Süddeutsche Zeitung

New York:"In der Bronx sind die Menschen am freundlichsten"

Christina Horsten und Felix Zeltner zogen ein Jahr in New York um - jeden Monat in ein anderes Viertel. Ein Gespräch über das wahre Chinatown und den Stadtteil mit den meisten kleinen Geheimnissen.

Der Anfang war ein Schock. Christina Horsten und Felix Zeltner - sie dpa-Korrespondentin, er Freiberufler - mussten ihre geliebte Wohnung an der Upper East Side räumen und wussten erst einmal nicht, wohin mit sich und ihrer zweijährigen Tochter Emma. Und das im Wortsinn: In welchem Viertel sollten sie nach einer neuen Bleibe für ihre Familie suchen? In welchem Bezirk würden sie sich wohlfühlen? Das brachte das deutsche Journalistenpaar auf die Idee, sich ein Jahr Zeit zu lassen - und jeden Monat in einer anderen Gegend der Stadt zu leben, in möblierten Wohnungen zur Zwischenmiete. So lernten die beiden New York von ganz anderen Seiten kennen, eine anstrengende, aber bereichernde Zeit. Und ja, sie würden es wieder tun - allerdings mit besserer Vorbereitung und wenn ihre zweite Tochter etwas älter ist.

Erst einmal ist das Paar aber auf Lesereise, aus ihren Erfahrungen hat es ein Buch gemacht ("Stadtnomaden - Wie wir in New York eine Wohnung suchten und ein neues Leben fanden", Benevento).

Nach so einem Jahr ist es für die beiden kein Problem, unterwegs ein Interview zu geben: Sie sprechen über die vielen Gesichter New Yorks und wie Reisende diese entdecken können. Währenddessen packt das Paar im Zug seine Reisetaschen, redet auf dem Bahnsteig weiter, in der S-Bahn - und an einer Fußgängerampel, an der plötzlich der Cousin von Felix Zeltner auftaucht. Nach einer kurzen Begrüßung sind die Wahl-New-Yorker aber wieder ganz bei der Sache.

SZ.de: Als Ihre feste Wohnung in New York noch nicht gekündigt war, lernten Sie bei kurzen Ausflügen andere Viertel nur oberflächlich kennen. Haben Sie jetzt nach Ihrer Wohn-Tour einen Tipp für Reisende, wie sie auf die Schnelle mehr vom wahren Leben in New York mitbekommen?

Felix Zeltner: Tatsächlich haben wir die jeweiligen Viertel erst durch die Anwohner besser verstanden, die zu unseren Nachbarschafts-Dinners kamen. Wer auch als Tourist näher dran sein will am Alltag der Menschen, die aus unterschiedlichen Kulturen nach New York gekommen sind, ist in Queens am besten aufgehoben. Viele deutsche Urlauber bleiben in Manhattan, seit ein paar Jahren steht auch Brooklyn mit Williamsburg fest auf dem Plan. Aber Queens ist eigentlich der Stadtteil, der die meisten kleinen Geheimnisse birgt.

Was unterscheidet Queens denn von den anderen Vierteln?

Felix Zeltner: Dort wohnen Menschen aus fast allen Ländern, es werden Sprachen gesprochen, die in den Ursprungsländern schon nicht mehr existieren, während Immigranten ihre Dialekte sorgsam weiter pflegen. Diese Kulturen ballen sich in Queens, viele Neuankömmlinge aus nicht westlichen Kulturen landen hier. Es gibt in Queens auch das neueste Chinatown in New York, das geprägt ist von einer jüngeren Generation, die viel von dem heutigen China mitgebracht hat. Es gibt in Flushing, so heißt der Stadtteil eigentlich, viel Glas, Shopping und Bling-Bling, und längst viel mehr chinesische Einwanderer als im berühmten Chinatown von Manhattan.

Das feiert eher die Vergangenheit und ist vergleichbar mit den Hutongs, der historischen Innenstadt von Peking: Die Doyers Street auf der Lower East Side beispielsweise sieht eigentlich immer noch aus wie die Kulisse für einen Jackie-Chan-Film, mit ihren chinesischen Schildern, Feuerleitern und kleinen Restaurants. Die New World Mall in Downtown Flushing ist dagegen ein riesiger moderner Fresstempel mit zwei Dutzend Restaurants.

