Peru: Dschungeltour (SZ) Hoffentlich beißt es nicht

Schaurige Tropen: "Als laufe man ständig an einer grünen Mauer entlang" - im dunkelsten Peru manifestiert sich die Angst des Europäers im Dschungel

Von Peter Richter

(SZ vom 22.5.2001) - Lippen schürzen, das kann Kim Basinger. Traurig gucken auch. Dann sagt sie, so gut das mit geschürzten Lippen eben geht, dass man bitte keine Papageien mehr aus dem Urwald am Rio Tambopata klauen soll. Und Alec Baldwin macht dazu ein paar Faxen, was vermutlich sagen soll, dass die Nordamerikaner selbst genügend komische Vögel haben und deshalb die bunten Vögel aus Peru als Freudenspender gar nicht brauchen. Dann ist der Film zu Ende und das Abendprogramm in der Posada Amazonas auch. Man könnte zwar noch gemeinsam mit dem indianischen Personal ein Video anschauen, worauf die peruanische Nationalmannschaft gerade von den Argentiniern zusammengekickt wird. Aber das ist eigentlich auch nur eine etwas subtilere Form der Zivilisationskritik. Und außerdem sollte man gegen sechs Uhr schon im Versteck sitzen, wenn man die Papageien bei ihrem Frühstück beobachten will.

Papgeien-Beobachtung zählt zu den Höhepunkten einer Dschungelreise in Peru

(Foto: sonstige)

Dann lecken sie nämlich das Salz aus dem Lehm an einer abgebrochenen Uferböschung, um damit die Toxide von unreifen Früchten zu neutralisieren, die sie sonst so essen. Wegen soetwas ist man schließlich hier. Eintauchen in die Natur, sagt man wohl. Auch wenn das nicht immer das reine Vergnügen ist. Einmal hat Mayez aus Lima lauthals losgeschrien, weil da eine handtellergroße Kakerlake in einen Hemdkragen gerutscht war. Gar nicht mal in ihren eigenen Hemdkragen, aber weil der eigentlich Betroffene selbst viel zu panisch war in dem Augenblick, hat sie eben stellvertretend geschrien. Soviel Solidarität ist man sich im Urwald schuldig, wenn man da schon die ganze Zeit herumsteht wie ein Großstadttrottel.

Der bedrohte Mensch

Rudolf von May hingegen kommt, was man bei seinem Namen vielleicht nicht unbedingt vermutet, ebenfalls aus Lima, hat aber den Asphalt-Dschungel weniger gern als den echten. Der Mann ist Ende Zwanzig, Biologe, und fummelt sofort mit großem Interesse an der Kakerlake herum. Außerdem kann er in flüssigem Deutsch kommentieren, wenn etwa Blattschneiderameisen einen stattlichen Baum killen, indem sie sämtliche Blätter runterholen, dann verfaulen lassen und sich von den entstandenen Pilzen ernähren. Einmal pro Jahr kriegen sie dann Flügel, versuchen einen Ortswechsel und werden dabei von Vögeln gefressen. Die gute alte böse Nahrungskette. Und an deren Ende teilen sich dann Adler, Jaguar und Riesenotter die Luft-, Land- und Wasserhoheit. Der Mensch spaziert irgendwo dazwischen herum. Er könnte zwar totschießen und ausrotten, aber andererseits muss er sich von der Anophelesmücke bis zur Giftschlange auch in allen Größenordnungen bedroht fühlen.

Ein wenig klamm wird einem schon bei diesen Spaziergängen mit Rudolf. Einer aus der Gruppe jammert, das sei, als laufe er ständig an einer grünen Mauer entlang. Ein Teilnehmer aus Berlin, in diesem Punkt also ziemlich sensibel. Aber es stimmt. Der Wald ist undurchdringlich dunkel. Er schallt pausenlos zurück, obwohl man gar nichts hineingerufen hat. Und auf jedem einzelnen Quadratzentimeter hocken zig Lebewesen aufeinander, manchmal in Symbiose, meist in Feindschaft.

Des nachts unter dem Moskitonetz wie in einem Dornröschensarg fragt man sich nämlich so einiges: Erstens, ob vier Dollar für ein Cuzqueña-Bier nicht doch ein bisschen viel sind auf Dauer. Zweitens, ob trotzdem ein paar Flaschen mehr einen ruhigeren Schlaf beschert hätten. Denn, drittens, warum sind die Zimmer dieser Lodge bloß nach allen Seiten offen? Viertens, ob das Geschrei und Gequieke von den Tieren kommt, die sich da draußen zum Nachtmahl rüsten, oder, fünftens, von irgendeinem Zimmernachbarn, der gerade zum Nachtmahl gemacht wird.

