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USA:New Orleans hat den Blues

Glücklicher Anlass: Die Preservation Brass Band bei einer Hochzeitsprozession im French Quarter.

(Foto: Patrick Frilet / Hemis / ddp)

14 Jahre nach Hurrikan "Katrina" ist die Stadt am Mississippi schicker und sauberer als je zuvor - nun müssen die Musiker und Künstler ums Überleben kämpfen.

New Orleanians lieben es, die letzten Ruhestätten ihrer Toten zu besuchen. In afrokaribisch inspirierter Tradition schütten sie Bier auf die Gräber, hinterlassen Plastikketten und Schmuck an den weiß gekalkten Gruften, die als Ensemble oft an eine exotische Miniaturstadt erinnern. Aber auf dem berühmtesten Friedhof der Stadt, dem St. Louis Cemetery No. 1, stehen jetzt Verbotsschilder: Gräber markieren, Gegenstände ablegen unter Strafe verboten. Neuerdings kann man Touristinnen beobachten, die heimlich Lippenstiftspuren an einer drei Meter hohen Pyramide hinterlassen, der zukünftigen Grabstätte von Nicolas Cage.

Ja, Nicolas Cage, der Schauspieler und Wahl-New-Orleanian. Sein sauberer weißer Neubau mag so gar nicht zu den bröckelnden, wettergezeichneten Gräbern der Umgebung passen. "Die Gentrifizierung macht nicht mal vor den Toten halt", witzelt Chuck Perkins, ein Musiker und Clubbetreiber. "Seit Katrina werden die Armen und Schwarzen aus den älteren Teilen von New Orleans vertrieben. Die Stadt will sie nicht mehr haben. Lebendig oder tot."

Am 29. August 2005 waren infolge des Hurrikans Katrina mehrere Deiche gebrochen, 80 Prozent der Stadt wurden überflutet, Hunderttausende obdachlos. Vierzehn Jahre später sind die Schäden behoben, zieht der Mississippi-Hafen die Touristen an, als wäre nichts gewesen: "New Orleans hat ein Facelifting bekommen", sagt Chuck Perkins. Der Mann mit dem Batikhemd und der polierten Glatze sitzt mit einem Bier vor seinem Liveclub Cafe Istanbul, nur ein paar Meilen östlich des Touristenviertels French Quarter. Früher standen hier nur blätternde Baracken. Jetzt zieht das einstige Glasscherben- und Drogendealerviertel Bywater Yuppie-Kunden aus der ganzen Stadt an, die eines der frisch gestrichenen Yoga-Studios und veganen Cafés besuchen, im Biomarkt einkaufen oder nach Esoterik-Büchern wühlen wollen. Viele von ihnen, sagt Perkins, seien Helfer, die nach Katrina geblieben sind.

Nirgends landen so viele Menschen im Gefängnis wie in Louisiana

Sein eigener Musikclub ist Teil eines dreistöckigen, rosa gestrichenen "Healing Centers" - die Vermieterin, eine weiße Voodoo-Priesterin, hat es so genannt. Ein Name, der sich nicht nur auf ihren eigenen Kräuterladen bezieht, sondern die Hoffnung auf einen Neuanfang für eine innen und außen kaputte Stadt symbolisiert. "Alle fluchen in dieser Stadt", wütet Chuck Perkins in seinem Songtext "Everybody Swears", während "Träume so groß wie Berge zur Größe kleiner geballter Fäuste zerhäckselt werden". So klingt der New-Orleans-Blues. Eine Hassliebe, die Perkins mit vielen der hier lebenden Musiker und Kulturschaffenden teilt.

Nun aber geht es um das neue New Orleans. Und darum, wer von der Renovierung und Ausschmückung der einst so ranzigen Viertel um das French Quarter profitieren darf. Und wer dabei auf der Strecke bleibt. Schon seit Generationen lastet der Fluch der Armut auf dieser Stadt. Katrina machte für alle Welt sichtbar, was viele New Orleanians längst wussten: dass der amerikanische Traum sie außen vor gelassen hat.

New Orleans

Die „Mother In Law Lounge“ im Stadtviertel Treme zählt zu den beliebten Musikclubs.

(Foto: Jonathan Fischer)

Und doch bezaubert dieser mythische Ort nicht nur Touristen: Wo sonst spielt sich so viel vibrierendes Leben, so viel genuine Folk-Tradition auf den Straßen ab? Wo sonst können 16-Jährige mit Gold Grillz jede Zeile von Louis Armstrong zitieren? In einer Walmart-Nation sticht der Mississippi-Hafen als Ansammlung von Straßenmärkten, Gewürzläden, Kaffeeröstereien, Eisständen und - fast am wichtigsten - lokalen Dancehalls heraus.

Mit ihrer Melange aus afrikanischer, spanischer, französischer und karibischer Kultur nahm die Stadt die polyglotte Entwicklung der Einwanderernation Amerikas voraus. Rechte Ideologen mögen gerade das Miteinander von Religionen und Ethnien zum Problem hochkochen. New Orleans aber lieferte stets den Gegenbeweis: dass man, allem Rassismus zum Trotz, über Küche, Musik und Tanz zusammenkommt.

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"Wir waren mit Maskenbällen und Bordell-Orchestern schon multikulturell und sophisticated", sagt Perkins, "als die meisten amerikanischen Städte noch nicht einmal eine Friseurladen-Combo hatten." Klar, dass kein anderer Ort als Wiege des Jazz und Rock 'n' Roll infrage kam. Der Prozess der Aneignung, des Synkretizismus und der Neuerfindung hält die Stadt bis heute am Laufen: "Wir sind das demokratische schwarze Herz Amerikas. Wer hier lebt, kennt allerdings auch die Risse und Brüche hinter der Partyfassade."

Nur ganz wenige Geschäfte im French Quarter sind in schwarzer Hand

Die Risse und Brüche: Das seien, sagt Chuck Perkins, etwa die Liveclubs, die ihre Musiker zumeist miserabel bezahlen, damit sie Klischees für Touristen aufführen. Und die Mietpreise, die sich etwa in Bywater seit Katrina verdoppelt hätten. Oder die gutsituierten Zuzügler, die sich Häuser in traditionell schwarzen Vierteln wie Treme kauften, um sich dann an den vielen Straßenparaden und Bars mit ihrer nächtlichen lauten Musik zu stören. Dabei seien es gerade diese verarmten Nachbarschaften, die seit jeher die wichtigsten Musiker und Künstler hervorgebracht hätten. Die das Netzwerk einer Überlebenskultur am Leben hielten. Die Stadt aber investiere lieber in Casinos, neue Hotels und disneyfizierte Jazz-Themenparks als in erschwingliche Wohnungen. Wer bleibe dann noch vor Ort, um die Traditionen weiterzugeben? Perkins schlägt die Bierdose auf den Tisch: "Kann man sich New Orleans ohne die Umzüge der Brassbands und den Straßenjazz überhaupt vorstellen?"

Im French Quarter in New Orleans.

(Foto: Jörg Buschmann)

Gerade hat Donald Trump den Wahlkreis des schwarzen demokratischen Abgeordneten Elijah Cummings in Baltimore als "widerliches, von Ratten und Nagetieren befallenes Drecksloch" beschimpft - vielen New Orleanians kommt das nur allzu bekannt vor. "Die Rache Gottes", höhnten nach Katrina christlich-fundamentalistische Prediger über die "Lasterhöhle" New Orleans. Und einige republikanische Abgeordnete diskutierten gar, ob man die Stadt - eine demokratisch wählende Insel inmitten des erzkonservativen Louisiana - überhaupt wieder aufbauen sollte.