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Fjorde in Chile:An Feuerlands eisigen Rändern

Patagonien Chile Gletscher Fjorde Schiff Kreuzfahrt

Die chilenische Flagge, darunter die der Magellanregion.

(Foto: Ingrid Brunner)

Die wenigen Besucher des chilenischen Teils von Patagonien finden eine grandiose, stille Landschaft vor - mit Fjorden und sogar Regenwäldern.

Die chilenische Flagge, darunter die der Magellanregion: Die Botschaft ist klar, dieser Teil der Magellanstraße gehört zu Chile. Zwar teilen sich Chile im Westen und Argentinien im Osten die Südspitze Südamerikas - doch dies ist eine schwierige Nachbarschaft, die schon des Öfteren in einen bewaffneten Konflikt umzuschlagen drohte.

Im kaum besiedelten Patagonien wachen die beiden Nationen eifersüchtig über ihre territoriale Integrität. Die wenigen Besucher der Fjorde reisen zumeist mit dem Schiff an, die Spannungen zwischen den beiden Ländern interessieren sie weniger. Sie kommen, um die Fjorde und die Gletscher Feuerlands zu sehen.

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Schneetreiben in der Ainsworth-Bucht - damit ist am südlichen Ende Chiles auch im Frühling stets zu rechnen.

(Foto: Ingrid Brunner)

Schnee im Oktober, das ist ein ganz normaler Frühlingstag in Feuerland. Das ganze Jahr über treiben Winde feuchte Luft vom Pazifik an die Küste Chiles: Das bedeutet viel Regen oder Schnee. Während in der Westhälfte des südlichsten Zipfels des Kontinents Niederschlagsmengen bis 6000 Millimeter pro Jahr niedergehen, sind es auf der trockenen, argentinischen Seite nur etwa 20 Millimeter pro Jahr. Die Andenkordillere wirkt wie eine Barriere, an der sich die Wolken abregnen und die kaum Feuchtigkeit in den Osten lässt.

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Subantarktische Vegetation: eine Schein- oder Südbuche mit Misteln im Geäst.

(Foto: Ingrid Brunner)

Feucht-kaltes Wetter, das ganze Jahr über. Das bedeutet für Besucher der Ainsworthbucht, dass sie am besten in Gummistiefeln an Land gehen, denn das Terrain ist matschig und unwegsam. Hier wie überall in Feuerland hat sich eine endemische Flora entwickelt, die sich exakt an diese Bedingungen angepasst hat: Es sind vorwiegend niedrigwachsende Büsche, Bodendecker und einige wenige Baumarten. Für die ersten Europäer war es eine Herausforderung, in diesen Regionen zu überleben. Anders die Ureinwohner, die Yámana, die im westlichen Teil Feuerlands als Seenomanden lebten - und keine Kleidung trugen. Zum Schutz gegen die Kälte rieben sie sich mit Tierfetten ein.

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Unwegsames Gestrüpp im kalten Regenwald. Der Kalafatestrauch setzt mit seinen Blüten Farbkleckse in die fast monochrome Landschaft.

(Foto: Ingrid Brunner)

Nebel, Regen, Schnee und eine Jahresdurchschnittstemperatur von circa sechs Grad Celsius sorgen dafür, dass an geschützten Stellen kalte, subantarktische Regenwälder wachsen, auch Magellansche Wälder genannt. Dort wächst unter anderem die in ganz Patagonien verbreitete Scheinberberitze - in der Region besser bekannt als Kalafate-Strauch. Aus den Beeren machen Einheimische Marmelade und Likör. Im Vergleich zu den tropischen Regenwäldern ist die Artenvielfalt an Pflanzen und Tieren in Südchile deutlich geringer.

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Unterwegs im Gewirr der Wasserstraßen des Nationalparks Alberto de Agostini zur Gletscherallee. An den Ufern die schneebdeckten Berge der Andenkordillere.