Es ist die längst literarisch gewordene Angst des Europäers im Dschungel, die man da am eigenen Leibe spürt, eine Panik vor den unkontrollierbaren Bedrohungen der wuchernden Tropen. Und weil das die Veranstalter natürlich auch wissen, haben sie wie zum Trost einen 35 Meter hohen Turm in den Wald gepflockt, der mal bei Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm übrig geblieben war. Da kann man sich dann sozusagen selbst an den geometrischen Errungenschaften des Stahlhochbaus aus diesem archaischen Sumpf nach oben ziehen. Höher als die von den Lianen fast erwürgten Bäume reichen. Und dann hat man den schätzungsweise großartigsten Blick, den man irgendwo haben kann.

Blick über den Regenwald

Von oben sieht der Urwald aus, als habe jemand einen Rasen über das mörderische Treiben da unten wachsen lassen: gedämpft, satt, und unglaublich friedlich. Man sieht den Rio Tambopata braun und träge durch die Gegend mäandern und, abgesehen von den Mücken, ist der Urwald endlich so, wie man ihn aus dem Fernsehen kennt. Im Fernsehen kann man übrigens auch die Tiere des Waldes viel besser erkennen. Warum also ist man überhaupt hier? Vielleicht weil die schönen Drehbilder nur eine Seite des Urwaldes zeigen können, nicht aber den Geruch vermitteln, die dunkle Nässe, den Lärm und die Angst. Das muss man schon selber erleben, um zu begreifen, dass wilde Natur etwas Anderes ist als ein Stadtpark. Und wenn statt bildschirmgroßer Papageien zur Hauptsendezeit nur ganz entfernt welche zu sehen sind, und wenn man darauf in unsäglicher Frühe stundenlang stumm warten muss, dann bekommt man irgendwann zwischen zwei Moskitostichen auch ein etwas anderes Verhältnis zum Wert und zur Verfügbarkeit dieser Flora und Fauna.

Davon allerdings gibt es in Südamerika nirgends so viele Arten auf so kleinem Raum wie hier, am Fuße der Anden im Südosten Perus. Dies ist eines der kompaktesten Ökosysteme der Welt. Es gibt Leute, die pfeifen deshalb auf ihren Urlaub in Miami, klemmen sich ein Ornithologenbuch unter den Arm und kreuzen bei sengender Hitze ganze Vormittage lang auf dem Lago Tres Chimbadas. Dort benehmen sie sich wie Grenzsoldaten auf dem Patrouillenboot, reißen ihr Fernrohr auf dem Stativ herum wie ein Maschinengewehr und zielen erregt in die Ferne. Dazu brüllen sie dann allerdings nicht "Halt, stehen bleiben!"; sie hauchen nur "Lovely!"

Kim Basinger bräuchte hier also keinen Schmollmund zu ziehen. Und Rodolfo, der Junge aus dem Dorf, lächelt in sich hinein, wenn er dann das Paddel wieder ins Wasser taucht. Er sieht die Vögel auch ohne Fernrohr. Er könnte allerdings auch aus einem Hektar Wald mehrere Apotheken bestücken, durchaus auch mit Viagra-Substituten, wenn's sein müsste. Auf dem Rückweg zieht Rodolfo plötzlich Pfeil und Bogen aus einem Versteck und erschießt noch schnell einen Fisch. Ein bißchen Show für die Touristen.

Wenn er keine Gringos durch den Wald führt, arbeitet Rodolfo auf dem Feld. Das Wissen um den Urwald hat er von seinem Vater. Die Ese'eja, so heißt sein Volk, versuchen, ihre Traditionen aus Nomadentagen wachzuhalten, obwohl sie jetzt schon seit den vierziger Jahren in der Comunidad Nativa de Infierno sesshaft sind. Seit den sechziger Jahren haben sie sogar Besitzpapiere für dieses Stück des Waldes. Als sie dann mitbekamen, wie entlang des Flusses Lodge für Lodge der Urwaldtourismus ins Rollen kam, wollten sie ein Stück von diesem Kuchen abhaben. Sie wussten nur nicht, wie. Vor drei Jahren haben sie sich deshalb mit Profis von "Rainforest-Expeditions" zusammengetan. Ein Experiment, nicht ohne gegenseitiges Misstrauen.

Kooperation mit den Einheimischen

Patricia Herrera, die Managerin der Posada Amazonas, erzählt die Geschichte von der anderen Seite aus. Da gab es also die Angst vor den Weißen, die die Einheimischen über den Tisch ziehen und dann deren Wald ausbeuten könnten; und die Weißen hatten Angst, dass sie ihr Geld auf Nimmerwiedersehen ins Dickicht des Nationalparks kippen. Die übliche Mischung aus Vorurteilen und bösen Erfahrungen. Jetzt sind beide exakt zu gleichen Teilen an dem Projekt beteiligt.

