätfolgen der Apartheid in der "Regenbogennation", wie der frühere Erzbischof Desmond Tutu sein Land genannt hat.

"Halb Mädcheninternat, halb Fort Knox", so werde der symbolträchtige Betonkoloss heute gemanagt, erklärt Michael Luptak, wenn er Besuchergruppen herumführt. Rucksacktouristen sind dabei, Afrika-Urlauber, manchmal auch weiße Kids aus den Vorstädten, die sagen: "Alleine hätte ich mich nie hierher getraut." Der Turm zieht Reisende an, die sich in dem Land am Kap nicht nur für Löwen, Strände und Wein interessieren. Bewohner wie Junior gewähren ihnen Einblick in ihre Wohnungen. Der Blick aus den oberen Stockwerken macht alte und neue Demarkationslinien sichtbar: die glitzernden Shoppingmalls im Norden, verlassene Kleinindustrie-Viertel im Osten, chaotisches Afro-Flair mit Straßenständen, Lärm und Menschengedränge in der Innenstadt.

Während der schlimmsten Zeiten hausten im Ponte rund 10 000 Menschen, bis zu 20 pro Apartment. "Man erkannte sie an den Vorhängen", erzählt der Aktivist Francois Leya. "Die schwarzen gehörten Gangstern, rosafarbene und rote den Prostituierten, die weißen normalen Familien." Weiße Vorhänge gab's bald so selten wie Strom, wochenlang keine funktionierenden Aufzüge, kein Wasser, "Blowjobs und Kokain hingegen auf jeder Etage." Der Müll im Innenhof stapelte sich fünf Stockwerke hoch. Ponte wurde zum Synonym für die gelebte Apokalypse. Heute gilt die Regel: Wer Abfall aus dem Fenster wirft, erhält am nächsten Tag den Räumungsbefehl. Die Mieten für die Zwei- bis Vierzimmerwohnungen liegen umgerechnet zwischen 150 und 400 Euro. "Geht gerade noch", sagt Junior, der in einem Restaurant jobbt. Südafrika hat 30 Prozent Arbeitslosigkeit. Andererseits hat sich die schwarze Mittelklasse zwischen 2003 und 2013 verdoppelt.

Wie konnte es mit dem Ponte-Hochhaus so weit kommen? Johannesburg, das 4,5 Millionen Besucher jährlich anzieht, musste sich seit dem Ende der Apartheid "nicht nur regenerieren, sondern komplett neu erfinden", sagt Städteplanungsexperte Gerald Garner, "von einem weißen Kunstgebilde zu einer afrikanischen Stadt". Aus Townships wurden langsam normale Vorstädte; das Zentrum jedoch - während der Apartheid Weißen vorbehalten - wandelte sich zum Immigranten-Slum. Nachdem die weißen Bewohner in die nördlichen Vorstädte geflohen waren, zogen aus afrikanischen Nachbarländern ungebremst Menschen hinzu.

Es gibt jedoch auch Viertel, die die gesellschaftlichen Umbrüche in Südafrika relativ gut überstanden haben. Das Studentenviertel Braamfontein zählt dazu. Private Investoren bauten mithilfe der Stadt aufgegebene Bürohäuser zu Studentenbuden um. An der Witwatersrand-Universität, wo Nelson Mandela als einer der ersten Schwarzen Jura studiert hat, sind heute 33 000 Studenten aller Hautfarben eingeschrieben. Im Nachtclub "Orbit" treten kongolesische Bands auf; man kann sein Auto vor der Tür parken, ohne dass später die Spiegel fehlen.

"Es gibt immer einen Weg hinaus"

Obwohl viele Straßenzüge inzwischen mit Kameras überwacht werden, gelten große Teile der Innenstadt nach wie vor als nicht sicher - auch für Besucher. Hillbrow, wo der Ponte Tower liegt, gehört dazu. "Ja, es ist gefährlich hier", sagt der temperamentvolle Francois Leya, der als Fünfjähriger mit seiner Mutter aus dem Kongo nach Südafrika kam. Er mahnt, die Handtaschen festzuhalten: "Doch für uns ist es das ganz normale Leben." Die Historikerin Jo Buitendach, die geführte Touren durch das Studentenviertel Braamfontein anbietet, gibt ihm recht: "Joburg hat sicher noch viele Probleme, aber alles ist besser als das Apartheidsystem vorher."

Alles? Bis heute quält Johannesburg eine spezielle südafrikanische Variante von Hausbesetzungen. "Beim Wohnungs-Hijacking nehmen sich Banden leer stehende Gebäude und vermieten sie illegal an Bedürftige", erklärt Francois Leya während der Ponte-Tour seinen Gästen. 120 000 solcher Mietverhältnisse soll es sogar nach offiziellen Angaben des neuen Bürgermeisters Herman Mashaba im Zentrum Johannesburgs noch geben. Auf dem 58-jährigen Unternehmer, der 2016 mit der Oppositionspartei Demokratische Allianz gegen den allmächtigen ANC gewonnen hat, ruhen große Hoffnungen. Er kennt die Probleme seines Ballungsraums mit geschätzt zehn Millionen Einwohnern: "Prozesse gegen Wohnungs-Hijacker" und "Entschädigungen nach Zwangsräumungen" stehen ganz oben auf seiner To-do-Liste.

