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Neuseeland:Geschenk der Erde

Neuseeland ist ein Weinland für Entdecker. Das gilt für die Käufer genauso wie für die Winzer. Hier können sich auch Individualisten ihren Traum noch leisten.

Von Patricia Bröhm

Als Kai Schubert 1998 zum ersten Mal nach Martinborough kam, war er schon seit Jahren "auf der Suche nach dem heiligen Gral". Mit anderen Worten: dem perfekten Standort für ein eigenes Weingut. Er war in Australien und Südafrika, in Chile und den USA gewesen, ohne Erfolg. Und dann Martinborough. Er erinnert sich noch, wie er damals auf der ehemaligen Schafweide stand, wo sich heute seine Reben dem blauen Himmel entgegenrecken: "Ich fühlte im Gesicht den Wind, der von den Rimutaka-Bergen herüberwehte, ich sah den schwarzen, lehmigen Boden, durchsetzt mit viel Gestein, und ich wusste: Das ist es!"

Der Dünger kommt von den Schafen. Und Seetang versorgt die Reben mit Spurenelementen

Schon seit dem Weinbaustudium in Geisenheim im Rheingau träumte Kai Schubert den Traum vom eigenen Weingut. Damals hatte er sich nicht nur in seine Kommilitonin (und heutige Frau) Marion verliebt, sondern auch in die Rebsorte Pinot noir. Aber: "In Europa ein Weingut neu zu gründen ist schwer - die guten Lagen werden entweder von Generation zu Generation weitervererbt oder sind sündhaft teuer." In Martinborough, dem 1500-Seelen-Kaff im Süd-Wairarapa-Distrikt auf der Nordinsel Neuseelands, fanden Bauchgefühl und Kontostand einen gemeinsamen Nenner. Zwar ist die nordöstlich gelegene Anbauregion Hawke's Bay weltweit bekannter für Pinot noir, aber rund um Martinborough, das aus wenig mehr als einem baumbestandenen Hauptplatz mit ein paar Seitenstraßen besteht, nahm die Pinot-noir-Geschichte Neuseelands ihren Ausgang. "Wir liegen hier auf dem gleichen Breitengrad wie Madrid", sagt Schubert. "Aber durch die Insellage und die Meeresströmungen ist das Klima ganz anders." Fast immer weht ein Wind, der Südpazifik im Osten und die Tasmanische See im Westen sind nicht weit. Das Temperaturgefälle zwischen Tag und Nacht ist beträchtlich, das sorgt für besonders aromatische Trauben.

Das Schubert'sche Weingut mit seinen 13 Hektar residiert nicht in einem jener von namhaften Architekten durchdesignten Vorzeigebauten, wie sie in der Neuen Welt häufig sind; die Schuberts haben ihr Büro in einem schlichten, funktionalen Häuschen, umgeben von Weinreben. Aber die Leidenschaft von Marion und Kai Schubert schmeckt man in jedem Glas. Weil es in Martinborough im Herbst sehr trocken ist, können die Schuberts ihre Trauben an den Stöcken hängen lassen, bis sie perfekt ausgereift sind. "Es gibt weltweit nicht viele Terroirs, wo das möglich ist", sagt Schubert, der seine Herkunft aus der Nähe von Stuttgart phonetisch nicht verleugnen kann. "Deshalb haben die Pinot noir aus Martinborough eine einzigartige Dichte, die an große Burgunder erinnert." Die Schuberts exportieren in 30 Länder, aber sie erleben immer wieder, dass neuseeländische Weine mit Imageproblemen zu kämpfen haben: "Der Rest der Welt hat noch nicht ganz begriffen, dass wir hier mit großem Aufwand Qualitätswein produzieren."

Tatsächlich ist das Image neuseeländischer Weine durch die großen Player geprägt, die 60 Prozent des Marktes kontrollieren, wie Brancott Estate, Villa Maria oder Oyster Bay. Das große Geschäft ist der Sauvignon blanc, er macht 85 Prozent der Exporte aus. Doch es waren immer Idealisten wie Kai Schubert, die Neuseelands Wein-Entwicklung vorantrieben. Auch der weltweit berühmteste Wein des Landes, der Sauvignon Blanc von Cloudy Bay, verdankt seinen heutigen Status als Ikone der Tatsache, dass vor 30 Jahren zwei junge Australier der festen Überzeugung waren, dass die lang gezogene Bucht von Cloudy Bay an der Nordspitze der Südinsel nicht nur beste Fischgründe bot, sondern auch Potenzial für große Sauvignon blancs.

Wer mit einem der kleinen Linienflugzeuge von der Nord- auf die klimatisch und landschaftlich rauere Südinsel fliegt, der muss damit rechnen, über der windigen Cook Strait ordentlich durchgeschüttelt zu werden. Dafür kann er sich von oben mit eigenen Augen überzeugen, dass in der Anbauregion Marlborough an der Nordkante der Südinsel zwei Drittel aller neuseeländischen Trauben wachsen. 92 Prozent der landesweiten Sauvignon-blanc-Produktion kommen von hier, die riesigen Weinfelder im lang gestreckten Tal des Wairau River zeugen davon. Doch auch im kommerzialisierten Marlborough ist Raum für Individualisten: Der Ex-Gastronom Chris Gambitsis und der Ex-Polizist Phil Binnie nannten ihr 1989 gegründetes Weingut Lake Chalice Wines, nach einem ihrer liebsten Surfgründe in den Richmond Ranges. Die ersten Reben pflanzten sie in einem besonders steinigen Teil des Wairau Valley und nannten den Ort Falcon Vineyard. Der Karearea - so heißt bei den Maori der neuseeländische Falke - ist das Wappentier des Weinguts, das bis heute den Wingspan Trust unterstützt, der die fast ausgestorbenen Raubvögel im Wairau Valley wieder ansiedelte.