In vergleichbaren Anlagen halten die Kapitalgeber zur Sicherheit 51Prozent der Anteile. Aber hier sollen die Ese'eja in zwanzig Jahren den Laden alleine schmeißen. Bis dahin bekommen sie 60 Prozent der Erlöse, und zwanzig jüngere von ihnen haben im Rotationsprinzip einen Ausbildungs- und Arbeitsplatz in der Lodge. Denn die bietet ihren Besuchern von der Verpflegung über den Zimmerservice bis zum Tourprogramm eine ziemlich komplette Versorgung.

Rainforest Expeditions wiederum finanziert damit auch die Forschungsstation weiter flussaufwärts, die am Anfang der ganzen Sache stand. Mit den Geldern einer Wildlife Society aus New York hatten sie dort 1989 mit ihren Vogelstudien begonnen. Als Schluss war mit der Förderung haben sie dann die ersten Touristen in der Station wohnen lassen und das Ganze später mit der Posada Amazonas professionalisiert. Gegen Ende der Neunziger hatte diese Art Fremdenverkehr schon beträchtlich zugenommen.

Zehn größere Posadas gibt es mittlerweile in der Region und damit einen entsprechenden Konkurrenzkampf. Die entscheidenden Schlachten werden dabei meist in den Reisebüros auf der Plaza de Armas von Cuzco geschlagen, weil sich die meisten Machu-Picchu-Besucher bereits dort und nicht erst an Ort und Stelle für zwei, drei Tage im Urwald entscheiden. Wenn die Neuankömmliche nach Lodges sortiert sind, werden die Leute in lange schmale Barken gesetzt und den Fluss hinaufgetuckert. Diese zwei Stunden sind die letzten, in denen man die Gedanken noch einmal schweifen lassen kann.

Denn wenn Schluss ist mit der Weite auf dem Wasser, dann rücken die Dinge des Lebens plötzlich ganz nah heran, dann hält einen das Urwaldabenteuer auch in der luxuriösen Form der Posada streng im gedanklichen Präsens: Was ist denn das da? Hoffentlich beißt es nicht! Auf jeden Fall ist es in der Überzahl. Mehr als fünfzig Besucher passen nicht rein in die Posada, und die Führer nehmen immer nur maximal zehn Personen mit auf eine Tour. Zehn Leute machen zwar immer noch mehr Schaden als gar keine Leute, aber immerhin. Auch wegen dieser Selbstbeschränkung hat das Projekt vor zwei Jahren einen "Ecotourism Excellence Award" bekommen; und weil es die Einheimischen nicht einfach als Fotomotiv benutzt, sondern daran beteiligt.

Das Dorf ist tabu

Es gibt da diesen Paradigmenwechsel, auf den letztlich auch die International Union for Conservation of Wildlife eingeschwenkt ist: effizienter als ein ebenso absoluter wie unkontrollierbarer Schutz des Waldes vor den Menschen wäre es vielleicht, die unmittelbaren Anwohner hätten irgendeinen Profit vom Umweltschutz. Rudolf von May druckst etwas herum, sagt es dann aber trotzdem: Die Ese'eja könnten ihren Wald sonst vielleicht noch zehn Jahre lang landwirtschaftlich ausbeuten, das wär's dann aber auch. Deshalb also dieses Arrangement von Forschern, Einheimischen und Touristen. Weil sich deren Interessen in der Lodge treffen, geraten sie außerhalb nicht über Kreuz. Und der Rest des Waldes hat auch seine Ruhe.

Es gehe den 600 Einwohnern der Gemeinde ganz gut jetzt, erzählt Oscar, als er sich nach seiner Schicht in der Küche in die benachbarte Hängematte schlenzt. Die Leute seien motivierter als früher. Sie leben von der Lodge aber trotzdem immer noch ihr althergebrachtes Leben. Dabei darf man dann allerdings nicht zuschauen. Das Dorf ist tabu. Und genügend unwegsamer Wald dämpft die kulturellen Unterschiede zu den Gästen aus den Industrieländern. Bauer Manuel mag es, wenn dreimal am Tag Leute aus der Lodge über seine Plantage laufen und neugierig auf Kokablättern herumkauen. Noch ein paar davon, und es reicht für die neue Hütte. Bis dahin sitzt er in der Sonne und streichelt seine Hunde. Die heißen zwar Rambo und Comandante, sind aber nicht im Ansatz so gruselig wie die tellergroßen Vogelspinnen und nicht halb so gefährlich wie die unheimlich giftigen Pfeilgiftfrösche. Entsetzlich, aber irgendwie auch wundervoll. Und Hunde gibt es ja zu Hause genug.