bedeckt München 22°
vgwortpixel

Österreich:Es brodelt im Kaunertal

Bergsteiger auf dem Gepatschferner in Österreich

Bisher ist es Bergsteigern vorbehalten, die Aussicht vom Gepatschferner zur Weißkugel (3738 m) zu genießen. Pläne, ihn per Seilbahn zu erschließen, liegen auf Eis.

(Foto: mauritius images/Alan Hartley/Alamy)

Der Gepatschferner ist der am schnellsten schmelzende Gletscher Österreichs, 125 Meter hat er innerhalb eines Jahres verloren. Was das für das Leben im Tal bedeutet, vermag noch niemand zu sagen.

Gebückt tastet man sich in Wanderschuhen über die rutschigen, vereisten Bretter, die einen Pfad über das Eis bilden. Links und rechts, wo die Hände Halt suchen, ist ebenfalls glattes Eis, durch das fahles Dämmerlicht fällt. Genauso über dem Kopf, wo einem von der Decke kaltes Schmelzwasser auf die Haare und in den Nacken tropft. Eben noch brannte die Höhensonne vom Himmel herab. Nun zwängt man sich fröstelnd durch die Gletscherspalte. 100 Jahre alt soll das Eis am Fuß des Weißseeferners laut einer Infotafel sein. Die braunen Hänge ringsum, mitten im Kaunertaler Gletscherskigebiet, sowie die weißen Sonnenschutzplanen über dem Schneehaufen, in den man die künstliche Gletscherspalte gebohrt hat, verraten jedoch, dass vom Weißseeferner, der einst weite Teile des Skigebiets bedeckt hat, nur noch kümmerliche Reste übrig sind. Der benachbarte Gepatschferner hingegen bildet zusammen mit dem Kesselwandferner eine 18 Quadratkilometer große Eisfläche: die größte zusammenhängende Gletscherfläche Österreichs - und leider auch die am schnellsten schmelzende. Seine Zunge, die Richtung Kaunertal herunterhängt, lässt sich in einer gemütlichen Wanderung erreichen.

An einem Parkplatz an der Kaunertaler Gletscherstraße, die hinauf zum Skigebiet führt, beginnt der Naturlehrpfad Gepatschferner. Er gilt als Beispiel für eine touristische Nutzung des Gletschers, ohne der Natur zu schaden. Bemalte Holzstangen zur Pistenmarkierung, die Schaufel eines Schneepflugs sowie ein Klettergarten, in dem viel Betrieb herrscht, zeugen davon, dass der Massentourismus nicht weit weg ist. Doch auf dem Weg zum Gletscher ist es einsam. Der Pfad schlängelt sich zwischen Wasserfällen, die wie Silberfäden über die Felsen herabrinnen, und immer spärlicherer Vegetation steil bergauf.

Philipp Kirschner, Biologe und Mitarbeiter des Naturparks Kaunergrat, zeigt auf die Spuren des Gletschers, der hier längst verschwunden ist: Die Seitenmoräne, auf der die Besucher hinter Kirschner herstapfen, stammt aus der vor 170 Jahren zu Ende gegangenen Kleinen Eiszeit. "Damals gab es noch Prozessionen, um den immer näher rückenden Gletscher durch Bittgebete aufzuhalten", sagt Kirschner. Nun bietet der Tourismusverband Führungen an, um die "Faszination Gletscher" zu erleben.

Berge und Wandern Himmel hilf!
Gletscherschmelze in den Alpen

Himmel hilf!

Der Aletschgletscher ist die größte Eismasse der Alpen. Einst versprachen die Einheimischen, tugendhaft zu leben, damit der Gletscher schrumpft. Heute sehen ihre Gebete anders aus.   Von Dominik Prantl

Der Schwund ist extrem. An Felsen angebrachte Metalltäfelchen mit Jahreszahlen verdeutlichen, wie weit der Gletscher früher gereicht hat. Vor zehn Jahren war die Zunge noch rund 700 Meter länger. "Seit einigen Jahren ist der Gepatschferner der am schnellsten schmelzende Gletscher in Österreich", sagt Kirschner. Einen Rekordschwund von 125 Metern in nur einem Jahr hat der Österreichische Alpenverein für seinen Gletscherbericht 2017 gemessen. Und im diesjährigen Hitzesommer könne man dem Gletscher beim Schmelzen zuschauen, sagt Kirschner: "War man ein paar Wochen nicht mehr hier, muss man einige Kurven höher steigen, um zum Eis zu kommen. Wenn es so weitergeht, sind die sieben Kilometer, die der Gepatschferner momentan der Länge nach misst, in einigen Jahrzehnten aufgebraucht."

Schaubilder auf dem Gletscherlehrpfad erklären, wie Moränen und Gletscherschliffe entstehen und welche Pionierpflanzen dem Eis folgen: etwa Steinbrech, Alpen-Leinkraut oder Johanniskraut. Als die Gruppe Brotzeit macht mit Blick auf die Gletscherzunge in der Ferne und das Gletschertor, aus dem das Schmelzwasser wie eine graubraune Suppe herausschießt, ist auf einmal ein Poltern zu hören: In einiger Entfernung springt ein Felsbrocken, groß wie ein Auto, den Berg herunter, gefolgt von einer Kanonade aus kleineren Brocken. Das komme jeden Tag vor, beruhigt Kirschner, man halte stets genügend Sicherheitsabstand: "Der Berg bewegt sich, weil der Permafrost auftaut."

Was das bedeutet, erkennt man gut auf der Terrasse des Gletscherrestaurants Weißsee. Hier, auf 2750 Metern inmitten des Skigebiets, endet die Panoramastraße. Trotz einer hohen Straßenmaut ist der Parkplatz gut gefüllt: Gletscherskigebiet, heißt es offiziell. Aber das war einmal - im Sommer ist hier schon seit Jahren kein Skibetrieb mehr möglich. Mit 3498 Metern stellt die Weißseespitze die höchste Erhebung in unmittelbarer Nähe des Skigebietes dar. Auf der anderen Seite des Gipfels liegt der vom Skigebiet aus nicht sichtbare Gepatschferner. Auf aktuellen Übersichtsplänen des Skigebiets ist noch ein Seilbahnprojekt bis zum Gipfel der Weißseespitze eingetragen. Dagegen machen Naturschützer schon länger mobil. Mit dem Projekt würde ein bisher unberührter Teil der Ötztaler Alpen erschlossen, mahnt der Österreichische Alpenverein. "Diese Landschaft, von europäischer Bedeutung, ist unbedingt schützenswert und muss frei von allen Eingriffen bleiben", sagt auch Konrad Roider. Der Obmann des Tiroler Heimatpflegevereins kritisiert "den Überbietungswettbewerb im Hochgebirge, der im Widerspruch zu den Herausforderungen des Klimawandels steht". Das Kaunertal ist nur ein Beispiel, was das Wettrüsten von Gletscherskigebieten betrifft. Im benachbarten Pitztal will man eine Seilbahnverbindung nach Sölden bauen inklusive mehrerer neuer Pisten, um das größte Gletscherskigebiet Österreichs zu werden - auch das ist heftig umstritten.