Wie sollten Urlauber Queens also am besten erkunden?

Felix Zeltner: Als Tourist kann man sich sehr schön durch diese Kulturvielfalt essen: Man beginnt den Tag mit einem uruguayischen Frühstück, isst zu Mittag beim Inder, abends brutzelt man beim Hot-Pot-Chinesen Fleisch auf dem Tisch. Und dazwischen trinkt man noch beim Griechen einen Kaffee - und besucht einen Hindutempel oder ein Quäker-Gebetshaus, wo alle schweigend ihren Gottesdienst zelebrieren.

Wenn man nicht gerade beim Schweige-Gottesdienst ist: Kommt man auch als Fremder gut mit Leuten ins Gespräch?

Felix Zeltner: Auf jeden Fall! Die Offenheit der New Yorker rührt auch daher, dass die meisten Menschen Immigranten sind und ohne Familie, ohne feste Netzwerke, ohne irgendeinen Nimbus hierher gekommen sind. Jeder ist erst einmal offen für denjenigen neben sich. Deshalb ist unsere Erfahrung, dass es wahnsinnig leicht ist, sich mit Menschen auszutauschen und auch über Sprachgrenzen hinweg zu kommunizieren. Als Deutscher in New York fühlt man sich sowieso bald heimisch, auch unsere Besucher kommen schnell an in dieser Stadt und fühlen sich wohl. Das hat unterschiedliche Gründe, aber New York ist von Deutschen von jeher stark mitgestaltet worden. Es gab immer wieder große deutsche Immigrantenwellen.

Sie wohnten auch in Harlem, der Bronx, Hell's Kitchen - allein die Namen lassen Bilder im Kopf entstehen, keine schönen. Wie ist es mit Vorurteil und Wirklichkeit?

Christina Horsten: Ich glaube, diese Bilder stammen noch aus den 90ern, die sitzen natürlich fest. Aber inzwischen ist New York die Großstadt mit der geringsten Kriminalitätsrate in den USA. Egal zu welcher Tages- und Nachtzeit, ob allein oder mit anderen Leuten, ich habe mich nie unsicher gefühlt. Insofern war für uns kein Bezirk tabu. Harlem ist fast komplett gentrifiziert, leider auch schon extrem weiß, und die Bronx ist auf dem Weg dahin. Die Bronx kannte ich nicht so gut, daher war ich total gespannt, dorthin zu kommen. Und ich fand am Ende, dass uns die Menschen dort am freundlichsten begegnet sind.

Wir wurden auf der Straße gegrüßt und sonntags in der Gospel-Kirche umarmt. Was ich auch witzig fand: Ich bin so ein alter Papierfan, daher haben wir in jedes Viertel unser New York Times-Abo geliefert bekommen. Im East Village wurde die Zeitung immer geklaut, da musste ich ganz früh dran sein, um sie noch zu kriegen. Aber in der Bronx klingelte es jeden Morgen bei uns an der Tür und die Austrägerin überreichte mir die Zeitung, dann hielten wir noch fünf Minuten einen kleinen Plausch - das war Tag für Tag so herzerwärmend.

Felix Zeltner: Wir hatten bei einem unserer Neighbourhood-Dinner im East Village einen Gast, Jeremiah Moss. Er hatte einen sehr bekannten Blog "Vanishing New York": Wenn etwas zumachte, ging er dorthin und verfasste Elogen etwa über alte Diner. Wir erzählten ihm von unserer Erfahrung, dass wir in Vierteln, die wie Bronx oder Harlem weniger reich sind, viel mehr Kontakt mit den Menschen auf der Straße hatten, die Leute stärker auf uns zugegangen sind. Seine Theorie ist, dass dort, wo die Menschen weniger haben, sie einander mehr brauchen und deswegen in ärmeren Vierteln die Leute mehr auf andere achten, aufeinander zugehen und kommunizieren als in reichen Vierteln - so war das auch im East Village. Ehrlicherweise war das für uns viel cooler, in einem Viertel zu sein, wo es die Leute interessierte, wer wir sind und uns willkommen hießen - als in einem Viertel, wo alle schon alles haben und niemand mehr den anderen braucht.

Welche Viertel gaben sich besonders kühl und distanziert?

