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Neuseeland:Steil, steiler, Baldwin Street

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Bis zu 35 Prozent Gefälle: Für dieses Bild hat der Fotograf die Kamera so gehalten, dass die Baldwin Street eben ist, um die Neigung zu verdeutlichen.

(Foto: Braeumer/imago/Panthermedia)

Die steilste Straße der Welt im neuseeländischen Dunedin zieht leichtsinnige Touristen aus aller Welt an.

Von Lenz Koppelstätter

Umziehen ist ein bisschen wie neu geboren werden. Man lässt ein Stück altes Leben hinter sich. Man wundert sich, dass das gesamte Hab und Gut in einen Kleintransporter passt, man denkt: Was wäre, wenn dieser Kleinlaster plötzlich abhanden käme? Das ganze bisherige Leben darin: futsch!

Ashkon Ashraf ist schon oft in seinem Leben umgezogen, doch diesmal war das Wiedergeburtsgefühl noch stärker als sonst. Er stand im Wohnzimmer seines neuen Hauses und genoss den Panoramablick über das bewaldete Grün des North East Valley. Er schaute hinunter auf den Straßenanfang, wo die Touristenbusse ihre Insassen ausspuckten, er schaute hinauf ans Straßenende, wo zwei japanische Mädchen auf dem Boden lagen, kichernd, mit Selfie-Sticks in der Hand. Er schaute auf den Umzugslaster, den er gemietet hatte, der sich erst langsam, dann immer schneller werdend, rückwärts bewegte. Bergabwärts. Das ganze bisherige Leben darin.

Außer dem einen Karton, den er in Händen hielt. Dabei war er sich doch sicher gewesen, ganz sicher, die Handbremse angezogen zu haben. Doch selbst wenn: Handbremsen zählen nicht, hier, in der Baldwin Street. Sie ist nicht irgendeine Straße. Sie gilt als die steilste Straße der Welt.

350 Meter lang. An der steilsten Stelle eine Neigung von 35 Prozent. Einst von Stadtplanern in London gezeichnet, die sich keine Gedanken darüber machten, wie die geografische Beschaffenheit wohl sein könnte, da unten, am anderen Ende der Welt, im Hafenstädtchen Dunedin im Süden der Südinsel Neuseelands. Wo das Leben karger und der Winter besonders kalt ist. Wo Mitte des 19. Jahrhunderts schottische Puritaner an Land gingen, um ihren Puritanismus zu leben, nicht ahnend, dass sich schon australische Walfänger breitgemacht hatten, die im Hafen Bordelle und Tanzlokale betrieben und sich mit Maorifrauen vergnügten.

Puritanismus und Exzess, dank dieser beiden Extreme ist Dunedin immer schon ein bisschen exzentrischer, rebellischer, frivoler als der kitschig-schöne Rest Neuseelands. Hier wurde 1869 die älteste Universität des Landes gegründet, hier fand die neuseeländische Punkszene ihren Ursprung, hier floriert bis heute die Kunstszene. Jahr für Jahr entscheiden Menschen von irgendwo in der Welt, dass diese Stadt, weil sie diese Energie hat, ihre neue Heimat sein soll. Menschen wie Ashraf.

Der 38-Jährige ist als Sohn iranischer Auswanderer in Brasilien geboren. Er hat schon in Nigeria, Israel, Kanada und China gelebt. Dann hat er sich in Dunedin verliebt - in die Stadt und in eine Frau, die in Neuseeland geboren ist. Gemeinsam haben sie vier Söhne, Ashrafs Schwiegervater hat ihnen das Haus an der Baldwin Street gekauft. Hausnummer 46. Knapp unterhalb der steilsten Stelle. Ein Jahr hat Ashraf mit seiner Familie in der Baldwin Street gewohnt. Dann hatten sie genug.

Genug davon, entweder steil bergauf oder steil bergab gehen zu müssen. Genug davon, Angst zu haben, wenn die Jungs draußen auf der Straße mal wieder Skateboard-Kunststücke ausprobierten. Genug davon, dass die Touristenscharen vor ihrem Garten Gruppenbilder knipsten.

Einmal hat einer versucht, im Campingmobil die Straße hochzukommen. Er kippte beinahe um. Einmal musste Ashraf einer jungen Japanerin zu Hilfe eilen, sie steckte mit ihrem Mietwagen fest. "Sie hatte Angst, schrie", erzählt er, "ich sprang auf den Beifahrersitz. Ihr Fuß lag wie Blei auf dem Bremspedal. Ich musste mit beiden Händen ihr Bein heben, ihr gut zureden, irgendwie hat es geklappt, den Wagen wieder unter Kontrolle zu bekommen."

Die Baldwin Street ist für die Bewohner, für ganz Dunedin, Fluch und Segen in einem. Fluch, weil sie gefährlich ist und Scharen von Touristen anlockt. Segen, weil ebendiese Touristen mit ihren Instagram-Posts die Existenz von Dunedin bezeugen. Denn hier unten, am Ende der Welt, wo die Pinguine von der Antarktis rüberschwimmen, haben die Bewohner nur eine Angst: dass ihre Stadt eines Tages von der Erdkugel rutschen könnte - und keiner merkt's.