Naturnah gehen die Lake-Chalice-Winzer auch mit den Weinen um. Ihren bevorzugten Dünger produziert eine Schafherde, Kompost wird aus Traubenschalen gewonnen, damit nähren sie Böden und Reben. Als den Surffreaks einmal eine Ladung Seetang angeboten wurde, düngten sie damit ihre besten Pinot-noir-Lagen. "Die Algen schenken den Rebstöcken Stickstoff, Kalium, Phosphor und eine Unmenge anderer Spurenelemente und Minerale." Der Einsatz zahlt sich aus: Ihr "Lake Chalice The Raptor Chardonnay", ein komplexer Wein mit Aromen von Steinfrucht, Brioche, Vanille und gerösteten Nüssen, wurde bei der International Wine Challenge 2017 mit Gold ausgezeichnet.

Kein anderes Weinland weltweit hat in den vergangenen Jahrzehnten eine ähnlich rasante Entwicklung erlebt wie Neuseeland. Zwar wurden schon Anfang des 19. Jahrhunderts von europäischen Einwanderern die ersten Reben gepflanzt, doch modernen Weinbau gibt es erst seit rund 40 Jahren. Noch 1990 lag die Anbaufläche im ganzen Land bei weniger als 5000 Hektar, inzwischen sind es mehr als 36 000 Hektar. Was macht den Reiz Neuseelands aus? Neben der Tatsache, dass Rebland hier noch relativ günstig zu haben ist, vor allem die enorme landschaftliche und klimatische Vielfalt. Über etwa 1600 Kilometer dehnen sich die beiden Pazifikinseln von Nord nach Süd aus; im trockenen, kühlen Süden gedeihen feingliedrige Pinot noirs wie im Burgund oder frische, fruchtige Rieslinge wie an Rhein und Mosel, im feuchten, heißen Norden herrschen Bedingungen wie in Südeuropa oder Nordafrika, hier wachsen wuchtige Syrahs und Merlots. Die mit Abstand wichtigsten Rebsorten sind zwar Sauvignon blanc und Pinot noir, aber längst findet man auch ausgezeichnete und eigenständige Chardonnays, Grauburgunder oder Cabernet Sauvignons, besonders experimentierfreudige Winzer versuchen sich auch an Sorten wie dem spanischen Albariño oder dem italienischen Nebbiolo.

Nach Unwettern bilden sich hier, vor den schneebedeckten Gipfeln, oft gewaltige Regenbögen

Viele Weingüter Neuseelands liegen in spektakulärer Landschaft, aber der Awatare Valley Vineyard im Süden der Anbauregion Marlborough ist schwer zu toppen. Die Reben wachsen vor der hollywoodreifen Kulisse des Mount Tapuae-o-Ueneku, dessen schroffe Flanken bis auf knapp 3000 Meter ansteigen, seine Gipfel sind schneebedeckt. Nach Unwettern bilden sich an dem mächtigen Bergmassiv oft gewaltige Regenbögen, nach altem Maori-Glauben soll man daran bis in den Himmel steigen können.

Reiseinformationen

Anreise: Singapore Airlines fliegt täglich von München nach Auckland (über Singapur), ab 1171 Euro in der Economy Class, www.singaporeair.com

Übernachtung: Martinborough Hotel, historisches Gebäude von 1882 im Dorfkern, mit viel Liebe zum Detail restauriert, Preis auf Nachfrage, www.martinboroughhotel.co.nz

Weingüter: Schubert Wines, www.schubert.co.nz, in Deutschland über www.moevenpick-wein.de; Lake Chalice Winery, www.lakechalice.com, in Deutschland über www.boller-weine.de; Tohu Wines, www.tohuwines.co.nz, in Deutschland über www.nuerminger-wein.de

Weitere Auskünfte: www.newzealand.com, www.marlboroughnz.com, www.wairarapanz.com

Der Awatare-Weinberg gehört zu Tohu Wines, dem einzigen Weingut des Landes, das in Maori-Besitz ist, vier Stämme haben sich in der Wakatu Incorporation zusammengeschlossen. "Wir Maori verstehen uns als Hüter des Landes, wir nennen das Kaitiakitanga", sagt Henry Beauchamp, der sich um die 71 Hektar Land an den Ufern des Awatare Rivers kümmert. Hier wachsen die Trauben für den mineralischen Riesling, den eleganten, finessenreichen Pinot Noir und den Sauvignon Blanc von Tohu Wines, der mit seinen Aromen von Kiwi, Stachelbeere und Zitronengras immer wieder mit Preisen ausgezeichnet wurde. Doch diesen Erfolg würde sich Beauchamp niemals an die eigene Brust heften: "Das Land und das Meer schenken uns Leben; der Wein, den wir produzieren, ist 'nga hua a te whenna', ein Geschenk des Landes."

Naturnahen Anbau schreiben sich heute viele Weingüter auf die Fahnen, doch bei Tohu Wines ist die ausgeprägte Ehrfurcht vor der Schöpfung in der Kultur verwurzelt: "Wir produzieren Wein mit Respekt für die Mutter Erde, Papatuanuku, und für unsere Vorfahren, die dieses Land für uns gehütet haben", sagt Beauchamp. "Deshalb ist es auch unsere Verantwortung, das Land den kommenden Generationen in bestem Zustand weiterzugeben."

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

© SZ vom 12.10.2017

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