Österreich Bauern und Biathleten

Obertilliach in Osttirol ist als Trainingsort für Spitzensportler und als Kulisse für den letzten James-Bond-Film bekannt. Dennoch erinnert hier nichts an einen Actionfilm - ganz im Gegenteil.

Von Johanna Pfund

Bauernland, für Gäste attraktiv: Im Vordergrund die vielen Heustadeln, hinten das Dorf Obertilliach.

(Foto: Hansjörg Schneider)

Die Warteschlange in dem kleinen, mit Waren und Menschen vollgepackten Laden ist lang an diesem Wintertag. Die Einkäufe sind klein: ein Schokoriegel, zwei Äpfel, eine Flasche Wasser, wieder Schokoriegel. So sieht es aus, wenn junge Sportler und Urlauberfamilien nach einem Tag auf der Loipe oder der Skipiste noch schnell das Nötigste besorgen; die Einheimischen in der Schlange nutzen die Wartezeit zu einem Ratsch. Für jene, die niemanden zum Reden haben, gibt es hier in Obertilliach im Supermarkt noch Fenster zum Rausschauen: Schnee glitzert auf den denkmalgeschützten Tiroler Bauernhäusern mit den Brennholzstapeln an der Wand, hinter den Gipfeln des Karnischen Hauptkamms verschwindet gerade die Sonne. Man freut sich an der Kulisse dieses Osttiroler Ortes, genauso wie an dem Miteinander in der Warteschlange. Da treffen Sportler, Dorfbewohner und Urlauber aufeinander; jeder Gast wird auf der Straße gegrüßt.

Es ist nicht so, dass sich die Obertilliacher verbiegen würden, um es den Touristen unbedingt recht machen zu wollen. Zwar gibt es in dem knapp 700 Einwohner zählenden Dorf, das südlich des viel befahrenen Pustertals zwischen Kärnten und Südtirol liegt, immerhin 1200 Gästebetten. Doch sieht man das dem Ort nicht an. "Ferienwohnung" oder "Zimmer", das steht fast an jedem der Höfe, die sich hier auf 1450 Metern Höhe aneinanderfügen. Die vier größeren Hotels mit mehr als 100 Betten passen sich in das Ortsbild ein; es sind große, breite Tiroler Gasthöfe. Selbst das erst im Dezember 2015 eröffnete Alm Family Hotel Scherer am Ortseingang besitzt einen etwas altmodischen Charme. Als wären einfach zwei, drei große Bauernhäuser verbunden worden. Der Grund für das einheitliche Ortsbild ist simpel: "Bei uns gilt für die meisten Häuser Denkmalschutz", sagt Gabriele Klammer, die wie so viele hier im Ort Ferienwohnungen oder Zimmer in ihrem Bauernhof anbietet. Wird neu gebaut, bleibt die Fassade erhalten. Der historische Dorfkern hat sogar die Macher von James Bond vor einigen Jahren derart überzeugt, dass sie für den Film "Spectre" drei Wochen lang mit 350 Leuten einfielen und ein Flugzeug in einen eigens errichteten Stadel krachen ließen.

Obertilliach besitzt sehr viele schöne und denkmalgeschützte Bauernhäuser.

(Foto: Hansjörg Schneider)

Dass die Landwirtschaft aber noch mehr als Kulisse ist, wird bei einem Spaziergang schnell deutlich. Denn anders als beispielsweise die Vermarktungsprofis aus Sölden, die sich als einstiger 007-Drehort unter anderem mit einer Bond-Installation inszenieren, erinnert in Obertilliach nicht viel an einen Actionfilm. Auf den Wiesen sucht man vergeblich nach einer Kino-Erlebniswelt; stattdessen trifft man beispielsweise auf merkwürdige, hohe Holzgestelle. "Harpfen", erklärt Gabriele Klammer. Auf ihnen trockneten die Bergbauern früher das Korn, hängten ihre frisch geschnittenen Garben auf die Querlatten. Fast aus jedem Stall hört man Muhen, immer wieder sieht man kleine Freilaufflächen vor den Ställen, auf denen Rinder und Pferde stehen. Sie mustern neugierig die Menschen, die auf den steilen und verwinkelten Straßen vorbeigehen. Um die 140 Stück Vieh gibt es in Obertilliach noch. Nicht nur die Landwirtschaft, auch ein klassisches Vereinsleben hat sich der Ort bewahrt. Die Landwirtin und Vermieterin Gabriele Klammer jedenfalls ist mit ihrem Dorf sehr zufrieden. "Wir haben schon viel", sagt sie und zählt auf: Musikkapelle, Feuerwehr, Volkstanz, Kirchenchor, Schützen, alle Generationen sind eingebunden. Die Bäuerinnen treffen sich zum Backen, zum Literaturabend - oder natürlich zum Langlaufen.

