Süddeutsche Zeitung

Theaterwanderung in Österreich:Wie fühlt sich Flucht an?

Lesezeit: 6 min

Im Montafon spüren Wanderer in idyllischer Almlandschaft dem Schicksal verfolgter Juden nach. Der Kontrast könnte kaum größer sein.

Von Hans Gasser

Was war das? Während morgens um halb zehn in der Lobby des Hotels Madrisa geschäftiges Treiben herrscht, Gäste Koffer hinter sich herziehen und Rechnungen begleichen, tönt es plötzlich vielstimmig durch den Raum: "Nein, verehrter Saurier, nein!"

Nebenan, in der hölzernen Stube des 1905 erbauten Hotels, drängen sich Menschen in Wanderkluft um einen Mann im samtenen Morgenmantel. In spöttischem Ton spricht der Schauspieler Andreas Kosek in die Runde: "Manchmal schufen Riesenechsen / von besonderer Statur / schlau und roh, zu fünfen, sechsen / eine Urwalddiktatur. / Wer nicht kuschte, ward zerrissen / auf der Flucht im Urgestein / Dieser Brauch hat schwinden müssen?" "Nein, verehrter Saurier, nein!", rufen ihm drei andere Schauspieler zu.

Es ist der Auftakt zur Montafoner Theaterwanderung "Auf der Flucht". Dabei wird an neun verschiedenen Schauplätzen die Flucht von Juden während der Nazi-Diktatur thematisiert; viele versuchten, über die auf den Bergkämmen oberhalb von Gargellen verlaufende Grenze in die Schweiz zu kommen.

500 Höhenmeter müssen bei der Wanderung von Publikum und Schauspielern überwunden werden, es geht von der Kirche vor dem Hotel Madrisa an schönen alten Walser Holzhäusern, Blumenwiesen und Bächen vorbei bis hinauf auf die Obere Alpe Röbi, 1900 Meter über dem Meer. Gespielt wird im Wald, auf Almen, in Almhütten und sogar in einem Viehstall. Die fünf Ensemblemitglieder des Teatro Caprile spielen Texte von österreichischen Schriftstellern wie Franz Werfel, Theodor Kramer oder Jura Soyfer. Von letzterem stammt das in der Eingangsszene vorgetragene Gedicht "Saurier erwache!". Es geht darin um eine Riesenechse, die 1940 aufwacht und nach der Befragung der Menschen feststellt, dass sich seit dem Tertiär an den brutalen Gepflogenheiten eigentlich nicht viel geändert hat und Saurier also als modern gelten können.

Neben literarischen Texten und Figuren hat Regisseur Kosek auch historische Personen eingebunden, etwa zwei jüdische Frauen, die von österreichischen Grenzern auf der Alm verhaftet wurden und sich im Gefängnis Sankt Gallenkirch erhängt haben, weil sie wussten, dass man sie ins KZ bringen würde. Auch der Schriftsteller Jura Soyfer wurde hier im Rätikongebirge bei der Flucht auf Skiern aufgegriffen, zuerst ins KZ Dachau und dann nach Buchenwald gebracht, wo er an Typhus starb.

Es ist kein leichter Stoff, den die Schauspieler in der idyllischen Almlandschaft zum Besten geben, auf einer der Fluchtrouten in Richtung Sarotlajoch. Umso gewagter ist es, dies in einem touristischen Kontext zu tun, der eigentlich die friedliche Almlandschaft in den Vordergrund rücken will. Für Friedrich Juen gehört das aber ganz selbstverständlich zum Erbe seines Heimatortes Gargellen. Der Fünfzigjährige, braun gebrannt, mit dunklem Schnauzbart und kräftiger Statur, führt die 45 Theatergäste auf dem schmalen Steig von Szene zu Szene. "So eine Flucht ist kein Honigschlecken", scherzt er, wenn die Gäste in der Sommerhitze schwitzen und schnaufen. Juen arbeitet für die Bergbahnen, seine Passion gilt aber der Geschichte des Montafons. Er ist so etwas wie der Dorfhistoriker von Gargellen und hat den Theaterleuten geholfen, die richtigen Plätze zu finden. "Ich kenn' hier halt jeden Stein." Anfangs hätten manche im Dorf gesagt: "Lasst doch die Kriegszeit in Ruhe." Aber mit dem Erfolg des Stücks habe sich die Überzeugung durchgesetzt, "dass es besser ist, offen mit diesem Teil der eigenen Geschichte umzugehen".

