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Ötillö-Swimrun in Schweden:Von Insel zu Insel bis zur totalen Erschöpfung

Beim Ötillö-Swimrun durch die wunderschönen Schären bei Stockholm kommen nur die stärksten Teilnehmer ins Ziel. Aber alle in die Bar.

Kurz vor Schluss, als auf der kleinen Insel Jarnholmen das Ziel in Sicht kommt, schießt es André Hook durch den Kopf: "Mensch, letzte Schwimmstrecke! Die musst du jetzt aber noch mal genießen!" Klar ist diese Ecke des Stockholmer Schärengartens von berückender Schönheit, gerade wenn sie von der Spätsommersonne beschienen wird, die Meeresblau und Inselgrün so richtig zum Leuchten bringt. Und klar hat Hook nur noch eine lächerliche Schwimmstrecke von 100 Metern und erholsame drei Kilometer zu Fuß vor sich. Aber genießen? Wie soll das gehen, wenn man schon 72 Kilometer in Armen und Beinen hat?

Seit mehr als neun Stunden ist Hook unterwegs, in Laufschuhen und Neoprenanzug, als Teilnehmer der Ötillö-Swimrun-WM. Die Knie sind aufgeschlagen, die Erschöpfung ist eine totale. Und doch schwärmt der 37-Jährige im Ziel vom Schwimmen im elf Grad kalten Wasser. "Die Quallen sind so tief unter dir, dass du sie nicht berührst, aber siehst - wunderschön, wie Schwimmen im Aquarium."

Die Insel Utö, auf der im Örtchen Gruvbryggan der Ötillö-Wahnsinn endet, wo 700 Jahre lang Eisenerz abgebaut wurde und wohin einst die Prominenz von Greta Garbo bis August Strindberg in die Sommerfrische fuhr, erhob sich vor 10 000 Jahren am Ende der Eiszeit aus dem Meer. Noch ein paar Hundert Millionen Jahre früher hatten die ersten Wirbeltiere das Wasser verlassen, um sich auch an Land fortzubewegen, und wer André Hook und die 237 anderen Swimrunner beobachtet, der denkt unwillkürlich an die Evolution. So muss es gewesen sein: raus aus dem Wasser, auf allen vieren, langsam aufrichten und dann nix wie losgerannt!

Wer zu langsam ist, wird aus dem Rennen genommen. Er gefährdet sich sonst selbst

Ötillö. Ist schwedisch, bedeutet "von Insel zu Insel" und ist ein Ausdauerrennen: 65 Kilometer laufen, zehn Kilometer schwimmen, in Zweier-Teams. Die Partner sind verbunden durch ein Seil. Die Route führt über 26 Inseln des Stockholmer Schärengartens, über rutschige Felsen, durch unwegsame Wälder, man schwimmt gegen hohe Wellen und starke Strömungen an. Längste Schwimmstrecke: 1780 Meter, weiteste Laufstrecke: 20 Kilometer. 119 Frauen-, Männer- und gemischte Teams zahlen je 1400 Euro Startgeld, hetzen morgens um sechs Uhr los, die Schnellsten brauchen weniger als acht, die Langsamsten mehr als 14 Stunden. Wer noch langsamer ist, wird aus dem Rennen genommen: Niemand soll im Dunkeln schwimmen, zu gefährlich.

Wer sich so etwas antut? Menschen wie die Hamburger André Hook und Wolfgang Grohé, sein Schwager, Menschen, die ihre Tage im Büro verbringen, aber gleichzeitig einen Hang zum Extremen haben. Beide laufen Marathon unter drei Stunden, wissen aber, dass beim Swimrun andere Qualitäten gefragt sind: "Es geht viel um Kontinuität und Wille", sagt Grohé am Abend vor dem Start im 85-Einwohner-Dorf Sandhamn. Gerade hat er die Temperatur getestet, in Badehose. "Wenn man es heute ohne Neopren schafft, ist es morgen früh nicht mehr so schlimm." Es ist ihr dritter WM-Start, bei einem der Qualifikationsrennen im Engadin sind sie Zweite geworden, doch auf einen Podiumsplatz hier spekulieren sie nicht. "Da sind ganz andere Kaliber am Start", sagt Hook und zeigt auf einen Bärtigen am Nebentisch: Faris Al-Sultan aus München, mehrmaliger Sieger des Ironman-Triathlons, darunter auch des wichtigsten Wettkampfs auf Hawaii.

Reise 15.09.

SZ-Karte

Als Anders Malm vor 14 Jahren diese alberne Wette einging, hätte er sich natürlich nie träumen lassen, was mal daraus wird. Der Chef des Hotels Utö Värdshus saß nach Feierabend mit drei Angestellten beim Bier, irgendwann befasste man sich mit den Hotelservietten, auf denen die Landkarte der Region gedruckt ist. Die vier erörterten, wer schon auf welcher der rund 26 000 Inseln des Schärengartens war. Sie stellten fest: Da fehlen noch welche. Warum also nicht auf Erkundungstour gehen, aber ohne Boot, nur laufen und schwimmen! Klasse, gleich noch 'ne Runde! Und warum nicht ein Team-Rennen machen? Bis nach Sandhamn, ganz rechts oben auf der Serviette. Ja, genau!