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Ponte Tower in Johannesburg:Einst gelebte Apokalypse, heute Symbol des Aufbruchs

Der Ponte Tower durfte einst nur von Weißen bewohnt werden, dann machten sich Kriminelle breit. Doch nun steht das einst schlimmste Mietshaus Johannesburgs für den Wandel der Stadt zum Besseren.

Da unten, wo die Glassplitter im Müll funkeln und die Menschen wie Stecknadeln aussehen, herrscht noch Krieg. Banden kontrollieren ganze Häuserzeilen, in einem Land, in dem pro Tag im Schnitt fast 50 Menschen durch Gewalt ums Leben kommen. Hier oben aber ist die Lage befriedet. Man kann jetzt in aller Ruhe von einem Penthouse im 51. Stock aus über Johannesburg blicken, über braun-rote Ziegelsteinhochhäuser, Art-déco-Gebäude, den bunt angestrahlten Fernsehturm. Man sieht, wie dicht bebaut die Innenstadtviertel Hillbrow, Berea und Yeoville sind. Und an der Peripherie zeichnen sich jene Hügel ab, die Überbleibsel der Goldminen sind, die vor 130 Jahren zur Gründung von Johannesburg führten.

Michael Luptak, 32, ein weißer Südafrikaner, und Francois Leya, 23, der sich selbst als "illegaler Immigrant aus dem Kongo" vorstellt, haben ihr Büro in diesem Penthouse im 51. Stock des Ponte City Tower. Von hier aus führen die beiden Mitglieder einer Nachbarschaftsinitiative Touristen durch die berüchtigten Innenstadtviertel der südafrikanischen Wirtschafts- und Finanzmetropole - und durch deren bekanntestes Gebäude, den betongrauen, zylindrischen Ponte-Turm. Mehr als 20 Jahre lang sorgte er weltweit für negative Schlagzeilen. Das höchste Mietshaus Afrikas, 173 Meter hoch, 485 Apartments, in der Mitte ein lichtspendender Schlund von Innenhof. Als trendiges Stadtdomizil 1975 ausschließlich für Weiße gebaut, seit dem Ende der Apartheid als "vertikaler Slum, Mega-Bordell und Drogenhölle" verschrien: Der Wohnturm hat eine lange, unrühmliche Geschichte. Es ist die Geschichte Südafrikas.

Allerdings scheint diese hier gerade ein Happy End zu finden. "Im Turm wohnen wieder ganz normale Leute, meist Mittelstand", sagt Francois Leya, der sich eine Wohnung mit zwei Mitbewohnern teilt. Nach einem Investorenwechsel und einer Grundreinigung, bei der sogar Leichen auftauchten, wurde das einstige Horrorhaus wieder zu einem normalen Wohnhaus.

Auf Klingeln öffnet im 53. Stock Junior, ein junger Mann in rotem T-Shirt. Sein Wohnzimmer ist in dezentem Grau renoviert, der Boden glänzend weiß gefliest, doch statt Sofas und Sesseln steht ein dunkelblau bezogenes Doppelbett mit Plüschbären im Raum. "Gehört einer meiner Schwestern", sagt Junior und erzählt, dass sie zu viert hier wohnen: er und drei Geschwister. Damit stößt die Familie fast schon an die Toleranzgrenze im neuen Ponte. Nicht mehr als fünf Erwachsene dürfen in einer Wohnung leben. In der Lobby muss jeder durch ein metallenes Drehkreuz und seinen Fingerabdruck scannen lassen. 2500 Bewohner und deren Besucher beugen sich der strikten Hausordnung. "Die Kontrollen sind okay", sagt Junior. Er weiß: Es geht nicht nur um Sicherheit; es geht um ein neues Gesicht für südafrikanische Städte - und immer noch um die Spätfolgen der Apartheid in der "Regenbogennation", wie der frühere Erzbischof Desmond Tutu sein Land genannt hat.

"Halb Mädcheninternat, halb Fort Knox", so werde der symbolträchtige Betonkoloss heute gemanagt, erklärt Michael Luptak, wenn er Besuchergruppen herumführt. Rucksacktouristen sind dabei, Afrika-Urlauber, manchmal auch weiße Kids aus den Vorstädten, die sagen: "Alleine hätte ich mich nie hierher getraut." Der Turm zieht Reisende an, die sich in dem Land am Kap nicht nur für Löwen, Strände und Wein interessieren. Bewohner wie Junior gewähren ihnen Einblick in ihre Wohnungen. Der Blick aus den oberen Stockwerken macht alte und neue Demarkationslinien sichtbar: die glitzernden Shoppingmalls im Norden, verlassene Kleinindustrie-Viertel im Osten, chaotisches Afro-Flair mit Straßenständen, Lärm und Menschengedränge in der Innenstadt.

Während der schlimmsten Zeiten hausten im Ponte rund 10 000 Menschen, bis zu 20 pro Apartment. "Man erkannte sie an den Vorhängen", erzählt der Aktivist Francois Leya. "Die schwarzen gehörten Gangstern, rosafarbene und rote den Prostituierten, die weißen normalen Familien." Weiße Vorhänge gab's bald so selten wie Strom, wochenlang keine funktionierenden Aufzüge, kein Wasser, "Blowjobs und Kokain hingegen auf jeder Etage." Der Müll im Innenhof stapelte sich fünf Stockwerke hoch. Ponte wurde zum Synonym für die gelebte Apokalypse. Heute gilt die Regel: Wer Abfall aus dem Fenster wirft, erhält am nächsten Tag den Räumungsbefehl. Die Mieten für die Zwei- bis Vierzimmerwohnungen liegen umgerechnet zwischen 150 und 400 Euro. "Geht gerade noch", sagt Junior, der in einem Restaurant jobbt. Südafrika hat 30 Prozent Arbeitslosigkeit. Andererseits hat sich die schwarze Mittelklasse zwischen 2003 und 2013 verdoppelt.

Wie konnte es mit dem Ponte-Hochhaus so weit kommen? Johannesburg, das 4,5 Millionen Besucher jährlich anzieht, musste sich seit dem Ende der Apartheid "nicht nur regenerieren, sondern komplett neu erfinden", sagt Städteplanungsexperte Gerald Garner, "von einem weißen Kunstgebilde zu einer afrikanischen Stadt". Aus Townships wurden langsam normale Vorstädte; das Zentrum jedoch - während der Apartheid Weißen vorbehalten - wandelte sich zum Immigranten-Slum. Nachdem die weißen Bewohner in die nördlichen Vorstädte geflohen waren, zogen aus afrikanischen Nachbarländern ungebremst Menschen hinzu.

Es gibt jedoch auch Viertel, die die gesellschaftlichen Umbrüche in Südafrika relativ gut überstanden haben. Das Studentenviertel Braamfontein zählt dazu. Private Investoren bauten mithilfe der Stadt aufgegebene Bürohäuser zu Studentenbuden um. An der Witwatersrand-Universität, wo Nelson Mandela als einer der ersten Schwarzen Jura studiert hat, sind heute 33 000 Studenten aller Hautfarben eingeschrieben. Im Nachtclub "Orbit" treten kongolesische Bands auf; man kann sein Auto vor der Tür parken, ohne dass später die Spiegel fehlen.

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