bedeckt München 20°

Kreuzfahrtschiff "Oasis of the Seas":"Das sind nicht Sie!"

Das Gepäck wird durchleuchtet, man wird fotografiert und erhält einen Bordpass, auf dem neben dem Foto alle persönlichen Daten gespeichert sind, so auch die Kabinennummer. Doch wie nur findet man bei einem so riesigen Schiff den Weg in seine Bleibe?

Dumme Fragen von Touristen

"Wann wird der Nebel abgedreht?"

Zwischen all den Shops, Bars, Wasserfontänen und gläsernen Aufzügen befindet sich in der Nähe des Treppenhauses auf jedem Deck ein interaktiver Bildschirm, auf dem man eingeben kann, wonach man sucht. Auf dem Schiffsgrundriss erscheint sodann das gesuchte Ziel als pulsierender Punkt. Doch bei der angezeigten Kabine funktioniert die Karte nicht.

Ein Handwerker, der noch letzte Arbeiten im Flur verrichtet, kommt zu Hilfe, versucht es vergebens, der Etagensteward eilt herbei und vergleicht die Karte mit der Kabinennummer. Alles korrekt. Aber die Tür lässt sich nicht öffnen.

Dann kommt die Stationschefin, doch das Lämpchen am Türschloss will und will nicht grün werden. Also öffnet sie die Tür mit der Masterkarte, und siehe da: Hier wohnt schon jemand. Die Stationschefin vergleicht den Namen an den Kofferanhängern mit der Bordkarte und sagt: "Das sind nicht Sie!" Auch das ist korrekt - und schon bald fühlt man sich selbst wie ein blinder Passagier.

Zum Glück hat sich die Chefin dann doch dazu entschlossen, in der Zentrale anzurufen, um zu fragen, ob es überhaupt einen Gast dieses Namens gibt. "Ihr Status wurde geändert", sagt sie verheißungsvoll, als sei die Unterkunft in eine der für Kreuzfahrtstandards innovativen doppelstöckigen Loftsuiten mit Panoramafenstern von der Decke bis zum Boden nebst Whirlpool aufgewertet worden: "Sie sind zwei Decks höher."

Zwei Decks höher sehen die Flure und Zimmer immer noch exakt so aus wie zwei Decks tiefer, aber immerhin funktioniert nun die Karte.

In den labyrinthischen Erlebnislandschaften fungieren die pulsierenden Punkte auf den interaktiven Bildschirmen mit der Aufschrift "Sie sind hier" zwar als dürftige Wegweiser, aber wie auch der Schriftsteller David Foster Wallace in seinem Kreuzfahrtbuch "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich" schrieb, ahnt man schon sehr bald, dass sie weniger der Orientierung als der Beruhigung dienen.

Beruhigt können vor allem Eltern sein, denn ihre Kinder erhalten ein Armband, mit dem sie per iPod geortet werden können, sofern die Kids nicht intelligenter als ihre Eltern sind und ihren Chip einfach umprogrammieren. Es wird schnell klar, dass sich dieses Schiff vorwiegend an internetaffines Publikum wendet, das bereit ist, schon vor Beginn der Reise Restaurants, Shows und überhaupt alle Aktivitäten im Netz vorauszubuchen.

Das 1,4 Milliarden Dollar teure Schiff wurde schon vor sechs Jahren geplant. Zur Gegenfinanzierung wird nun in der Wirtschaftskrise auch der europäische Markt interessant. Immerhin haben dieses Jahr etwa eine Million Deutsche eine Kreuzfahrt gemacht.

Doch während deutsche Traumschiff-Kapitäne noch immer gerne mit älteren Damen Kaffeekränzchen halten, liegt der Altersdurchschnitt bei Kreuzfahrtschiffen wie der Oasis mit meist amerikanischem Publikum bei Anfang 40. Nicht, dass es dort keine älteren Menschen an Bord gäbe: Eine Seniorin lässt sich einen Helm aufsetzen und hängt sich ihre Handtasche um, damit sie beide Hände frei hat, um sich an der Vorrichtung der Drahtseilrutsche festzuhalten, mit der sie über die achtstöckige Promenade saust, als sei sie im Dschungelcamp.

Amerikaner sind ohnehin Meister darin, unangenehme Dinge nicht offen beim Namen zu nennen, sondern sie elegant zu verpacken.

Knigge für die Kreuzfahrt

Kurs auf Manieren