"New York Times" empfiehlt Reiseziele Touristisch nischt wischtig

"Frankfurt: Top-Ziel Deutschlands? Die Leute kommen und gehen hier. Vielleicht genau das richtige für Kurztrip-Touristen, die auf Hochhausatmosphäre, ein gutes kulturelles Angebot und eine überdimensional hohe Restaurantdichte stehen. In Frankfurt findet man fast alles und jeden - nur Föhn gibt's hier nicht! Aber das ist Geschmackssache ..."

Zeitvertreib auf deutschen Airports

Schöner Warten

Caro Zapf, lebt seit zwei Jahren in Frankfurt

"Frankfurt ist in der öffentlichen Wahrnehmung die Stadt des 'sch': schmuddeliges Bahnhofsviertel, schnöder Mammon in Bankentürmen, schummrige Apfelwein-Wirtschaften, in denen Einheimische überwiegend sch-Laute vor sich hinbrabbeln. Rischtisch wischtisch aus touristischer Sicht war Frankfurt bisher nicht. Aber überraschend ist die Wahl der New York Times nur für Leute, deren Frankfurt-Bild ausschließlich durch Vorurteile geprägt ist.

Kenner wissen schon lange um den besonderen Reiz von Deutschlands kleinster Großstadt, von ihrer seltenen Mischung aus regionalem Liebreiz und internationalem Flair. Lobend erwähnen die Tester aus New York die Wandlung des Bahnhofsviertels zur Ausgehzone, neue Restaurants der Spitzenklasse, das neue unterirdische Städel-Museum. Es gibt noch mehr, zum Beispiel einen wunderbaren Fluss, an dessen Südufer samt Museen sich Kunstfreunde leicht eine Woche aufhalten können. Durch die Hochhausschluchten weht der Geist von Freiheit, Offenheit und Toleranz. Der Spruch "frank und frei" kommt nicht von ungefähr. Das Beste an Frankfurt aber ist der Menschenschlag: unaufgeregt, freundlich, nicht süßlich, nicht bussi-bussi, nicht proll. Und auch die Investmentbanker sind kleinlauter geworden."

Harald Freiberger, seit vier Jahren SZ-Wirtschaftsredakteur in Frankfurt

"Auf die Frage, warum die Frankfurter Kunstakademie so erfolgreich ist, erwähnt der ehemalige Direktor der Frankfurter Städelschule, Nicolaus Hirsch, unter anderem, dass Frankfurt einfach ein idealer Ort sei. Schon weil man von der City, wo die Städelschule direkt am Mainufer liegt, in weniger als zwanzig Minuten in einer Abflughalle am Airport sein könne. Mit dem Fahrrad.

Wenn Frankfurt heute etwas zu bieten hat - und das ist vielleicht die entscheidende Qualität - dann kriegt das aber dafür auch jeder mit. In einer Stadt, in der mehr Arbeitsmigranten leben und arbeiten als in jeder anderen deutschen Metropole, hat man gelernt, sich zu öffnen und durchlässig zu sein. Und das, was man hat, wirklich jedem zugänglich zu machen. Kunststudenten, die füreinander kochen, können eine so offene und hoch geschätzte Location machen, wie der inzwischen auch in Soho, New York, hoch geschätzte Kunststar Michael Riedel mit seiner Montagsküche. Neue Clubs werden sofort auch von der Szene entdeckt. Und Museen sind nicht nur Kunsthäuser, sondern werden für die Arbeitsmigranten zur Begegnungsstätte.

Jetzt, wo bald die Europäische Zentralbank ihre Büros in einer Ikone der Frankfurter Moderne bezieht, die Philosophische Fakultät als Nachfolgeeinrichtung der Frankfurter Schule ins elegant renovierte ehemalige Headquarter gezogen ist, hat Frankfurt es geschafft - ist nicht nur Durchgangsstation, sondern, vielleicht endlich, auch Destination."

Catrin Lorch, Mitarbeiterin im Feuilleton der SZ, ist in Frankfurt aufgewachsen