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Otto-Waalkes-Haus in Emden:Ein Museum zwischen Sinn und Schwachsinn

Ein speiender Ottifant im Otto Huus am Emdener Hafen.

Ein speiender Ottifant im Otto Huus am Emdener Hafen.

(Foto: Imago/Marc Schüler)

Prominente setzen sich heute gerne schon zu Lebzeiten selbst ein Denkmal. Zu Besuch in Emden, wo Otto Waalkes sich und seinen Humor feiert.

Im ersten Stock des Emder Otto-Huus befindet sich eine besonders einprägsame Arbeit des Künstlers Waalkes: die Skulptur eines Ottifanten, der mit weit aufgerissenen Augen und offenem Maul vom Deich herab in einen Eimer starrt. Der Eimer, das Tier, der Deich - das alles verbindet sich zur stummen Klage des ostfriesischen Individuums gegen die beschleunigte Welt. Dann drückt jemand den Knopf im Sockel und mit kehligem Schrei schießt ein Wasserstrahl aus dem Maul. Der Ottifant kotzt. Der Betrachter erschrickt und lacht.

Otto Waalkes, 70, Barde und Pionier des gepflegten Klamauks, hat schon immer davon gelebt, die hehre Seite des Lebens auf den Boden des niedrigen Witzes herunterzuholen. Kulturbeflissene fanden das niveaulos. Wer etwas verstand von der Kunst, lustig zu sein, war voller Hochachtung. Und der Rest lachte sich schief. "Dat Otto Huus" in Emden ist eine kleine Kathedrale dieses Humors, mit dem Otto Waalkes, genannt Otto, seit den Siebzigern zwischen Sinn und Schwachsinn balanciert. Aber es ist noch mehr: Heimathaus, Fanshop, Idyll. Und eine der wichtigsten Attraktionen im deutschen Nordwesten.

"Dat Otto Huus" steht ihn Emden in der Nähe des Hafens.

Dat Otto Huus zeigt nicht nur die ersten Bartstoppeln des Emdener Ehrenbürgers, sondern auch Fotos und Trophäen eines langen Künstlerlebens.

(Foto: Imago)

Für einen Ort ist es ein mächtiger Standortvorteil, wenn ein berühmter Mensch aus der Nachbarschaft kommt. Städte und Gemeinden locken Besucher mit Geburtshäusern und Ex-Wohnungen bedeutender Persönlichkeiten. Meistens müssen sie sich selbst darum kümmern, weil die Größen längst tot sind und die meisten zu Lebzeiten weder die Mechanismen des Marketings noch ihre eigene Bedeutung für die Nachwelt kannten. Heutzutage ist das anders. Die neuseeländische Gemeinde Kawakawa zum Beispiel profitiert davon, dass der Architektur-Künstler Friedensreich Hundertwasser bis zu seinem Tod 2000 dort lebte und ein öffentliches Toilettenhaus gestaltete; es ist das meistfotografierte Klo Neuseelands. Der Maler-Rocker Udo Lindenberg hat vergangenes Jahr ein Multimedia-Museum über sein Leben an der Hamburger Reeperbahn eröffnet. Und Otto Waalkes ist ein Trendsetzer der Bewegung. Das Otto-Huus gibt es seit 1987.

Emden und Otto - das ist eine besondere Verbindung. Längst wohnt Waalkes in Hamburg-Blankenese, wo man in Ruhe prominent sein kann. Aber er vergisst nicht, was ihn geprägt hat: das zertrümmerte Nachkriegs-Emden im Wiederaufbau. Die Kindheit im Arbeiterviertel Transvaal. Die Selbstmacher-Mentalität seines Vaters, des Malermeisters Karl Waalkes. Die zugewandte Teetrinker-Seele seiner Mutter Adele. Die eigenwillige Herzlichkeit der Ostfriesen war die Vorlage für viele seiner Programme und Filme.

Gleichzeitig verehren die Emder ihren Otto. 2018 wurde er Ehrenbürger. In dieser Woche hat der Stadtrat entschieden: Der hüpfende Otto Waalkes mit wehenden Haaren wird zum Ampelmännchen. Ab 22. Juni startet in der Kunsthalle die Ausstellung "Coming Home" mit Waalkes-Gemälden. Und wenn Otto da ist, bleibt er nicht allein. "Das spricht sich ganz schnell rum", sagt Otto-Huus-Geschäftsführerin Ursula Müller, "dann kommen die Leute her. Foto. Umarmen. Und was weiß ich."

Otto Waalkes hat im Lokalfernsehen mal erzählt, dass er in dem Eckhaus am Rathausplatz eigentlich eine Wohnung einrichten wollte. "Dann hab ich gemerkt, dass immer viele Leute kamen, wenn ich da reingehe, und ich dachte, was kann man machen, dass die Leute noch was anderes sehen können als immer nur Otto." Das Huus ist ein Geschenk an Emden, in dem er die Zuneigung seiner Fans sammelt. Es entstand sozusagen zum gemeinnützigen Selbstzweck. Der Erlös aus dem Eintritt wird gespendet, der aus dem Devotionalienhandel nicht. Und die Ausstellung ist eine Mischung aus Selbstdarstellung, Museumsparodie und Heimatpflege. Plakate, Fotos und Trophäen sind zu sehen. Eine Vitrine zeigt historisches Material: "Meine ersten Bartstoppeln." - "Meine erste Nuckelflasche." Im zweiten Stock ragt ein Modell des Pilsumer Leuchtturms auf, der eine Rolle in "Otto - der Außerfriesische" spielte. Und im kleinen Kino laufen Otto-Sketche, die Ostfriesland würdigen.

Den Menschen scheint es zu gefallen. "Es wird nicht weniger. Höchstens mehr", sagt Ursula Müller, Ostfriesin, Vertreterin jener spröden Freundlichkeit, die in der Region verbreitet ist. Sie sieht Besucher aller Generationen im Huus, Touristen, Stammgäste, Kunden, die im Shop ein Stück Otto zum Mitnehmen kaufen. "Hauptartikel war immer Plüsch." Plüsch? "Diese Ottifanten, das läuft bei uns unter Plüsch."

"Gegenkultur zum Kunstmuseum von Henri Nannen", hat Otto sein Huus genannt. Der Stern-Gründer Nannen, auch ein Sohn Emdens, hat die Kunsthalle 1986 gestiftet. Sie ist in der Nähe und gewährt ganz andere Einblicke. Tiefere? Die Frage hat man im Kopf, wenn man vor dem Rausgehen den Ständer mit den Postkarten durchschaut. Sie zeigen Waalkes-Bilder, die mit Werken von Hopper und Lichtenstein spielen. Aus den Regalen glotzen die Plüsch-Ottifanten. Und im ersten Stock drückt jemand den Knopf an der Skulptur. Kotzen. Gelächter.

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