Wie ganz Johannesburg idealerweise einmal aussehen könnte, erlebt man bereits auf Touren durch Maboneng, ein Vorzeigeviertel am östlichen Rand der Innenstadt. Nach zehn Jahren Pionierarbeit des visionären Privatinvestors Jonathan Liebmann ähnelt der Bezirk mit Wohnungen, Kunst und Geschäften dem Meatpacking Distrikt in New York. Jeden Sonntag wird er zur Partyzone. Der "Living Room", vor fünf Jahren als Hippie-Kneipe auf einer Dachterrasse mit ein paar Topfpflanzen und Hollywoodschaukeln eröffnet, ist dann so voll wie der Ballermann auf Mallorca: "Ich hätte nie gedacht, dass mein Café mal so explodieren würde", sagt der Besitzer Wayne Brodie, ein rothaariger Rasta: "Aber wir sind das neue Südafrika, der erste Platz Johannesburgs mit einem wirklich gemischten Publikum."

Führungen durch das Gebäude sollen Touristen zum Perspektivwechsel anregen

Was schafft Wandel? Was hat ausgerechnet den Ponte-Turm aus den Fängen der Wohnungs-Hijacker befreit? "Eine schwache Regierung" sei das größte Problem, sagt Liebmann, "Privatinitiative ist oft die Lösung." Hoffnung für das gesetzlose Ponte-Terrain keimte erstmals vor der Fußball-WM 2010 auf, als Investoren eine Umwandlung in Eigentumswohnungen versprachen. Der Plan scheiterte. Doch der Besitzer des Hauses, die Kempston Group, übernahm von den Interims-Investoren Danie Celliers und dessen Frau Elma, zwei Hausmanager mit weitreichenden Befugnissen. Sie warfen illegale Mieter aus 484 Apartments heraus, eine Wohnung nach der anderen wurde frei. Mithilfe von Gabelstaplern und eines Fließbandsystems wurde der stinkende Abfallberg aus dem Innenhof geräumt. Zum ersten Mal seit dem Ende der Apartheid wurden für den Ponte wieder legale Mietverträge unterzeichnet.

"Mit unseren Führungen wollen wir auch einen Perspektivwechsel anregen", sagt Nickolaus Bauer, ein gebürtiger Österreicher, der mit Michael Luptak das Hilfsprojekt angestoßen hat. Der Sohn eines österreichischen Vaters und einer weißen sambischen Mutter nannte es "Dlala Nje", "einfach Spielen" auf Zulu. Denn auch ein Jugendzentrum im Parterre des Turms gehört dazu. Ein paar Jungs tollen auf ausrangierten Couchen; ein 13-jähriges Mädchen sitzt vor einem alten Computer, andere spielen Fußball. 800 Kinder leben zurzeit im Ponte Tower. "Vor uns gab es nichts für sie", sagt Bauer.

Dass gerade das verkommenste Gebäude der Stadt zum Symbol eines neuen Aufbruchs wird, macht die Initiatoren von "Dlala Nje" stolz: "Egal, wie schlecht die Situation auch ist, es gibt immer einen Weg hinaus", sagt Leya. Fragt man ihn, wie er denn die Probleme Johannesburgs angehen würde, kommt die Antwort schnell: "Hausbesetzer zu Hausbesitzern machen, mehr bauen." Es braucht neue Lebensmodelle, das sehen inzwischen irgendwie alle in Südafrika ein. Shoppingmalls für Weiße, innerstädtische Ghettos für Schwarze - so kann die Zukunft jedenfalls nicht aussehen. Doch die Rainbow Nation holt auf. Seit Kurzem, merkt Francois Leya an, gebe es sogar die ersten Airbnb-Apartments im früheren Turm des Grauens.

Reiseinformationen

Anreise: Mit South African Airways (SAA) nach Johannesburg, ab 680 Euro hin und zurück, www.flysaa.com

Unterkunft: Boutique-Hotel Hallmark House im gleichnamigen Loft-Tower im Szeneviertel Maboneng, DZ ab 90 Euro, www.hallmarkhouse.co.za; Hostel Curiocity, Bett ab 15 Euro, www.curiocitybackpackers.com

Walking Touren: Durch den Ponte Tower und durch Innenstadtviertel, www.dlalanje.org; Graffiti und Lifestyle, z. B. im Studentenviertel Braamfontein, www.pastexperiences.co.za; Architektur und Wandel mit Städteplaner Gerald Garner, ab 20 Euro, www.joburgplaces.com

Weitere Auskünfte: www.dein-suedafrika.de

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

© SZ vom 01.03.2018/ihe
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