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Österreich:Volle Packung

Matsch vorm Berg: Auch im Winter wird in Bad Reuthe Torf gestochen.

(Foto: Monika Maier-Albang)

Im Bregenzerwald kommt das Moor direkt aus dem Vorgarten auf die Haut. Das ist geruchlich etwas gewöhnungsbedürftig, soll aber gesund sein.

Gut, der Geruch ist nicht jedermanns Sache. Wer es wohl meint mit dem Schlamm, den Isabella Moosbrugger mit geübten Handbewegungen auf die Plastikunterlage streicht, der vergleicht seine 20 Minuten auf der Liege mit dem Besuch in einem Stall. Andere, Stadtmenschen zumeist, sind da ungnädiger. "Riecht wie Jauche", hat Moosbrugger schon zu hören bekommen, wobei sie selbst nach 13 Jahren im Dienst der Gesundheit den Geruch des aufbereiteten Moors nicht mehr wahrnimmt. Sie umsorgt ihre Gäste gern, immer noch.

Liegt man erst einmal drin in der Moorpackung, eingewickelt in Decken wie eine Mumie, verflüchtigen sich alle Gerüche ohnehin - genauso wie die Gedanken. Es ist nur noch wohlig warm, und das ist ja der Sinn der Sache. Das auf 42 Grad erhitzte Moor, das wahlweise auf die Schultern, das Knie, das Armgelenk gelegt wird, je nachdem, wo es seine Wirkung entfalten soll, gibt die gespeicherte Wärme langsam ab. "Sie gelangt so bis ins Körperinnere", sagt Jutta Frick. Vergleichen lässt sich das in etwa mit einer Wärmflasche, nur dass der organische Schlamm auch noch heilende Wirkung besitzen soll: entzündungshemmend zum einen, weshalb Fricks Gesundhotel Bad Reuthe Menschen besuchen, die von chronischen Gelenkschmerzen oder Verspannungen geplagt werden. Gegen die Verspannungen gibt es dann für gewöhnlich im Anschluss an die Packung eine Massage; weil schon alles so schön vorgelockert ist, lässt es sich da besonders tief ins Gewebe kneten. Man kann es sich im Hotel aber auch einfach so nur gut gehen lassen: Es gibt einen Raum, in dem es dampft, während man sich selbst den Schlamm aufträgt, anschließend lässt man sich dann beregnen, damit die Brühe abgeht, was "seidige Haut und Spaß" verspricht. Und es kommen, wie Frick erzählt, Paare mit Kinderwunsch nach Reuthe, weil das Moor "östrogenartige Stoffe" enthalte, was bei Frauen schon einiges in Bewegung gebracht haben soll. Weshalb der Wagen, mit dem Fricks Vorfahren am Faschingszug im benachbarten Bezau teilnahmen, stets mit einem Storch dekoriert war.

"Moor und Stahlbad" hieß das Gesundheitshotel in seiner Ursprungszeit; damals reichte man noch eisenhaltiges Wasser aus der hauseigenen Quelle zum Trinken. Heute, in Zeiten der Eisenpräparate, steht "kein Trinkwasser" auf dem Brunnen. Die Familie Frick betreibt das Hotel in vierter Generation. Es liegt in Vorarlberg, im Bregenzerwald, wo der Dialekt sich mehr nach Schweiz als nach Österreich anhört. Jutta Fricks Urgroßmutter kaufte Grund und Häuser 1930; um die Heilwirkung des Moors wusste man da schon lange. Ein paar Hügel von Reuthe entfernt, in Sibratsgfäll, gibt es sogar ein Naturmoorbad, in das man sich im Sommer legen kann.

Das Moor, das in Bad Reuthe auf den Körper der Gäste kommt, wird nur ein paar Schritte hinter dem Hotel abgebaut. Für Frick und ihre drei Brüder müssen die vom Gopfberg beschatteten Feuchtwiesen ein schöner Spielplatz gewesen sein. Heute steht ein kleiner Bagger auf Holzplanken im Moor, er schaufelt rund ums Jahr immer gerade so viel, wie im Hotel gebraucht wird. Der Torfstich wird gehäckselt, dann erhitzt. Heraus kommt eine fasrige Masse mit der Konsistenz von Kartoffelbrei. Braucht man sie fürs Moorbad, kommt Wasser hinzu. Für die Moorpackung bleibt alles wie es ist: reiner Naturschlamm eben. Nach der Verwendung wird das Moor zurück ins Moor gebracht, wo es weiterwachsen kann zwischen Birken, Pulverholzbüschen und Kunigundenkraut. Im Sommer wohnen hier leise Frösche und laute Grillen. Es gibt schlechtere Orte zum Leben.

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