Süddeutsche Zeitung

Nordkorea:Auf dem Abstellgleis

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un will sein Land öffnen. Sagt er. Doch noch ist die Grenze zwischen Nord und Süd nicht nur eine der bestbewachten der Welt. Deshalb dient sie auch als Touristenattraktion und Propagandamittel - auf beiden Seiten.

Von Veronika Widmann

Zwei deutsche Studenten haben es sich auf den Gleisen bequem gemacht: Kopf auf der Schiene, Füße übereinandergeschlagen. Der Amerikaner neben ihnen lässt sich dabei fotografieren, wie er sinnierend in die Ferne blickt. Ist ja auch kein Problem - ein Zug wird nicht kommen auf den Gleisen von Dorasan Station, dem nördlichsten Bahnhof Südkoreas, gleich an der Grenze zum verfeindeten Bruderstaat Nordkorea.

Es ist ein Bahnhof aus viel Glas und Stahl und noch mehr Symbolik: Die Dachkonstruktion soll zwei ineinander liegende Hände darstellen, Sinnbild für die angestrebte Wiedervereinigung der beiden Koreas. Seht her, soll dieser Bau dem Betrachter sagen, wir in Südkorea tun unser Möglichstes, dass es eines Tages so kommt. Auf einer Tafel steht: nicht die letzte Station von Süden her, sondern die erste in Richtung Norden. Ähnlich versöhnliche Töne schlug zuletzt auch die Gegenseite an: Es sei wichtig, die Konfrontation zwischen Norden und Süden zu beseitigen, sagte der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un in seiner Neujahrsansprache. Wie viel diese Ankündigung wert ist, wird sich zeigen. Bis dahin bleibt Dorasan ein Geisterbahnhof, Station nur für Touristen, die eine Tour in die sogenannte demilitarisierte Zone gebucht haben.

Die demilitarisierte Zone teilt die koreanische Halbinsel in Nord und Süd, sie ist ein vier Kilometer breiter und 248 Kilometer langer Streifen Niemandsland, in dessen Mitte die militärische Demarkationslinie verläuft, die eigentliche Grenze zwischen Nord- und Südkorea. Eingerichtet wurde die demilitarisierte Zone 1953, nach dem drei Jahre dauernden Koreakrieg; verwaltet wird sie von Vertretern beider Seiten. Und doch könnte der Name irreführender nicht sein, denn die Grenze ist eine der bestbewachten der Welt, eine letzte Bastion des Kalten Krieges.

Und ein Glücksfall für den Tourismus in Südkorea. Mehr als sechs Millionen Besucher wollen jedes Jahr von hier aus einen Blick nach Nordkorea erhaschen, das so wenig von sich preisgibt und das wenige so grotesk inszeniert. 96 000 Won, umgerechnet etwa 70 Euro, zahlen sie für eine Tagestour. Dafür dürfen sie durch einen Tunnel wandern, der von Nordkorea wohl zum Zweck eines Überraschungsangriffs gebaut wurde. Sie können von einer Aussichtsplattform ins Feindesland spähen, einmal selbst in Nordkorea stehen - und sich von Reiseleitern und Imagefilmen daran erinnern lassen, wer in diesem Konflikt der Rechtschaffene ist.

"Es ist 9.27 Uhr, zurück zum Bus!" Briana Byeon hält die Gruppe zusammen, die Tour ist durchgetaktet. Briana ist Reiseleiterin und heißt eigentlich Young Eun, aber sie will es den Touristen einfacher machen. Im Bus ein paar Schnipsel zu Geschichte und Politik. Wenn Briana von Südkorea redet, sagt sie "mein Land" und "mein Präsident". Das einzige Dorf im nordkoreanischen Teil der demilitarisierten Zone nennt sie "Propaganda Village", das im südkoreanischen "Freedom Village" - ein bisschen Propaganda muss auch auf der südlichen Seite der Grenze sein.

Programmpunkt Nummer zwei: die Joint Security Area, Höhepunkt der Tour. Nur hier stehen sich Soldaten aus Nord und Süd direkt gegenüber, zwischen ihnen ein paar Baracken, drei graue für den Norden, drei blaue für den Süden. Keine Mauern, keine Zäune - die stehen an den Außengrenzen der Zone, damit niemand unkontrolliert bis hierher durchdringt.