Juen erzählt zwischen den Szenen historische Fakten. Das mit den zwei jüdischen Frauen etwa, deren Akten vernichtet wurden, weshalb man ihre Namen nicht mehr kennt; oder er liest aus den Dokumenten vor, dass bei der nachträglichen Abstimmung zum Anschluss Österreichs "alle 62 stimmberechtigten Gargeller für Hitler gestimmt haben". Man sei stolz darauf gewesen. Und ein junger deutscher Deserteur sei erst von einem Bergführer verraten und dann oben beim Gandasee von einheimischen Polizisten hinterrücks erschossen und spätabends am Dorffriedhof verscharrt worden. "Beerdigung will ich das nicht nennen", so Juen. Ihn qualifiziert für sein Amt als "Auf der Flucht"-Wanderführer aber noch etwas anderes: Sein Großonkel Meinrad Juen, Metzger, Senner und Schmuggler aus Sankt Gallenkirch, hat nachweislich 42 Juden durchs Gebirge über die Schweizer Grenze geführt, unterstützt von Friedrichs Großvater Wilhelm Juen. Meinrad, so erzählte es ihm der Opa, habe immer Ziegenglöckchen in der Tasche gehabt. "Trat ein Flüchtender ein paar Steine los, die runterpolterten, läutete er damit, um die Zöllner denken zu lassen, es sei eine Ziege gewesen." Man sei immer nachts oder bei schlechtem Wetter gegangen. "So gesehen ist der Himmel heute viel zu blau für die Aufführung", sagt Juen. Bei Nebel sei die Stimmung noch viel eindrücklicher.

Doch es ist auch so schon bedrückend genug. Auf der Alpe Rongg versucht die Schauspielerin Maria King in einer Art Performance verzweifelt, aus einem betonierten Mistgeviert herauszuklettern. Ihre Kollegin Katharina Grabher spricht dazu einen Text über Erniedrigung und was diese mit einem Menschen macht. Und wenn Juen hinterher die Gäste darauf hinweist, dass am Betongeviert die Jahreszahl 1938 eingraviert ist und die Alm als Winterquartier der Zöllner diente, bekommt das noch einmal eine andere Bedeutung.

Es gibt aber auch tragikomische Szenen, etwa als ein Wiener Ehepaar vor dem Bergführer Meinrad Juen (authentisch gespielt von seinem Großneffen Friedrich) steht und der in für sie unverständlichem Montafoner Dialekt erklärt, was sie für die Flucht alles brauchen. Oder als ein alter Jude zum anderen sagt: "Moses war ein rechtes Rindviech." "Warum?" fragt der andere. "Hätt' er uns nicht aus Ägypten geführt, hätten wir jetzt einen englischen Pass!"

Die Wandergruppe steigt höher und höher, über Steine, Wurzeln und Kuhfladen, an Stauden voller Blaubeeren und verblühten Alpenrosen vorbei. Die Gipfel von Madrisa und Ritzenspitzen kommen immer besser in den Blick, Juen zeigt sie seinen Gästen. Die Schauspieler huschen unbemerkt voraus, um plötzlich wieder hinter einer windschiefen Lärche hervorzutreten, als Nazi mit Reitpeitsche: "Gemma, Gemma, rein mit der Bagage!", kommandiert Kosek das Publikum zwischen die Mauern eines verfallenen Stalls. Es folgt ein Dialog zwischen dem Nazi und dem Schweizer Grenzbeamten, in dem sie sich um die Aufnahme der Juden streiten. "Wir können sie genauso wenig brauchen wie ihr", sagt der Schweizer. "Wir sind keine Antisemiten, aber wer keinen Pass hat und keinen Nachweis, dass ein anderes Land ihn aufnimmt, den schicken wir zurück." "Und wer zurückkehrt", sekundiert der Nazi, "der kommt ins Lager!"

Die Schauspieler des Teatro Caprile huschen unbemerkt voraus,...

...um sich plötzlich auf einer Lichtung im Wald oder an einer Almhütte in flüchtende Menschen und ihre Verfolger zu verwandeln.

Die Ähnlichkeit zu den aktuellen Flüchtlingsschicksalen ist frappierend. Darauf wird Regisseur Andreas Kosek im Austausch mit den Zuschauern häufig angesprochen.

Das Publikum muss 500 Höhenmeter überwinden, wird dafür aber mit sehr intensiven Theatermomenten belohnt.

