Petit Train Jaune:Metro in die Berge

Der Train Jaune, der gelbe Zug, ist auf der höchstgelegenen Schienenstrecke Frankreichs unterwegs. Er windet sich 1000 Höhenmeter die Pyrenäen hoch - durch eine imposante Landschaft. Eine Fahrt in Bildern.

Sven Weniger

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Petit Train Jaune

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Der Train Jaune befährt die höchstgelegene Schienenstrecke Frankreichs. Er windet sich 1000 Meter die Pyrenäen hoch.

In Olette beginnt Luc Bresses Joggingprogramm. Das Signalhorn des Zugs heult auf. Das ist der Startschuss. Luc Bresse hüpft auf den abschüssigen Bahnsteig und läuft los. "Mesdames, Messieurs, hierher!", ruft er der Wandergruppe zu, die 100 Meter entfernt den letzten Wagen besteigen will. "Am Ende des Zugs ist alles voll, vorne gibt es noch Platz", erklärt er. "Und während der Fahrt den Wagen wechseln geht nicht!"

Er dirigiert die Gruppe nach vorne. Dann schlägt er die Eisentüren der Waggons wieder zu, prüft jede einzelne, ob sie eingerastet ist, trabt den Bahnsteig wieder bergauf, atmet schon ein wenig schwer, als er in seine Trillerpfeife bläst: Abfahrt! Luc Bresse, der Schaffner, schaut noch einmal zurück - alles klar, der Bahnsteig ist leer. Er hangelt sich wieder hinauf in den Triebwagen. Lokführer Alain Poitou betätigt sein Signalhorn erneut. 14.10 Uhr, weiter geht's.

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Hektische Momente wie dieser sind selten beim Petit Train Jaune. Es gibt sie nur, wenn der "Kleine Gelbe Zug" an einer dieser Stationen im Märklin-Format hält, die unerwartet aus den kantigen Granithängen der Pyrenäen auftauchen.

Und auch das tut er nur, wenn ein Fahrgast darum schon beim Einsteigen in Villefranche-de-Conflent gebeten hat oder tatsächlich mal irgendwo Leute warten. Feste Stopps gibt es nur an einer Handvoll der zwei Dutzend Bahnhöfe. Dann muss Luc Bresse Billetts verkaufen, die Waggons kontrollieren, die Sicherheit der Fahrgäste gewährleisten. Einer für alles.

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Der Train Jaune ist ein gemächlicher Zug. Wenn er die 1000 Höhenmeter von Villefranche hinauf in die Berge erklimmt, sieht es von fern aus, als wände sich ein leuchtender Wurm träge durch das moosgrüne Tal der Têt.

Sechs sonnenfarbene Waggons mit roten Streifen, einer von ihnen offen wie eine Kutsche, kriechen hoch über dem Flüsschen durch die Wälder des französischen Languedoc-Roussillon - selten flotter als mit Tempo 30. Drei Stunden braucht der Train Jaune für die 63 Kilometer bis zur Endstation an der spanischen Grenze.

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Der Train Jaune ist ein Phänomen: Er ist der höchstgelegene Zug Frankreichs, 100 Jahre alt, einst eine Hightech-Errungenschaft und lebenswichtig für die Region, dann antiquiert und totgesagt, heute unverzichtbar. Ein Synonym für die Geschichte eines ganzen Landstrichs.

Mitte des 19. Jahrhunderts war dem Wollhandel der Ostpyrenäen die Luft ausgegangen. Die Erzminen lahmten. Ersatz musste her für die arme Bergregion. Thermen hatte es zwar seit den Römern gegeben. Aber nur Reiche konnten es sich leisten, Zeit und Geld für ihre Gesundheit zu investieren. Und die Anreise von der Mittelmeerküste war mühselig. Mehrere Tage war man von Perpignan aus unterwegs. Und selbst, als Züge endlich bis ...

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... nach Villefranche kamen, mussten die Herrschaften noch stundenlang über Stock und Stein rumpeln, um endlich die heilenden Wasser in Vernet-les-Bains zu erreichen oder gar Font-Romeu hoch oben in der Cerdagne, wo kristallklare Luft und die Sonnenlage geradezu nach einem Kurbad und Wintersport verlangten.

Erst der Bau einer Eisenbahnlinie durch die unzugängliche Gegend versprach Abhilfe. Die Aussicht auf Fremdenverkehr hob den Train Jaune Anfang des 20. Jahrhunderts auf die Schienen.

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Der Train Jaune war technische Avantgarde", betont Martine Boher. "Er fuhr von Anfang an elektrisch. Wasser gibt es ja reichlich hier. Man staute es, jagte es durch Turbinen und erzeugte schon damals völlig saubere Energie." Wie fast alle hier identifiziert sich die agile Kunsthistorikerin mit der Schmalspurbahn. Eine "Pyrenäenmetro" sei der Zug mit seiner Stromschiene, durch die 850 Volt schießen, die ihn auch steile Anstiege ohne die Hilfe von Zahnrädern bewältigen lassen.

Boher hat die Sogwirkung des Train Jaune erforscht: "Damals wurden zwei luxuriöse Grand Hotels in Vernet-les-Bains und Font-Romeu gebaut." Reisende aus ganz Europa kamen nun, fuhren mit dem Train Jaune hinauf in die Berge und ließen sich von den Stationen in Kutschen zu ihren Residenzen bringen. Das machte bald die Runde.

