bedeckt München 20°
vgwortpixel

Österreich:Hahnenkampf am Steppensee

Die Balz der Hähne der Großtrappe ist spektakulär. Im Nationalpark Neusiedler See wächst die Population der vom Aussterben bedrohten Tiere wieder.

(Foto: mauritius images/age fotostock)

Am Neusiedler See erobern sich seltene Arten ihren Lebensraum zurück. Das ist nicht nur ein Verdienst der Naturschützer, sondern auch der Landwirte.

"Blödes Viech!", schimpft Alois Lang. Der Fasan bleibt einfach mitten auf der Straße stehen, obwohl das Auto direkt auf ihn zurollt. Lang bremst scharf, erst dann rennt der farbenprächtige Vogel zur Seite ins Feld. "Sind halt Hühner", sagt Lang, der seit fast drei Jahrzehnten für den Nationalpark Neusiedler See - Seewinkel arbeitet und sich hier so gut auskennt wie kaum ein anderer. Er fährt weiter auf der schnurgeraden Dammstraße in Richtung Ungarn. An einem Aprilmorgen herrscht hier, in der fast baumlosen Niedermoorfläche Hanság östlich des Neusiedler Sees, tierischer Hochbetrieb. Neben den häufigen Fasanen hoppeln viele Feldhasen herum, Kiebitze fliegen auf und ab, Rehfamilien stehen auf dem Acker wie ausgestopft. Ein paar Hundert Meter weiter hat eine Rohrweihe einen jungen Hasen erwischt. Die Haseneltern springen aufgeregt um den Greifvogel herum, doch der lässt sich nicht mehr abbringen von seiner Beute.

Viele der Arten, die hier in so großer Zahl kreuchen und fleuchen, stehen in Deutschland auf der Roten Liste, weil die industrielle Landwirtschaft ihnen weder Futter noch Lebensraum bietet. Alois Lang hat das aus diesem Grund initiierte Artenvolksbegehren in Bayern aufmerksam verfolgt. "An sich gut", sagt er, "aber mich würde interessieren, wie viele von denen, die dafür waren, vor ihrem Haus einen pflegeleichten Steingarten haben und im Garten den Mähroboter laufen lassen." Grundsätzlich dürfe man bei der Artenvielfalt nicht in Schubladen denken, hier die Bauern und die Jäger, dort die Naturschützer. "Man muss einen Modus Vivendi finden, vor allem mit den Bauern."

Der erst 1993 gegründete Nationalpark am westlichsten Steppensee Europas ist keine zusammenhängende Fläche, sondern ein Verbund von Schutzgebieten, zwischen denen Äcker und Weinberge liegen. Das insgesamt 300 Quadratkilometer große Gebiet erstreckt sich zu einem Drittel auf österreichischer und zu zwei Dritteln auf ungarischer Seite.

Die Nationalparkflächen in Österreich gehören nicht dem Staat, sondern 1200 privaten Eigentümern. Die haben mit dem Nationalpark Verträge abgeschlossen, dass sie ihr Land nicht mehr bestellen. Dafür bekommen sie jährlich eine bestimmte Summe Geld, erklärt Lang. Mit anderen Bauern wiederum gibt es Verträge, gerade damit sie ihre Rinder auf die Nationalparkflächen treiben, vor allem in die Uferzone. "Dort fressen sie Büsche und Schilf und halten die Wiesen und die für viele Vogel-, Reptilien und Fischarten wichtige Flachwasserzone offen." Der Nationalpark unterhält sogar eine eigene Herde mit 250 imposant langhornigen Graurindern und 50 Wasserbüffeln, die jetzt, Ende April, von der Koppel auf die Nationalparkflächen gelassen werden, wo sie den ganzen Sommer verbringen.

Eine große Herde von ungarischen Graurindern weidet die Seeufer ab.

(Foto: Roman Huditsch/Nationalpark)

"Wir halten hier eine alte Kulturlandschaft aufrecht, keine Wildnis", erklärt Lang. "Wildnis wäre viel billiger." Viele Jahrhunderte lang wurden die Niedermoorflächen östlich und südlich des Sees entweder gemäht oder als sogenannte Hutweiden für Viehherden genützt, die von Zentralungarn bis nach Wien und sogar nach Nürnberg getrieben und dort als Schlachtvieh verkauft wurden. Dadurch entstand ein ganz eigenes Ökosystem, in dem jede Menge Insekten und vor allem Vogelarten lebten, die weite, offene Flächen zum Brüten brauchen.

Im Lauf des 20. Jahrhunderts verschwand diese Form der Weidewirtschaft, weil die sumpfigen Wiesen durch Kanäle entwässert und für Ackerbau genutzt wurden. Der Nationalpark versucht nun seit 26 Jahren, dies wieder rückgängig zu machen. Mit Erfolg, wie man zum Beispiel an der Großtrappe sieht, einer von 340 hier vorkommenden Vogelarten, nach der Lang gerade aus dem Auto heraus Ausschau hält. Sie ist mit bis zu 16 Kilogramm einer der schwersten flugfähigen Vögel der Welt und in Mitteleuropa vom Aussterben bedroht.

Jetzt im Frühling ist Balzzeit. Birdwatcher kommen von weit her, um das Trappenspektakel zu sehen. Die eigentlich rotbraunen Hähne stülpen dabei ihr Gefieder so um, dass sie weiß wie riesige Schneekugeln aussehen. "Da drüben sind sie!" Alois Lang stoppt den Wagen, baut das Fernrohr auf und richtet es in die Ferne. Tatsächlich sind darin mehrere imposante Hähne zu sehen, die vor den Hennen defilieren und immer wieder ihre weißen Federn zeigen. "Manchmal fließt auch Blut beim Hahnenkampf", sagt Lang.