Die Ähnlichkeit zu den aktuellen Flüchtlingsschicksalen ist frappierend, war aber bei der Entstehung des Stückes gar nicht beabsichtigt, erzählt Regisseur Andreas Kosek später beim Austausch mit dem Publikum auf der bewirtschafteten Alpe Rongg. "Wir wurden da von der Flüchtlingsthematik eingeholt." Vielleicht trägt das auch zum Erfolg des Stückes bei, das fast immer ausverkauft ist und sogar den Vorarlberger Preis für Innovation im Tourismus bekommen hat. Jedenfalls werde er häufig von Zuschauern auf die aktuelle Flüchtlingsdiskussion angesprochen, sagt Kosek. Und Friedrich Juen erinnert daran, dass laut Archiv bereits in den 1950er-Jahren die Grundschulklassen in dem Bergdorf viele Flüchtlingskinder aus Osteuropa hatten, die heute waschechte Montafoner seien. "Heute meint jeder, das Boot sei voll", so Juen. "Aber ist es das wirklich?", fragt er in die Runde. "Nein", meldet sich ein Mann, "wir haben doch 1956 auch 200 000 Ungarn aufgenommen - und das hat auch funktioniert."

Die Wanderung und also auch das Stück gehen über mehrere Stunden. Je länger es dauert, desto nachdenklicher wirkt das Publikum. "Das musst du dir mal vorstellen!", sagt eine Frau zur anderen, als der jüdische Anwalt auf der Bergwiese einfach nicht fassen kann, dass er, obwohl er im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet wurde, nun sein Vaterland wie ein Verbrecher verlassen muss. Die schöne Almlandschaft, das saftige Grün, das harmlose Kuhglockengeläut und die noch schneebefleckten Felsen dahinter: Man bringt das zunächst im Kopf nicht zusammen mit einer lebensbedrohlichen Situation, in der die Flüchtenden damals gesteckt haben. Sie wussten ja nicht: Lauert hinter der Kuppe voller Bergblumen ein Grenzpolizist? Wird es mein letzter Tag in Freiheit sein?

Tarantino-Kino im Kuhstall, das hatte man in dieser Intensität nicht erwartet

Eine der stärksten Szenen des Stücks spielt in einem leeren Kuhstall auf der Oberen Alpe Röbi. Die zwei jüdischen Frauen haben hier die Nacht verbracht und schauen, sich umarmend, zum Stallfenster hinaus: "Wie schön die Berge sind. Ist das ein Gletscher dort? Ach, wenn wir nur hier bleiben könnten." Die Frauen zögern, verlassen dann aber doch den Stall. Herein kommt der Nazi mit einem Montafoner Bauern. Eng angelehnt an die berühmte Szene mit Christoph Waltz und dem Glas Milch aus dem Tarantino-Film "Inglorious Basterds" befragt der Nazi den Bauern nach den zwei Frauen. Doch der bleibt schweigsam. Der Nazi tritt auf eine Frau im Publikum zu, hält ihr die Reitpeitsche unters Kinn: "Hast du Kinder?" Sie nickt. "Soll'n sie weiter eine Mutter haben?" Großes Kino im Kuhstall - das hatten so wahrscheinlich die wenigsten erwartet.

Danach lässt sich das Publikum auf den Wiesen an der Alpe Röbi zur Brotzeit nieder, die Kühe glotzen nichts ahnend, und wer möchte, darf sich die alte Sennhütte anschauen, an deren Stubentäfelung sich die Hirten verewigt haben. Die größte Inschrift dort: "Hirte Josef Fritsch im Kriegsjahr 1940." "Der hatte Glück", sagt Juen, "er musste nicht an die Front." Für ihn selbst, so Juen, seien die Begegnungen bei den Theaterwanderungen oft ein Glück. Einmal sei schon am Anfang im Hotel Madrisa ein älterer Mann auf ihn zugekommen und habe gesagt: "Ich war dabei, ich hab's erlebt." Am Ende des Stücks habe der Mann namens Jean Pierre Dreyfus dann erzählt, wie er als Kind mit seiner Mutter aus dem Elsass über die französisch-schweizerische Grenze geflohen sei - ohne Pass. Es habe sich eine ähnliche Szene wie im Theaterstück abgespielt, weil die Schweizer Grenzpolizei sie erst nach aufreibendem Hin- und Her passieren ließ. "Der hat das so bewegend erzählt, dass wir alle Tränen in den Augen hatten", sagt Juen. "Das war die Wirklichkeit und kein Theater."

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Quelle:
SZ vom 16.08.2018
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