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"Der ägyptische Vizekönig ließ es sich hier gutgehen", erzählt Boher. Schriftsteller wie Rudyard Kipling und Hans Christian Andersen lebten in der Region. Und Pablo Casals sei vor dem Spanischen Bürgerkrieg hierher geflohen.

Dem wirtschaftlichen folgte ein kultureller Höhenflug, der die Leute wieder stolz machte auf ihre katalanische Heimat, die sie jeden Tag an sich vorbeiziehen sahen. Denn der kanariengelbe Zug mit den roten Streifen trug von Anfang an die beiden Farben Kataloniens, das einst weit nach Frankreich hineinreichte.

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Die Menschen lieben den Kleinen Gelben Zug", sagt auch Schaffner Bresse und fährt zärtlich mit der Hand über das feuerrote, mit leichtem Schwung geschmiedete Geländer einer Plattform. Jeder Wagen hat zwei außen an die Passagierkabine montierte Stehplätze.

Hier lässt man sich den Fahrtwind um die Nase wehen. Er riecht nach Pinienharz und heißem Schmieröl, ist feucht bei Regen und kühl, wenn es durch einen der 19 Tunnel geht. Drinnen auf den Polsterbänken wäre es bequemer. Doch hier draußen leben Jugendträume auf von Freiheit und Abenteuer. Während der Fahrt sind die Plattformen voll von älteren Männern mit verklärtem Entdeckerblick.

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"Der Zweite Weltkrieg hätte dem Train Jaune fast den Garaus gemacht", sagt Kunsthistorikerin Boher. Die Touristen blieben weg, man hatte andere Sorgen. Die Strecke stand kurz davor, abgetragen zu werden. Damals waren es die Bauern der Cerdagne, die ihn gerettet haben. Sie hatten sich daran gewöhnt, mit dem Zug zum Viehmarkt nach Saillagouse zu fahren und auch im Winter ins Tal zu kommen, wenn alle Wege verschneit waren.

"Seit es moderne Straßen gibt, sind zwar die meisten Stationen verwaist", sagt Frank Martin, der in Font-Romeu Passagiere abholt und Wandertouren organisiert. Fast alle Reisenden ...

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... steigen hier aus. Font-Romeu zieht im Sommer und Herbst Wanderer und Mountainbiker an. "Aber auch zum Skifahren kommen wieder Gäste im Zug zu uns", sagt Martin. Und die werden wie früher auch mit Pferdeschlitten abgeholt. Es gibt Lesungen zu Kipling und Casals-Musiktage.

Eine Region hat ihr Selbstbewusstsein wiedergefunden. Und überall dient der Train Jaune als Aushängeschild. Bald soll er zum Weltkulturerbe der Unesco erklärt werden. Viel Ehre für einen Kurzzug der staatlichen Eisenbahngesellschaft SNCF, der viel Prestige, aber keinen Gewinn einfährt.

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Den Passagieren ist das egal. Sie sind fasziniert von einer der spektakulärsten Bahnstrecken Europas. Wenn es über den steinernen Aquädukt Pont Séjourné geht, klicken die Kameras.

Beim Überqueren der Seilbrücke Pont Gisclard blicken die Fahrgäste mit Schaudern hinunter in die Tiefe des Têt-Tals. Nach Font-Romeu hat Luc Bresse dann kaum noch etwas zu tun. Obwohl die Hochebene der Cerdagne von imposanten Gipfelketten der Pyrenäen eingerahmt wird, sind jetzt kaum noch Leute an Bord.

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In Bourg Madame, kurz vor der Endstation, sitzt Josiane Vila. Sie verkauft Fahrkarten für den Train Jaune, der in Bourg viermal pro Tag hält. Kein anderer Zug hat jemals die eng angelegten Gleise befahren. Sterbenslangweilig müsse das doch sein, oder? "Mais non!", die kugelrunde Madame lacht laut. Sie verkaufe Billetts für ganz Frankreich. Wer nach Paris wolle, müsse schließlich von hier aus erstmal zum nächsten großen Bahnhof. Der Train Jaune sei also auch ein Tor zur Welt.

Nur über eines ärgert sie sich. Als vor einigen Jahren ein moderner Zug dazugekauft wurde, um mehr Komfort zu bieten, sei das bei Einheimischen und Touristen gar nicht gut angekommen. "Der sieht so langweilig aus wie eine Vorortbahn in Paris", sagt sie. "Nicht mal das Tuten klingt so wie beim alten." Sie sage das den Leuten daher schon beim Verkauf der Karten. "Dann will keiner mitfahren, obwohl er genauso gelb ist. Der neue Zug ist immer leer - ein totaler Flopp."

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Quelle: SZ-Graphik

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Anreise: Flug nach Toulouse, von München hin und zurück ab 100 Euro, www.lufthansa.com, weiter mit Bahn und Bus

Unterkunft: Casa Penalolen in Villefranche-de-Conflent, DZ mit Frühstück zwischen 55 und 70 Euro Tel: 0033/468 96 52 35

Train Jaune: Zwischen Villefranche-de-Conflent und Latour-de-Carol verkehrt der Train Jaune viermal pro Tag, bis Font-Romeu sechsmal. Fahrplan: www.casteil.fr

Weitere Auskünfte: www.parc-naturel-pyrenees-catalanes.com, www.franceguide.com

© SZ vom 3.11.2011/gf
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