Ostalgie Gut bei Lenin

Club Cola, lustige Orden und Hotel mit Mielke-Mief: In Berlin verdient man bestens an Ostalgie-Touristen und der DDR als Disneyland.

Von Christoph Kappes

Wer im "Ostel" übernachten will, einer Herberge von leicht gehobenem Standard, gleich um die Ecke vom Berliner Ostbahnhof, checkt ein in die ehemalige DDR. Keine Frage - diese auf Hochglanz polierte Kopie verströmt mehr Eleganz als das Original.

Ein Zimmer im Ostel: "Interesting look and a real ostalgic conzept!"

(Foto: Foto: AP)

Braun-orange flirren die Tapetenmuster, davor ein wuchtiges Radio der Marke "Prominent" im Schummerlicht der Nachttischlampe. Ein Zwischenreich, angesiedelt irgendwo zwischen real existierendem Sozialismus und Retro-Schick. Das findet noch immer viel Beachtung: Die Meldung vom Hotel mit Mielke-Mief und psychedelischen Tapeten ging in der Ferienzeit um die Welt und schaffte es bis in die Washington Post.

Dabeilauert die DDR schon seit ihrem Untergang an zahllosen Berliner Straßenecken, wo ihre Überbleibsel verschachert werden. Vom FDJ-Hemd über diverse Orden bis hin zur Gasmaske - es gibt kaum ein DDR-Insignium, das nicht zu haben wäre - Trabisafari inbegriffen. Nicht nur in den Souvenirläden Unter den Linden ersteht der Unrechtsstaat wieder auf als ein Land aus putzigen Ampelmännchen und Pappautos.

Und schon vor Jahren hatte es einmal den Anschein, als hätten sich die Fernsehmacher zum großen Revival verabredet. Wohin man auch zappte: die Ostshow, die Ostalgie-Show oder die große DDR-Show. Dargeboten wurde DDR-Liedgut, die Verwertungsrechte dafür lagen mittlerweile bei den großen Musikkonzernen.

Ein Kessel Buntes

Das Ostel markiert nun offenbar den Scheitelpunkt dieser Welle, dieser historischen Resteverwertung, die gleichermaßen die Realitätsflüchtigen wie die Spaßgesellschaft bedient. "Atemberaubend dumm und bösartig", nennt es die ehemalige Bürgerrechtlerin Freya Klier. "Coole Sache2, lobt dagegen ein Eintrag im Gästebuch die Ostel-Idee.

Heerscharen von Jugendlichen aus aller Welt strömen derzeit nach Berlin, das sich neuerdings Tourismuskapitale nennen darf. Angezogen auch von der gespaltenen Vergangenheit der deutschen Metropole, präsentiert sich ihnen hier eine Art DDR-Disney-Land. Allenfalls läuft dieser Geschichtsexkurs noch unter den Vorzeichen von Postmoderne und Parodie ab, gemixt zu einem bunten DDR-Cocktail. Nach dem Ostalgie-Abend in der Disco mit Club Cola treffen sie im Ostel dann auf die Geschichtsvergessenen oder die Geschichtsversessenen, bewirtschaftet von denen, die ihr Geschäft mit der Historie machen. Das läuft natürlich besser mit Alltag und Sentiment, eher schlecht mit Staatsterror und Aufklärung.

Die einen, nach der Wende allzu schlagartig ihrer vertrauten Gewohnheiten beraubt, richten sich erinnerungsselig in den alten Zeiten ein, umgeben vom Inventar ihrer Jugend. "Tolle Sache und viele Erinnerungen an früher", bedankt sich Karin im Gästebuch mit leicht zittriger Handschrift. Die Jüngeren, aus Ost wie West, lieben das Ostel, weil es günstig, zentral und auf gewisse Weise schaurig-schön ist. "Interesting look and a real ostalgic conzept!".

Nur die "Stasi-Suite" heißt nicht mehr so

Für die anderen, die ehemaligen Regimegegner und -opfer, ist das Ostel eher ausgestattet wie ein einst allzu realer Albtraum. Beträten sie die Hotel-Lobby, sie kämen sich wohl vor wie im Hamsterrad der Geschichte: Im Fernseher - selbstredend ein DDR-Fabrikat - läuft Erich Honecker in der Endlosschleife. Auch von den Wänden der Gästezimmer grüßen einstige Parteigranden aus silbergrauen Bilderrahmen.

