Urlaub in Österreich:Wo man Ruhe finden kann

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Stift Admont in der Steiermark gehört zu den 23 Klöstern in Österreich, die ihr touristisches Angebot über den Verein Klösterreich präsentieren.

(Foto: Elmar Gubisch/imago images)

Vom Manager, der Auszeit braucht, bis zur Studentin, die vor den Abschlussprüfungen steht: Urlaub in einem Kloster kann in vielerlei Hinsicht und auf ungeahnte Weise bereichernd sein. Unterwegs in Österreich.

Von Jutta Lemcke, Stift Heiligenkreuz

Das Chorgestühl füllt sich. Junge Mönche im wehenden Habit eilen herbei, den alten macht jeder Schritt Mühe. Es ist 5.15 Uhr am Morgen im Stift Heiligenkreuz bei Wien. Draußen wabert der Nebel aus dem Wienerwald herüber, nur die Türme der mächtigen romanischen Abteikirche ragen hervor und schweben wie eine Fata Morgana über dem Gemäuer. Gut drei Dutzend Ordensleute haben im knarrenden Chorgestühl Platz genommen. Dann herrscht Stille - bis dieser besondere Gesang ertönt. Die Zisterziensermönche vom Stift Heiligenkreuz stimmen den Gregorianischen Choral an, 900 Jahre alte Klänge, ein meditatives Auf und Ab.

Wer die Gebetsgesänge der Heiligenkreuzer Zisterzienser anhören möchte, kann sich auch eine der CDs kaufen, die weltweit bereits eine Million Mal verkauft worden seien, wie Pater Karl Wallner nach dem Morgengesang stolz erzählt. Am schönsten ist es natürlich live im Stift: "Aber um 5.15 Uhr muss man dazu nicht in die Kirche", beruhigt der Pater, "das Vergnügen ist zu den Mittags- und Abendgebeten genauso groß."

Die Mönche im Stift Heiligenkreuz begegnen Besuchern mit erstaunlicher Offenheit. Besondere Gastfreundschaft genießen Übernachtungsgäste. Für sie brechen die Patres sogar bei Bedarf ihr Schweigegelübde nach dem Abendgebet. Man freut sich hier über jeden Gast, der ein wenig spirituelles Interesse mitbringt und sich fürs Klosterleben oder die kulturhistorische Bedeutung des Stifts interessiert. "Der Manager, der ein paar Tage Auszeit sucht, die Studentin vor einer Prüfung - alle sind willkommen", sagt Pater Karl. Wer lediglich ein kostengünstiges Quartier auf der Durchreise braucht, wird allerdings auf die örtliche Hotellerie verwiesen.

Genächtigt wird in einfachen Gästezimmern oder - wer Glück hat - in einem der opulent ausgestatteten Räume im Kaisertrakt. Einen solchen mussten viele Klöster früher vorhalten für den Fall, dass Besuch vom kaiserlichen Hof kommt. In den heute noch original erhaltenen Gemächern blicken dann Kaiser Franz Josef und Maria Theresia von Decken und Wandgemälden.

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In Stift Heiligenkreuz bei Wien leben Zisterzienser. Wer als Gast ein wenig Abstand vom Klosterleben möchte, kann auch im Wienerwald spazieren gehen.

(Foto: Herwig Prammer/Reuters)

Übernachtungsgäste genießen in Heiligenkreuz ein Privileg: Sie erhalten einen Schlüssel, mit dem sie Zugang zur Kirche, zur Sakristei, zum Kreuzgang und dem Kapitelsaal haben. Das erlaubt einen Blick hinter die Klostermauern. Langweilig wird es in Heiligenkreuz auch weltlich orientierten Gästen nicht. Besichtigen lässt sich die Philosophisch-Theologische Hochschule mit TV-Studio, der Kraftsportraum der Mönche oder das Atelier von Pater Raphael Statt. Dieser sammelt Äste und Rindenstücke im nahen Wald oder von der Platane im Stiftshof und schafft daraus wundersame Fabelwesen, die er in Bronze gießt. Beachtliche 2500 Euro kostet das günstigste Werk. Der Mönch hat in der Kunstwelt bereits eine Fangemeinde, übergibt die Einnahmen aber selbstverständlich dem Stift. Wer als Gast ein wenig Abstand vom Klosterleben möchte, geht im Wienerwald spazieren oder kehrt im Klostergasthof ein und isst, beispielsweise, die Heiligenkreuzer Klostercremeschnitte, einen Traum aus Blätterteig, Sahne und Beerenobst. Danach ist ein Mirabellenschnaps vonnöten.