Christina Horsten: Chelsea und Dumbo. Dort ist die Gentrifizierung schon so weit fortgeschritten, dass sich niemand mit "normalem" Einkommen das Wohnen dort noch leisten kann. Dumbo (Down Under the Manhattan Bridge Overpass) in Brooklyn ist komplett gentrifiziert: Es wurde von einem riesigen Konzern gekauft, da sind praktisch nur Luxusunterkünfte. Wir hatten eine wunderbare Wohnung, wie ein Spa, traumhaft - aber es war auch ein bisschen herzlos. Wie in einem Luxushotel, in dem man sich gerne ein Wochenende erholt, aber dann denkt: Ein Zuhause ist das hier nicht, die Wärme fehlt.

In Chelsea haben wir ein paar Leute kennengelernt, die sich noch an ihr altes Zuhause klammern. Zum Beispiel ein Paar, das im legendären Chelsea Hotel wohnt, das derzeit komplett umgebaut wird. Es hängt an seinem kleinen Zimmerchen, obwohl es schon längst hätte rausgeschmissen werden sollen, wenn es nach den Besitzern ginge. Diese Alteingesessenen sagen alle: Früher war es hier wirklich schön und nett, man kannte die Leute auf der Straße - und heute ist es einfach steril. Long Island City, der westlichste Teil von Queens gleich gegenüber von Manhattan, entwickelt sich auch dahin.

Felix Zeltner: Es ist das am schnellsten wachsende Stadtviertel der USA - das heißt hier, dass vor allem Glastürme hochgezogen werden. Long Island City war vorher ein kleines Dorf mit einer Kirche und ein paar Läden, jetzt wird es eingerahmt von Stahl und Glas. In das Viertel kommt eine gewisse Kühle. Es wird lange dauern, bis da ein Kontext entsteht, der den Menschen erlaubt, sich wieder in einer richtigen Nachbarschaft zu fühlen.

Eigentlich kann man gar nicht von "dem einen New York" sprechen, da es so facettenreich ist. Aber gibt es doch etwas, das alle Viertel verbindet?

Felix Zeltner (lacht): Die U-Bahn wahrscheinlich ...

Christina Horsten: Man ist schon stolz darauf, New Yorker zu sein, so sehen sich die Leute auch - und leben dann aber in ihrem kleinen "Dorf" und haben dort ihre kleine Community.

Felix Zeltner: Deutsche sehen New York oft als die "eine" Stadt, die sie schon kennen, wenn sie zwei-, dreimal da waren. Auch wir sind dieser Vorstellung erlegen, sogar als wir schon hier gewohnt haben und viel herumgekommen sind in der Stadt. Aber durch unser Wohnprojekt ist uns aufgefallen, dass man diese Stadt nicht wirklich kennen kann: Sie ist zu kleinteilig und verändert sich zu schnell. Wenn man sein ganzes Leben in New York verbringt, hat man sicher sehr viel davon gesehen. Aber hier kann man sich schon freuen, wenn man ein paar Punkte in der Stadt hat, die man wiedererkennt. Vielleicht sind die aber morgen wieder weg.

Wenn Sie nach Ihrem Wohnprojekt selbst auf Reisen sind, wie entdecken Sie nun eine fremde Stadt für sich?

Christina Horsten: Wir wollten noch nie nur die Top-Ten-Sehenswürdigkeiten abklappern. Mich haben schon immer Viertel gereizt, die vielleicht nicht im Reiseführer stehen. Und dort in einen Supermarkt zu gehen, in eine Buchhandlung, morgens den Kaffee unter Einheimischen zu trinken, um ein bisschen den Puls zu fühlen und herauszufinden: Wie ticken die verschiedenen Gegenden einer Stadt?

Felix Zeltner: Gerade in Städten, die schon etwas populärer sind, poste ich außerdem vorher auf Facebook, dass wir zum ersten Mal da sind, ob jemand Tipps hat? Dann kommen fast immer spannende Antworten, manchmal ergeben sich auch persönliche Kontakte. Das macht riesigen Spaß, wenn wir eine Person aus dieser Stadt treffen können und zwei, drei Stunden deren Leben sozusagen miterleben.

Bilder auch aus ihrem "Reisejahr" durch New York posten die beiden auf Instagram, Termine ihrer Lesetour findet man hier.

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