(Foto: Ingrid Brunner)

Links und rechts schneebedeckte Gipfel: Der Ballenero-Kanal führt zum Pía-Fjord. Seinen Namen verdankt er einem Walfangschiff von Kapitän Fitz Roy, Kommandant auf der HMS Beagle. Auf ihr umrundete er mit Charles Darwin zwischen 1831 und 1836 die Welt. Heutige Besucher interessieren sich für die Gletscher-Allee im Beaglekanal - ein landschaftlicher Höhepunkt der Schiffsreise. Von der Observation Lounge beobachten die Passagiere später staunend, wie das Schiff an einem blau schimmernden Gletscher nach dem anderen vorüberfährt. Viele davon sind nach den Herkunftsländern der Seefahrer benannt, die hier vorbeikamen: Romanche, Alemania, Italia, Holanda.

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Ausgesetzt wirken die Passagiere am Ufer des Pía-Fjordes.

(Foto: Ingrid Brunner)

Mit Zodiacs, robusten Schlauchbooten, landen die Passagiere im menschenleeren Pía-Fjord an. Die grandiose Kulisse macht die Besucher still. Sehr klein wirken sie hier, und so fühlen sie sich auch. Stille, wie man sie in Europa kaum noch findet, umfängt die Besucher. Sind die Motoren abgestellt, ist außer dem Wind allenfalls noch das Knacken des Eises oder der Schrei eines Vogels zu hören.

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Unentwegt schiebt die riesige zerküftete Gletscherzunge des Pía-Gletschers ihr Eis in die Bucht. Menschen? Sind nur noch Pünktchen in der Landschaft.

(Foto: Ingrid Brunner)

Wo sind die Menschen? Rechts unten im Bild, sie werden hier zu Randfiguren. Der riesige Pía-Gletscher strahlt Kälte ab, sein Eis schiebt sich direkt in den Fjord. Donnerndes Kalben mit bedrohlichen Flutwellen wie zuweilen in Grönland, das gibt es in dieser Gegend nicht. Dazu sind die Eismassen zu klein. Hier brechen keine gigantischen Eisberge ab, eher kleinere Brocken. Die Expeditionscrew bringt einige Bruchstücke mit zurück an Bord - für den Cocktail.

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Blick von oben während einer Wanderung auf die Wulaia-Bucht. Hier befand sich eine der größten Siedlungen der Ureinwohner vom Volk der Yámana.

(Foto: Ingrid Brunner)

Die Wulaia-Bucht: Nun ist Kap Hoorn schon in Sichtweite. Doch anders als das karge, einsame Eiland ist die Bucht malerisch - bei jedem Wetter. Licht und Wolken sorgen für ständig wechselnde Stimmungen. Hier ging Naturforscher Charles Darwin im Januar 1833 während seiner Weltreise auf der HMS Beagle an Land. Er und Kapitän Fitz Roy machten sich Notizen, kartierten die Gegend, zeichneten Vögel und Pflanzen. Auch wenn viele von Darwins Beobachtungen bahnbrechend waren: Sein Urteil über die Urweinwohner ist aus heutiger Sicht höchst kritisch zu sehen. Für ihn waren sie lediglich arme, verdreckte und im Wachstum verkümmerte Teufel, wie er in seinem Tagebuch sinngemäß schrieb.

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Zurück in der Zivilisation: Ushuaia liegt malerisch umgeben von Bergen in einer Bucht am Beaglekanal - gut geschützt vor den Stürmen der Drakestraße.

(Foto: Ingrid Brunner)

Endstation Ushuaia, Argentinien, geologische Position 54° 48′ S, 68° 18′ W: Mit knapp 60 000 Einwohnern ist sie die südlichste Stadt der Welt. Zwar gibt es einige kleinere chilenische Orte, die noch südlicher liegen, doch der Titel "südlichste Stadt" ist ihr allemal sicher - ebenso wie der Beiname "Tor zur Arktis". Ihre Lage in einer geschützten Bucht ist malerisch. Doch architektonische Schönheit sucht man hier vergeblich.

Stattdessen reihen sich schnell hochgezogene Geschäftshäuser und Hotels aneinander. Es ist die übliche Mischung an Cafés, Sportausrüstern, Tourveranstaltern einer Stadt, die heute vorwiegend vom Tourismus lebt: Von Ushuaias Hafen aus legt die Mehrzahl der Schiffe zu den Antarktis-Kreuzfahrten ab. Stille und extreme Naturschönheit können die Menschen aber schon in Patagonien erleben.

© SZ.de/ihe/kaeb
Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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