Die österreichische Klosterlandschaft ist beeindruckend. Über das ganze Land verteilt findet man Stifte mit prächtigen Bibliotheken, Marmorsälen und Museen. Die meisten stammen aus dem Mittelalter und wurden im Barock umgestaltet. Heute leben dort vor allem Mönche und Nonnen der Benediktiner-, Zisterzienser- und Augustinerorden. Um Interessierten einen Überblick zu geben und Reisenden ihre Planung zu erleichtern, wurde der Verein Klösterreich gegründet.

Die Nachfrage nach Übernachtungen im Kloster steigt

28 Klöster, 23 davon in Österreich, werben auf einer gemeinsamen Plattform für ihr vielfältiges kulturelles und touristisches Programm. Neben Übernachtungen können Räume für Seminare gebucht werden, Fasten- und Ernährungsaufenthalte, Workshops wie etwa Ikonenmalerei oder Tickets für Klosterführungen und kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte oder Ausstellungen. "Der Tourismus ist für viele Klöster ein wichtiges Standbein", sagt Manuel Lampe, Geschäftsführer von Klösterreich. Die Orden hätten keinen Anspruch auf den Kirchenbeitrag, wie die Kirchensteuer in Österreich heißt. "Sie müssen selbstständig für den Unterhalt ihrer Gemeinschaft und die Renovierungen der historischen Baumasse sowie der Kultur- und Kunstschätze sorgen." Dabei sei die finanzielle Situation der Klöster sehr unterschiedlich. Manche besäßen große Ländereien und hätten ein gutes Auskommen, andere müssten mit ihren Mitteln haushalten.

Den Mitgliedern von Klösterreich sei es sehr wichtig, sich Besuchern gegenüber offen zu zeigen, sagt Lampe. "Klöster zählen zu den ältesten Herbergen Europas. Gastfreundschaft ist für die Orden ein wertvolles Gut und geht auf die Regeln des heiligen Benedikt zurück." Insgesamt steige die Nachfrage nach Übernachtungen im Kloster kontinuierlich. Das liege auch daran, dass sich die Klöster traditionell mit Themen beschäftigten, die heute aktuell sind wie gesunde Ernährung, Entschleunigung, Work-Life-Balance und der nachthaltige Umgang mit der Natur.

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Die Bibliothek im Benediktinerstift Admont gilt mit 70 000 Bänden als größte Stiftsbibliothek der Welt - und ist eine Sehenswürdigkeit.

(Foto: Günter Lenz/imago/imagebroker)

Zu Klösterreich zählt auch das Stift Admont, eines der reichsten Klöster Österreichs, gelegen am Fuße des Nationalparks Gesäuse in der Steiermark. Übernachtungsgäste finden hier modern eingerichtete, komfortable Zimmer und vor allem eine hervorragende Stiftsküche. Auch hier erhält der Gast Schlüsselgewalt und kann sich unabhängig von den normalen Öffnungszeiten in vielen Bereichen des Stiftsgeländes frei bewegen. Besonders sehenswert ist die Klosterbibliothek. Sie gilt mit 70 Metern Länge und 13 Metern Höhe als größte Stiftsbibliothek der Welt - und ist mit ihren spätbarocken Kuppelfresken und Skulpturen, den 70 000 vielfach in weißes Schweinsleder gebundenen Büchern und den weiß-goldenen Bücherschränken mit Sicherheit eine der schönsten. "Wie den Verstand, soll auch den Raum Licht erfüllen", fand Baumeister Josef Hueber, der sich der Aufklärung verpflichtet fühlte. Mit dieser Idee im Kopf gelang ihm das Kunststück, einen riesigen Saal voller inhaltsschwerer Bücher wie ein Luftschloss erscheinen zu lassen.

Nach Einbruch der Dunkelheit versammelt Bibliotheksführerin Johanna Schwab hier eine Gruppe Interessierter, die sich wohlig gruseln möchten. Mit leichtem Quietschen öffnet sich die eher unscheinbare Holztür, hinter der sich der riesige Büchersaal verbirgt. Es ist stockduster. Die Gäste beginnen zu murren. Doch Johanna Schwab folgt ihrer eigenen Dramaturgie und knipst erst jetzt ihre Taschenlampe an. Der Lichtkegel wandert über die wie aufgeschlagene Bücher verlegten Steinfliesen, wandert in die Tiefe des scheinbar endlos langen Saals, über Zigtausende Bücher und wirft Schlaglichter auf Teufelsfratzen, schwebende Skelette und flammenumzüngelte Drachenköpfe. Vor allem von den überlebensgroßen bronzierten Holzskulpturen "Die vier letzten Dinge" des Bildhauers Josef Stammel sind die Besucher kaum loszureißen. Doch Johanna Schwab ist Profi und lockt mit Geheimtüren. Sofort schwärmt alles aus, um die versteckten Gänge zu finden. Keine Chance. Um die perfekte Harmonie des Raumes nicht zu stören, wurden vier Türen, die auf die Galerie führen, als Bücherregale getarnt und sind nur von Kundigen zu entdecken.