Loipen und Schnee haben sie dank der Höhenlage ja zuhauf. 60 Kilometer lang ist die Grenzlandloipe, die das Flüsschen Gail von Kartitsch im Westen bis hinüber nach St. Lorenzen auf der Kärntner Seite flankiert. In sanftem Auf und Ab begleiten die Spuren den Bach, mal geht es über Wiesen, mal durch Waldstücke. Der Sturm im Oktober 2018 hat allerdings so schwere Schäden angerichtet, dass in diesem Jahr nur 35 Kilometer befahrbar sind.

Es gibt ein kleines Skigebiet, aber eigentlich ist man hier auf Langlaufen und Biathlon spezialisiert.

(Foto: TVB Osttirol)

Ein guter Ausgangspunkt ist das Langlauf- und Biathlonzentrum, das sich nahe Obertilliach befindet. Gebaut worden ist es vor 15 Jahren, mit einem professionellen Schießstand, Leihshop, Bistro, Parkplätzen und der an solchen Zentren üblichen langen Reihe an Wachscontainern, in denen vor den Rennen noch allerlei wichtige Substanzen auf die Ski aufgebracht werden. Die Profis haben das Tal und seine Trainingsmöglichkeiten schon lange vor dem Bau des Zentrums entdeckt, wie Hansjörg Schneider, Tourismuschef von Obertilliach, erzählt. 1989 richteten die Obertilliacher ihr erstes und bislang einziges Biathlon-Weltcuprennen aus. In den Jahren danach trainierten in der Höhenlage Weltklassesportler wie Fritz Fischer, Ricco Groß und schließlich Ole Einar Björndalen. Der norwegische Weltcup-Rekordsieger hat sich sogar im Ort niedergelassen, die geteerte Skiroller-Strecke, die im Winter in die Wettkampfloipe verwandelt wird, ist nach dem Norweger benannt. Er hat ja schließlich auch Tipps für die Streckenführung gegeben.

Björndalen ist jetzt, seit er mit der weißrussischen Biathletin Darja Domratschewa verheiratet ist, nicht mehr so oft in Obertilliach. Aber es geht auch ohne ihn. Die Biathlon-Szene trifft sich hier bei IBU-Cups und in zwei Jahren, 2021, zum zweiten Mal zur Jugend- und Juniorenweltmeisterschaft. Dann wird es vermutlich eng auf der Loipe.

Aber es gibt ja zum Ausweichen noch den Golzentipp. Der Hausberg von Obertilliach verfügt über exakt fünf Lifte, zwei Talabfahrten, drei überschaubare Pisten. Macht 13 Pistenkilometer. Die Talstation der Gondelbahn liegt gleich neben der Kirche. Man erreicht sie von so ziemlich jeder Unterkunft im Dorf zu Fuß. Oben angekommen, neben der Jausenstation Conny Alm, auf gut 2000 Meter Höhe, tut sich ein Panorama auf, das seit Jahrzehnten unzählige Postkarten ziert. Die Lienzer Dolomiten auf der einen Seite, die Sextner Dolomiten auf der anderen Seite. Fast zu schade zum Skifahren.

Reiseinformationen

Anreise: Von Kufstein über Kitzbühel und den Felbertauerntunnel nach Lienz, dort Richtung Lesachtal; oder über die Brennerautobahn, Ausfahrt Brixen/Pustertal, nach Sillian Richtung Lesachtal.

Unterkunft: Auswahl an Übernachtungsmöglichkeiten vom Campingplatz bis zum Vier-Sterne-Hotel unter www.obertilliach.at, Tel.: 0043/50/212 2 12

Skigebiet: Der Tagesskipass kostet für Erwachsene in der Hauptsaison 37 Euro, für Kinder 18,50 Euro, www.obertilliacher-bergbahnen.com