Niederlande Dämonen an der Wand

Die Stadt 's-Hertogenbosch feiert den niederländischen Maler Hieronymus Bosch mit einem Kulturprogramm - Rückschläge inklusive.

Von Evelyn Pschak

Verfall, Verblüffung und die Verehrung Mariens. Das sind Themen und Stilmittel, derer sich Hieronymus Bosch in seinen Werken bediente. Die Nordbrabanter Stadt 's-Hertogenbosch ist seine Heimat. Und die bietet den Besuchern pünktlich zum 500. Todestag des Malers eine Szenerie, wie von Bosch persönlich entworfen. Wenn auch unbeabsichtigt: In der vorletzten Februarnacht sind am großen Marktplatz zwei Häuser eingestürzt, glücklicherweise wurde niemand verletzt. Es waren die beiden Gebäude links vom Atelierhaus, das Bosch einst mit seinem Vater, seinen Brüdern und Cousins als Werkstatt nutzte. Jetzt stehen Touristen an den Gitterabsperrungen und fotografieren den Schutt aus groben Splittern dahinter - als täte sich ein Schlund auf, der einen Blick auf vergangene Jahrhunderte erlaubte. Ein fulminantes Bild der Zerstörung, ähnlich der wüsten Baustelle, die amphibische Zwitterwesen auf dem rechten Innenflügel des berühmten Heuwagen-Altarbilds von Bosch betreiben. Dass Boschs Werkstatt trotz der Erschütterungen heil blieb, so scherzt man auf dem Marktplatz, liege nur an den vielen Marienstatuen, die das Souvenirlädchen dort im Erdgeschoss verkauft.

"Der Garten der Lüste" als Projektion am Marktplatz. Inzwischen sind zwei der Gebäude eingestürzt.

(Foto: Urbi et Orbi/Bosch500)

Die Gebäude sollten eine wichtige Rolle im Festivalprogramm zu Ehren Boschs spielen. Sechs Monate lang hat die junge Kreativ-Agentur Mr. Beam an der Show "Bosch by Night" gearbeitet. Das zwölfminütige Videospektakel in Licht und Ton ist einer der Höhepunkte des rund um Hieronymus Bosch entworfenen Jahreskulturprogramms "Bosch 500". Und sollte, perspektivisch angepasst, wöchentlich mehrmals in den Abendstunden auf die nun stark dezimierte Häuserzeile projiziert werden. Die Programmierkünstler sind niedergeschmettert: "Wir leben in einer Schlammpfütze, Holland sinkt", sagt Kreativdirektor Mo Assem. "Wenn wir eine Lichtshow entwerfen, wissen wir, dass wir uns nicht auf alte Pläne verlassen können, die Maße von damals stimmen nicht mehr. Aber auf das, was hier passiert ist, waren wir nicht vorbereitet." Und wohl auch nicht auf den absonderlichen Zeitpunkt des Unglücks: Ein Lichttechniker war an Ort und Stelle, als die Häuser einstürzten. Ironischerweise sollten sie das auch in der Videoinstallation - und dann wankten die Gebäude tatsächlich. Die Videoarbeit, die nun neu programmiert werden muss und auf die intakten Gebäude rechts vom Atelierhaus projiziert wird, ist eine Hommage an Boschs Meisterwerk "Der Garten der Lüste". Dieses Triptychon bevölkern mehr als 400 Wesen, die in der Projektion zum Leben erweckt werden. Salamander klettern die Hauswände hoch, bewaffnete Reiter sitzen auf fliegenden Fischen und unter dem Angriff flügelschlagender Drachen zerfällt das Mauerwerk. Jetzt ist es, als versuchten geheimnisvolle Kräfte der Kunst, der verstiegenen Imagination des Malers Genüge zu tun.

SZ-Grafik

(Foto: )

Bosch gehört zu dieser Stadt, deren Namen er stolz angenommen hat. Fantasie und ganz praktischen Einfallsreichtum begreift man hier heute noch als Kernqualität: Die Stadtoberen sammelten insgesamt 26,5 Millionen Euro bei Land, Stadt, europäischen Kassen und Sponsoren, um die wertvollen Bilder Boschs zurück an ihre Schöpfungsstätte zu holen. Tauschangebote an die leihgebenden Institutionen in Madrid, Paris, New York oder Venedig konnte 's-Hertogenbosch nicht machen - der Stadt selbst ist kein einziges Bild ihres genialen Malers geblieben. Mit der Geldsammlung stemmte man die Restaurierung von Gemälden, Expertisen und Publikationen sowie die Ausstellung im Noordbrabants Museum, die Ende Mai in den Prado weiterzieht, sowie ein breit gefächertes Kulturprogramm. So sind derzeit 17 der 24 Bosch zugeschriebenen Bilder sowie 19 Zeichnungen in seiner Geburtsstadt zu sehen. Es ist ein Renner: Anfang März waren bereits 200 000 Tickets für die Ausstellung verkauft, jetzt erwägt die Museumsleitung, auch nachts zu öffnen, um dem Andrang Herr zu werden.