Urlaub in Österreich: Im Stift Altenburg entdeckte man unter dem barocken Prunkbau aus dem 17. Jahrhundert eine verschüttete mittelalterliche Klosteranlage.

Im Stift Altenburg entdeckte man unter dem barocken Prunkbau aus dem 17. Jahrhundert eine verschüttete mittelalterliche Klosteranlage.

(Foto: imago stock&people)

Ebenso gastfreundlich wie die Mönche im Stift Admont sind jene im Stift Altenburg im niederösterreichischen Waldviertel. Kein Wunder, denn in beiden Klöstern folgen die Mönche den Regeln des Heiligen Benedikt von Nursia. "Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus. Sobald ein Gast gemeldet wird, sollen ihm daher der Obere und die Brüder voll dienstbereiter Liebe entgegeneilen", schrieb der Ordensgründer um das Jahr 540. Das nimmt man im Stift Altenburg auch heute noch wörtlich. "Bei uns ist jeder willkommen - ganz gleich, ob jemand spirituellen Beistand sucht oder nur durch die bewaldete Hügellandschaft spazieren möchte", erklärt Pater Michael Hüttl, der in Altenburg für die Gästebetreuung zuständig ist und Besucher gerne durch das Stift führt. Der weltoffene Mönch ist jederzeit zu einem Austausch über Gott und die Welt bereit. "Frömmigkeit gepaart mit Dummheit ist eine gefährliche Mischung. Lieb sind mir vor allem Gäste mit offenem Geist, die auch kritische Fragen stellen", erklärt der Pater, während er Altenburgs besonderen Schatz zeigt: Vor einigen Jahren entdeckte man unter dem barocken Prunkbau aus dem 17. Jahrhundert eine verschüttete mittelalterliche Klosteranlage. Nach und nach wurden uralte Mönchszellen, Kapellen, Skriptorien, gotische Türme und Kreuzgänge von Archäologen freigelegt.

Ihm ist ein Austausch auf Augenhöhe wichtig: "Wenn mich jemand Hochwürden nennt, dann kontere ich einfach auch mit Hochwürden." Nach der Führung durch das Stift lädt Pater Michael gerne in den Klosterladen zu einem Mirabellenschnaps ein und schwelgt ausgiebig vom selbst gekelterten Wein des Stifts. Mit Selbstkasteiung geht ein Besuch in Altenburg also eher nicht einher.

Reiseinformationen

Klösterreich ist ein Verein zur Förderung kultureller und touristischen Aktivitäten von Klöstern, Orden und Stifte. Es gibt 28 Mitglieder, davon 23 in Österreich. Sie alle öffnen ihre Türen für Gäste und haben ein breites kulturelles und touristisches Angebot, das von Ausstellungen und Konzerten über Führungen bis zu mehrtägigen Kursen, Auszeiten vom Alltag und Urlaub im Kloster reicht. Willkommen ist jeder - ob christlich geprägt, ohne Glauben oder Mitglied einer anderen Religionsgemeinschaft. Infos unter www.kloesterreich.com.

Stift Heiligenkreuz nahe Wien: Zisterzienserstift mit 100 Mönchen. Besonderheiten: Gregorianischer Choral, Kraftsportraum für Mönche, Theologische Hochschule mit TV-Studio, Künstlermönch Pater Raphael Statt mit eigenem Atelier. stift-heiligenkreuz.org

Stift Admont in der Steiermark: Benediktinerstift mit 22 Mönchen. Besonderheiten: weltgrößte Klosterbibliothek (mit nächtlicher Führung), Ensemble verschiedener Museen (Gotik, Gegenwartskunst etc.), Workshops. Liegt nahe des Nationalparks Gesäuse. stiftadmont.at

Stift Altenburg im niederösterreichischen Waldviertel: Benediktinerstift mit neun Mönchen. Besonderheiten: mittelalterliche Klosteranlage unter dem Barockbau, verschiedene Themengärten, Kunstsammlung Arnold. stift-altenburg.at

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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