Eine Busladung Touristen spaziert die ersten, ebenen Meter der Straße entlang. Mehrmals pro Woche legen Kreuzfahrtschiffe in Dunedin an. Die Baldwin Street gehört zu jeder Stadttour. Die Besucher lassen den Souvenirladen am Anfang der Straße links liegen, dann steigt ihr Weg merklich an. Viktorianische Holzvillen reihen sich übereinander. Silberfarn krallt sich an die Terrassenwände, Kakteen und Rosen wuchern. Bald schmerzen die Unterschenkel, die Achillessehne, die Zehenspitzen.

Die Straße besteht nur aus Beton, für Asphalt ist sie zu steil. Asphalt würde abrutschen. "Die Bewohner sind Experten darin, wie Mülltonnen Halt finden", sagt Ashraf, "dass dir deine Tonne in den Garten des Nachbarn rutscht, willst du nur einmal erleben."

"Manche Touristen sind dreist"

An image of the very steep Baldwin Road in Dunedin New Zealand *** An image of the very steep Baldwi

Jetzt keinen Einkaufswagen loslassen. Die Baldwin Street ist für die Anwohner, für ganz Dunedin, Fluch und Segen zugleich.

(Foto: Markus Gann/imago/Chromorange)

Manch ein Hausbewohner winkt freundlich aus dem Garten auf die Straße. Viele Neuseeländer machen nichts lieber als ein Schwätzchen mit Besuchern von "da oben" abzuhalten, von der anderen Hälfte der Erdkugel. Sie amüsieren sich darüber, wie sich alle die Straße hinaufquälen. Anderen Baldwin Street-Bewohnern ist die Gastfreundschaft abhanden gekommen. Foto-Verbotsschilder kleben an ihren Gartenzäunen.

"Manche Touristen sind dreist", sagt Ashraf, "sie klettern über die Gartenzäune, um sich besser mit Straße fotografieren zu können." 300 Menschen besuchen täglich die Baldwin Street, heißt es offiziell. "Zu Höchstzeiten sind es mindestens 8000", sagt Ashraf.

Die Rekordstraße ist gut für Rekorde, Freaks und Tragödien: Manche quälen sich auf Inlineskates rauf, einer hat's im Einrad geschafft. Der Bayer Thomas Hugenschmidt stellte mit seinem Fahrrad bergab den Geschwindigkeitsrekord von 117,3 Stundenkilometern auf. Ein verrückter Amerikaner im Jesuskostüm schleppte ein Kreuz hinauf und verkündete oben das Wort Gottes. Einmal im Jahr findet ein Stelzenrennen statt. Eines nachts setzten sich zwei betrunkene Studenten, ein Junge und ein Mädchen, in eine Mülltonne und rollten damit hinab. Sie prallten gegen einen Anhänger. Das Mädchen starb.

Der Umzugslaster rollte, Ashkon Ashraf ließ den Karton sofort fallen, stolperte auf die Straße hinaus. "Achtung!", rief er. Dann: "Hilfe!"

Eintrittsgeld wäre eine Kapitulation

"Wir haben versucht, das Chaos auf der Straße einzudämmen", sagt Michael Harrison, der jahrelang in der Stadtverwaltung von Dunedin für Verkehrswesen und damit auch die für Baldwin Street zuständig war. "Wir haben Toiletten aufgestellt, Verbotsschilder, damit niemand in die Gärten pinkelt. Wir wollen die Straße nicht sperren, keinen Eintritt verlangen. Das wäre eine Kapitulation. Dann wäre die Straße ein Stück Disneyland." Die Bewohner, sagt Harrison, seien hin- und hergerissen.

Einerseits sind ihre Vorfahren im 18. Jahrhundert hierher gekommen, um ihre Ruhe zu haben. Andererseits war es irgendwann so ruhig, dass man stolz war auf die steile Baldwin Street und sogar den Rummel, den sie anzog. Manche sehnen sich nach den alten Zeiten, als sie die Straße noch für sich hatten. Andere hält das nicht davon ab, ihr Geschäft mit den Touristen zu machen. Auch Ashraf versucht sein Glück. Sein zur Backpacker-Herberge umgewandeltes Haus ist stets ausgebucht. Nun plant er, eine Kamera zu installieren. Für Facebook. Blick auf die Straße, Tag und Nacht.

Ashkon Ashraf wohnt inzwischen ein paar Straßen weiter. Immer noch steil. Aber nicht ganz so steil. Kein Problem für Handbremsen. Damals, so erzählt er die Geschichte seines Einzugs zu Ende, habe er Glück gehabt. Der Laster krachte nach wenigen Metern in den Zaun eines Nachbarn.

© SZ vom 03.01.2019/kaeb
Maori bearbeitet

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