Reiseinformationen

Die Ausstellung: bis 8. Mai in s'Hertogenbosch, danach im Prado in Madrid (31. 5. bis 11. 9.). Tickets 22 Euro, Online-Reservierung unter tickets.hnbm.nl dringend empfohlen.

Informationen zu Öffnungszeiten und Anwesenheitsdauer: www.hetnoordbrabantsmuseum.nl/english. Das Videoprojekt am Marktplatz ist ab 8. Mai zu sehen, www.bosch500.nl/en

Übernachtung: Hotel De Bossche Suites, DZ ab 175 EUR, www.bosschesuites.nl; Mövenpick Hotel s'Hertogenbosch, DZ ab 99 Euro, außerhalb gelegen, kostenloser Shuttle in die Innenstadt, www.movenpick.com

Weitere Auskünfte: Holländisches Fremdenverkehrsbüro, www.holland.com

Auch die Stadt selbst ist einen Besuch wert. Die mittelalterlich gekrümmten Gassen, die Packhäuser in Ziegelbauweise, die neogotischen Kaufmannshäuser, das Straßen- und Kanalsystem - das alles hat sich seit dem Mittelalter kaum verändert. Die Festungsmauern aus Ziegel- und Tuffstein sollten einst die protestantischen Holländer vom katholischen Herzogtum Brabant fernhalten. Sich vor den Mauern niederzulassen, war verboten, so wurde es im prosperierenden Städtchen bald zu eng. Man begann, die Stadtkanäle zu überbauen.

Hinweis der Redaktion

Die Recherchereisen für diese Ausgabe wurden zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

Durch die Wassertunnel und Ziegelbögen der Binnendieze, so nennt sich das 3, 6 Kilometer lange Wasserlaufsystem, findet die "Himmel- und Höllenfahrt" statt. Auch hier haben die Programmierer von Mr. Beam eine animierte Projektion von Monstern und Fegefeuern geschaffen. Wer wieder hinausfindet aus Boschs Bestiarium, den begrüßt freundliches Schnattern. Die vielen Enten lassen sich von den Bootsinsassen nicht stören. Bosch hielt die Schwanzlocken der Erpel in seinen Zeichnungen fest. Vermutlich boten die Binnendieze schon vor 500 Jahren ausreichend quakendes Anschauungsmaterial. Überhaupt lautet einer der liebsten Sätze der Organisatoren von "Bosch 500", dass ihr berühmter Vorfahre den Weg zu seinem Atelier noch immer leicht finden würde.

Auch die Kanal-Skulpturenroute bedient sich motivisch am "Garten der Lüste". Die in und am Wasser platzierten Objekte, zu Über-Lebensgröße aufgeblasen, sind so knallig und skurril wie aus einer Gruselbahn: ein Schwein in Schwesternhabit, zwei von Pfeilen durchbohrte Ohren, eine Meerjungfrau mit echsenähnlichem Gegenüber. Konzipiert wurde der Bosch-Parcours von Hollands größtem Freizeitpark: De Efteling, nur eine halbe Stunde Autofahrt von 's-Hertogenbosch entfernt.

Die Aufmerksamkeit kann 's-Hertogenbosch gut gebrauchen. In den vergangenen Jahren sank die Besucherzahl. Kamen 2010 noch 3,9 Millionen Gäste aus dem In- und Ausland, waren es 2014 nur noch 2,8 Millionen. Jeder Tagestourist spült gemäß den Berechnungen der Stadtkämmerer mindestens 50 Euro in die örtlichen Kassen. Holländer, die mehrere Tage bleiben, geben laut den Berechnungen fünfmal so viel aus, internationale Touristen sogar das Zehnfache. Zusätzlich haben die Stadtväter eine Initiative gegründet, die für mehr Lebendigkeit sorgen soll. Immobilienbesitzer werden dazu angehalten, Leerstände zu vermieten, auch gegen wenig oder sogar gar keine Miete, um jungen Leuten mit frischen Ideen Geschäftsgründungen zu ermöglichen. "Wir mussten und wir wollten etwas tun", sagt einer von ihnen, der 26-jährige Chiel Seuren. Touristen soll gleich auffallen, wie lebendig und charmant hier alles ist. Mit Museen, die hochklassige Kunst zeigen, Restaurants auf Michelin-Niveau, aber auch witzigen Konzept-Cafés. "Wir wollen, dass amerikanische Touristen, wenn sie ihre Reise durch Europa vorbereiten, zu uns fahren statt nach Amsterdam", sagt Seuren selbstbewusst. Sein Bürgermeister, der Christdemokrat Ton Rombouts, hat ebenso wenig Zweifel am Erfolg. Schließlich wurde 's-Hertogenbosch viermal hintereinander zur gastfreundlichsten Stadt Hollands gewählt, bis 2013. "Danach stoppten sie den Wettbewerb", sagt Rombouts, "sie erkannten, dass wir nicht zu schlagen sind."

Bosch hat seinen Interpreten nichts Schriftliches hinterlassen. Doch auf einer Zeichnung vermerkte er den lateinischen Satz: "Armselig ist der Geist, der immer von den Funden anderer Gebrauch macht und sich selbst nichts ausdenkt." Ein Vorwurf, dem sich die Organisatoren seines Jubeljahres gewiss nicht stellen müssen.