In der Joint Security Area übernimmt das amerikanische Militär, Briana übergibt die Gruppe an Private Jonathan Martinez. Der trägt Tarnfarben und eine verspiegelte Sonnenbrille, ist gerade mal 20 Jahre alt und versucht nach der Passkontrolle ein erstes Witzchen: "Wir lassen euch gleich noch ein Formular unterschreiben. Da steht quasi drin, dass wir nicht schuld sind, wenn ihr erschossen werdet oder so."

Auf eigene Gefahr unterwegs

Tatsächlich unterschreibt jeder Besucher, dass er die Joint Security Area auf eigene Gefahr betritt. Und außerdem den Satz: "Verbrüderung mit Leuten der Koreanischen Volksarmee oder der Chinesischen Freiwilligenarmee - das heißt Sprechen, Gestikulieren oder jede andere Art von Kontaktaufnahme - ist streng verboten." Fotos machen darf man nur, wenn es ausdrücklich erlaubt ist. Und niemals welche in Richtung der südkoreanischen Gebäude schießen, das könnte die militärische Sicherheit gefährden.

Zurück im Bus erklärt Martinez lapidar, man fahre nun durch vermintes Gebiet. Am "Freedom House", einem imposanten Konferenzgebäude, angekommen, marschiert die Gruppe in Zweierreihen hinter Martinez her: eine Treppe hoch, raus ins Freie. Die Besucher können einen kurzen Blick auf die nordkoreanische Seite werfen, dann werden sie in eine der Baracken komplimentiert, die direkt auf der Grenze stehen und in denen ab und an Verhandlungen stattfinden. Zwei Minuten habe man hier, informiert Martinez. Dann der zweite Witz: "Hey, ihr da auf der anderen Seite des Tisches steht schon in Nordkorea. Die anderen sind bei mir noch halbwegs sicher."

"Haltet mindestens eine Armlänge Abstand!"

Fotos seien erlaubt, auch von den Soldaten, sagt Martinez. "Aber haltet mindestens eine Armlänge Abstand!" Großes Gedränge, jeder will ein Bild, jeder will einmal in Nordkorea gestanden haben, und die Baracke ist eigentlich zu eng für eine Busladung Menschen. An der Stirnseite des Verhandlungstisches, der sich mitten im Raum befindet, steht bewegungslos ein südkoreanischer Soldat in Ausgehuniform.

Ein älterer Herr quetscht sich zwischen ihm und der Mauer vorbei - plötzlich wird die Stimme von Martinez laut und scharf. "Hey! Bleib von ihm weg." Es ist der Moment, in dem die Touristen spüren: Das hier ist keine Show. Dann sind die zwei Minuten rum. Also wieder in Zweierreihen aufstellen, raus aus der Baracke, über eine Straße, ein paar Stufen hoch. Noch einmal darf man für zwei Minuten einen Blick auf Nordkorea werfen. Fotos sind jetzt ausdrücklich erwünscht, schließlich blickt der Soldat der Volksarmee schon mit dem Fernglas herüber zu uns. Letzte Woche, erzählt Martinez, habe einer der Touristen auch ein Fernglas dabeigehabt und zurückgestarrt.

Natürlich tut die Gruppe Martinez den Gefallen und drückt eifrig die Auslöser, obwohl es nicht viel zu sehen gibt. Nur Betonklötze, die auf den Kiesflächen zwischen den Baracken liegen und zeigen, wo die Demarkationslinie verläuft. Ein Pavillon der nordkoreanischen Armee. Und eben ein einzelner Soldat mit Fernglas, so weit entfernt, dass man nur seinen Umriss erkennen kann. Eine unwirkliche Situation, als wäre man mitten in einem Film gelandet.

Zum Ende der Tour bringt Martinez seine Gruppe in einen Souvenirladen. Schnaps aus Nordkorea steht in den Regalen, auch nordkoreanische Won kann man kaufen. Martinez nimmt die Sonnenbrille ab, die er draußen tragen muss. Ein Schutz für seine Augen im Falle eines Schusswechsels, wie er erklärt. Martinez' Augen sind dunkel und freundlich. Plötzlich sieht er nicht mehr aus wie ein Soldat, der an einer schwerbewaffneten Grenze Dienst tut, sondern wie der 20-Jährige, der er ist. Und dann sagt er einen überraschenden Satz. "Der Einsatz hier gefällt mir, weil es wirklich ruhig und friedlich ist."

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Quelle:
SZ vom 17.01.2013/cag
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