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Nordkorea:Auf eigene Gefahr unterwegs

Tatsächlich unterschreibt jeder Besucher, dass er die Joint Security Area auf eigene Gefahr betritt. Und außerdem den Satz: "Verbrüderung mit Leuten der Koreanischen Volksarmee oder der Chinesischen Freiwilligenarmee - das heißt Sprechen, Gestikulieren oder jede andere Art von Kontaktaufnahme - ist streng verboten." Fotos machen darf man nur, wenn es ausdrücklich erlaubt ist. Und niemals welche in Richtung der südkoreanischen Gebäude schießen, das könnte die militärische Sicherheit gefährden.

Karte Nordkorea

Karte Nordkorea

(Foto: SZ)

Zurück im Bus erklärt Martinez lapidar, man fahre nun durch vermintes Gebiet. Am "Freedom House", einem imposanten Konferenzgebäude, angekommen, marschiert die Gruppe in Zweierreihen hinter Martinez her: eine Treppe hoch, raus ins Freie. Die Besucher können einen kurzen Blick auf die nordkoreanische Seite werfen, dann werden sie in eine der Baracken komplimentiert, die direkt auf der Grenze stehen und in denen ab und an Verhandlungen stattfinden. Zwei Minuten habe man hier, informiert Martinez. Dann der zweite Witz: "Hey, ihr da auf der anderen Seite des Tisches steht schon in Nordkorea. Die anderen sind bei mir noch halbwegs sicher."

"Haltet mindestens eine Armlänge Abstand!"

Fotos seien erlaubt, auch von den Soldaten, sagt Martinez. "Aber haltet mindestens eine Armlänge Abstand!" Großes Gedränge, jeder will ein Bild, jeder will einmal in Nordkorea gestanden haben, und die Baracke ist eigentlich zu eng für eine Busladung Menschen. An der Stirnseite des Verhandlungstisches, der sich mitten im Raum befindet, steht bewegungslos ein südkoreanischer Soldat in Ausgehuniform.

Ein älterer Herr quetscht sich zwischen ihm und der Mauer vorbei - plötzlich wird die Stimme von Martinez laut und scharf. "Hey! Bleib von ihm weg." Es ist der Moment, in dem die Touristen spüren: Das hier ist keine Show. Dann sind die zwei Minuten rum. Also wieder in Zweierreihen aufstellen, raus aus der Baracke, über eine Straße, ein paar Stufen hoch. Noch einmal darf man für zwei Minuten einen Blick auf Nordkorea werfen. Fotos sind jetzt ausdrücklich erwünscht, schließlich blickt der Soldat der Volksarmee schon mit dem Fernglas herüber zu uns. Letzte Woche, erzählt Martinez, habe einer der Touristen auch ein Fernglas dabeigehabt und zurückgestarrt.

Natürlich tut die Gruppe Martinez den Gefallen und drückt eifrig die Auslöser, obwohl es nicht viel zu sehen gibt. Nur Betonklötze, die auf den Kiesflächen zwischen den Baracken liegen und zeigen, wo die Demarkationslinie verläuft. Ein Pavillon der nordkoreanischen Armee. Und eben ein einzelner Soldat mit Fernglas, so weit entfernt, dass man nur seinen Umriss erkennen kann. Eine unwirkliche Situation, als wäre man mitten in einem Film gelandet.

Zum Ende der Tour bringt Martinez seine Gruppe in einen Souvenirladen. Schnaps aus Nordkorea steht in den Regalen, auch nordkoreanische Won kann man kaufen. Martinez nimmt die Sonnenbrille ab, die er draußen tragen muss. Ein Schutz für seine Augen im Falle eines Schusswechsels, wie er erklärt. Martinez' Augen sind dunkel und freundlich. Plötzlich sieht er nicht mehr aus wie ein Soldat, der an einer schwerbewaffneten Grenze Dienst tut, sondern wie der 20-Jährige, der er ist. Und dann sagt er einen überraschenden Satz. "Der Einsatz hier gefällt mir, weil es wirklich ruhig und friedlich ist."

© SZ vom 17.01.2013/cag

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