Nur die "Stasi-Suite" - der Name sollte den Betreibern zufolge ein Spaß sein - heißt jetzt nicht mehr so. Auch die Aktion mit den Plastikwanzen haben sie im Ostel nur einmal gemacht: In den Zimmern wurden Abhörgeräte versteckt. Wer eines der Imitate fand, wurde mit einem Freigetränk belohnt. Soll ja alles echt wirken. Das ist den Ostel-Gründern, Daniel Helbig und Guido Sand, offenbar wichtig: Authentizität. Vertreter von DDR-Opferverbänden halten so etwas für eine Verhöhnung der wirklichen Schrecken.

Helbig, 35 Jahre, und Sand, 42, bis zur Wende Artisten beim DDR-Staatszirkus, haben noch große Pläne: Zu den 39 Zimmern, darunter ein "Pionierlager" mit 14 Betten, sollen demnächst noch Apartments im Plattenbau gegenüber hinzukommen. "Und alle werden", so verspricht Helbig, "eingerichtet wie in Sonnenallee", dem populären Film von Leander Haußmann über eine Jugend im Schatten der Mauer. Angesichts ihrer Expansionspläne sieht es so aus, als müssten Helbig und Sand bald nicht mehr als Filmcutter und Physiotherapeut arbeiten, in jenen Berufen, die sie nach der Pleite des Staatszirkus erlernten.

Die DDR musste anscheinend erst bankrottgehen, bevor sie dann im Nachbau zum Erfolgsmodell werden konnte. Das seltsame Konzept dabei: Geschichte erleben und sich trotzdem wohlfühlen.

"More cosy", lauschiger als in anderen Jugendherbergen, findet es denn auch Rebecca im Ostel. Der Freund der 19-jährigen Schwedin hatte es in einer Zeitung entdeckt. Sie wollten sehen, wie es damals war, im Osten, sagt er. "Natürlich nur das Design", wirft sie ein. Denn wie es tatsächlich zugegangen ist, das hätten sie in der Schule durchgenommen. Das sei ja dann doch etwas anderes gewesen.

So ausgewogen betrachten das nicht alle. Die Boulevard-Zeitungen kennen auch in der DDR-Debatte nur das Entweder-Oder: nostalgieträchtige Harmlosigkeiten oder bestialische Schrecken. Kürzlich schien es mal wieder Zeit zu sein für Letztgenanntes.

Ein Berliner Blatt titelte jedenfalls jüngst auf der ersten Seite: "Verbot für den DDR-Kram". Angesichts des neu aufgetauchten Mauer-Schießbefehls, der allerdings nur eine altbekannte Tatsache bestätigte, kann die DDR nicht mehr als der behagliche Ampelmännchen-Trabi-Staat durchgehen. Nun ist sie nämlich gerade der: "Schießbefehl-Staat".

Das Geschäft mit der Geschichte

"Na ja'", sagt Helbig, erleichtert, dass sein Hotel vom Boulevard nicht gleich mit abgekanzelt wurde. "Wir machen ja keine politische Aussage, wir zeigen nur das DDR-Design." Und schließlich seien ja nicht alle Stasi-Mitarbeiter gewesen.

Es habe da ja auch noch "das Volk" gegeben, das Wir-sind-das-Volk-Volk, ohne das es die Wende nicht gegeben hätte. Er selbst habe ein Regime-Opfer in der Familie, sagt Helbig: Der Vater seiner Freundin habe ein Jahr im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen eingesessen. Die DDR wünsche er sich natürlich nicht zurück. Trotzdem verdient er wohl noch gut am Geschäft mit ihren Hinterlassenschaften.

Fehlte als letzte Ausbeute, nach den Sonnenallee-Apartments, eigentlich nur noch ein Block mit Das Leben der Anderen-Zellen. Hohenschönhausen, Halbpension inklusive. Das wäre dann das geschmacklose, aber konsequente Ende dieser Geschichte.