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Niederlande:Die Feierwütigen haben es auch schon ins Umland geschafft

Sitz der Monet Foundation ist ein grünes Holzhäuschen am Fluss Zaan, Monet Atelier genannt, obwohl der Künstler dort nie gearbeitet hat. Er hielt das "Tuinhuizen aan de Achterzaan" aber in Öl fest. Und dank der detailgetreuen Rekonstruktion des Gebäudes hat jeder, der heute auf der Beatrixbrücke steht, die gleiche Aussicht wie Monet damals. Man muss nur die andere Uferseite ausblenden, wo in jüngerer Zeit schicke Apartmentblöcke hochgezogen wurden.

Stadtführer Jacob Reitsma zeigt das grüne Haus in Zaandam, das von Monet gemalt wurde und heute das Monet Atelier beherbergt.

(Foto: Jochen Temsch)

Nicht nur im Monet Atelier, wo Replikas der Zaandamer Bilder hängen, auch anderswo in der Stadt können Besucher verblüffende Entdeckungen machen: Häuserfassaden und Straßenecken, die aussehen wie auf den Gemälden Monets. Jacob Reitsma veranstaltet Führungen dorthin. Etwa zum "Blauwe Huis", dem "Blauen Haus", das vor zehn Jahren jeder Zaandamer noch weiß gestrichen kannte. Man habe die Farbe von der Fassade abgetragen, sagt Reitsma, und unter der 52. Schicht sei der türkise Blauton hervorgekommen, den Monet malte und der heute wieder die Holzfassade leuchten lässt.

In der Nachbarschaft des Blauen Hauses standen die Werften, die Zaandam einst zum Zentrum des Schiffsbaus in Europa gemacht hatten. 600 Windmühlen trieben Sägen an, pro Woche liefen zwei Schiffe vom Stapel. Dieses Know-how war auch der Grund, warum sich der russische Zar Peter der Große hier im Jahr 1697 inkognito zum Schiffszimmermann ausbilden lassen wollte, um mit diesem Wissen eine Flotte aufzubauen. Seine Identität flog auf und er musste nach acht Tagen fliehen. Die schiefe Hütte aus altem Schiffsholz, in der er wohnte und die zu ihrem Schutz vor der Witterung von einem Steingebäude umschlossen wurde, ist heute die vor allem bei russischen Gästen beliebte Attraktion der Zaandamer Innenstadt.

"Aber an die Handwerkstradition erinnert außer dem Namen eines Pubs nichts mehr", sagt Jacob Reitsma. Die kleine Kneipe mit den alten Schwarz-Weiß-Fotos an den hohen Wänden immerhin, The Blacksmith, ist nur einen Steinwurf weit vom Zar-Peter-Haus entfernt. Ein bärtiger Barkeeper mit Hipster-Hut serviert "Paix Dieu", belgisches, bei Vollmond gebrautes Klosterbier, bei dem man einen Ausflug nach Zaandam wunderbar und als einziger Tourist unter Einheimischen ausklingen lassen kann.

Anderswo hat das Umlenken der Besucher dazu geführt, dass mit den Gästen auch die Probleme verlagert wurden: pittoreske Orte wie die Windmühlenparks von Zaanse Schans oder Kinderdijk, der Blumenpark Keukenhof oder die Insel Marken werden überrannt. Anwohner beklagen sich über verstopfte Straßen, Souvenirgeschäfte, die ihnen nichts bringen, und rüpelhafte Gäste, die auf der Suche nach Toiletten oder einfach so ihre Häuser betreten. Mit Erfolg wurden das Schloss Muiderslot als "Amsterdam Castle" und die Küste vor Zandvoort als "Amsterdam Beach" beim internationalen Besucherpublikum eingeführt - doch der daraufhin einsetzende Aufgalopp passt auch dort nicht jedem.

Amsterdam Bezoeken, Holland zien

Windmühlen in Zaanse Schans, einem Dorf nördlich von Zaandam.

(Foto: Cris Toala Olivares/Amsterdam Tourismus)

Jetzt sollen weitere Ziele in der Metropolregion Amsterdams geschaffen werden. Almere beispielsweise, die jüngste und am schnellsten wachsende Stadt der Niederlande, 35 Zugminuten vom Amsterdamer Hauptbahnhof entfernt. Seit Mitte der Siebzigerjahre wird der Ort auf dem Flevolandpolder gebaut. Alles entstand und entsteht hier auf dem Reißbrett. Wohnblöcke, Kino, Theater und Konzerthaus von namhaften Architekten, getrennte Verkehrswege für Autos, Radler und Busse - die auch vor grünen Fußgängerampeln nicht haltmachen, woran man als gedankenverloren herumstreunender Tourist dringend denken sollte.

Aktuell leben 208 000 Menschen hier, in den nächsten 15 Jahren sollen es schon 300 000 sein. Architekturführungen zu Fuß durch die Retortenviertel vermitteln ein gutes Bild von dieser urbanen, baumlosen, Aluminium, Glas und Zink gewordenen Wohn-Utopie, mit der man dem Bevölkerungswachstum Amsterdams gerecht zu werden hofft. Der Guide Paul Meekel beispielsweise sagt: "Früher dachte ich, lieber sterbe ich auf der Straße als an so einem sterilen Ort zu leben, aber inzwischen genieße ich es, nicht mehr im Trubel Amsterdams zu sein." Feierwütige haben es aber auch schon hier heraus geschafft. An der Rezeption des Best Western Hotels am Hauptbahnhof jedenfalls weist ein Schild darauf hin, dass Lachgasflaschen, mit denen man Luftballons aufpusten kann, aus Sicherheitsgründen im Haus verboten sind.

Solche Probleme gibt es auf dem flachen Land zwischen den Käse-Städtchen Beemster und Edam im Norden Amsterdams nicht. Unterwegs mit dem Fahrrad oder dem Elektroroller auf den schnurgeraden Wegen der Polderlandschaft vier Meter unterm Meeresspiegel, die grüne Weite, die alten Bäume, Kühe, Herrenhäuser und Windmühlen - das ist die reinste Meditation. Edam mit seiner langen Handelsgeschichte und den nur 7000 Einwohnern präsentiert sich als Idylle mit Kanälen, bunten Holzhäuschen und verwunschenen Gärten. Im Souvenirshop am historischen Käsemarkt gibt es natürlich handliche Edamerlaibe in allen Reifegraden - aber keine Kundschaft. Als eine Familie mit ihrem Segelboot durch einen Kanal tuckern will, erscheint ein junger Typ, um die schmale Fußgängerbrücke hochzukurbeln. Warum er einen amerikanischen Akzent hat? "Ich kam als Tourist hierher und traf meine Freundin", sagt er lachend, "jetzt bin ich ein Einwohner." So geht's natürlich auch.

Reiseinformationen

Anreise: Flug mit KLM ab München und zurück ab 100 Euro, klm.de; Zug normal ca. 200 Euro, mit Sparpreis für die einfache Fahrt ca. 39,90 Euro, bahn.de

Übernachtung: Zaandam: Inntel Hotel, DZ ab 72 Euro; Almere: Best Western Plus Plaza, DZ ab 82 Euro.

Monet in Zaandam: Atelier freier Eintritt, Führungen 10 Euro pro Person, monetinzaandam.nl

Architektur Almere: Führung 7,50 Euro pro Person, buchbar über vvvalmere.nl

Weitere Auskünfte: visitflevoland.nl/de, iamsterdam.com

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

© SZ vom 18.07.2019/edi
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