Südsee-Archipel Neukaledonien:"Wir werden hier nie einen Massentourismus erleben"

Im vergangenen Jahr hat die Regierung Neukaledoniens den größten Teil des Meeres unter Schutz gestellt. Mit einer dreimal so großen Fläche wie Deutschland ist der Parc Naturel de la Mer de Corail eines der größten Meeresschutzgebiete der Erde. Es soll den Lebensraum unzähliger Tierarten bewahren, darunter 25 Meeressäuger, 48 Hai- und 19 Vogelarten, die auf unbewohnten Atollen brüten. Nach dem australischen Great Barrier Reef hat Neukaledonien das weltweit zweitgrößte Doppelbarriere-Riff. Mit dem neuen Status des Parks gelten strengere Bestimmungen für Rohstoffabbau, Seeverkehr und Fischerei. "Die Einrichtung des Parks war nur ein erster Schritt, um das riesige Gebiet effektiv zu überwachen", sagt Lionel Gardes, der von Neukaledoniens Hauptstadt Nouméa aus den neuen Park verwaltet. "Wir möchten in Zukunft noch strengere Schutzzonen einrichten, um die Artenvielfalt zu erhalten. Andere Gebiete sollen auch für den Ökotourismus zugänglich sein."

In Neukaledonien können Taucher besonders lebhafte Korallenriffe erkunden, mit die größte Unterwasser-Vielfalt weltweit. Die Unesco hat die neukaledonischen Lagunen bereits 2008 als Welterbe ausgezeichnet. Trotzdem ist Gardes überzeugt: "Wir werden hier nie einen Massentourismus erleben." Europäern ist die Inselgruppe zu weit entfernt, Australier und Neuseeländer fürchten sich vor dem Französischen, und Asiaten reisen lieber nach Bora Bora, wo die Überwasserpavillons der Honeymoon-Luxus-Hotels inzwischen die Bilderbuchlagune umzingeln, als müssten sie einen Schutzwall vor einfallenden Backpackern bilden. In Neukaledonien gibt es bisher nur um die Hauptstadt Nouméa und auf der Île des Pins größere Hotelanlagen. Gegen den Willen vieler Einheimischer wurde gerade auch an der Westküste ein Sheraton eröffnet.

Neukaledonien taugt mit seinen rauen Berghängen, schroffen, von Araukarien gesäumten Küsten und verstreuten Rinderfarmen auf den ersten Blick kaum als Südsee-Klischee. Es verwundert wenig, dass James Cook die Insel New Caledonia nannte, als er sie 1774 entdeckte, Neuschottland also. Unter den einheimischen Insulanern wird sie bis heute häufig Kanaky genannt.

Der Nordosten von Grande Terre ist bis heute Stammesgebiet. Steil fallen die bewaldeten Hänge ins Meer ab. Davor ragen bizarr geformte Inseln wie von Riesen gehauene Skulpturen aus der Brandung auf. Von den Felswänden stürzen meterhohe Kaskaden. Die einfachen Hütten der Insulaner sind in der dichten Vegetation und in engen Tälern versteckt. Kaum lässt sich erahnen, dass diese Region seit Jahrtausenden von Menschen besiedelt ist.

"Die Kanaken haben seit Generationen gelernt, die Natur der Insel als ihre Lebensgrundlage zu bewahren", sagt Félix Tjibaou, Clan-Chef aus dem Dorf Tiendanite. Als Kanaken bezeichnen sich die melanesischen Ureinwohner selbst. Erst über Umwege wurde die Bezeichnung zum Schimpfwort im Deutschen. Inzwischen sind weniger als die Hälfte der Einwohner Neukaledoniens melanesischer Abstammung. Die Mehrheit bilden die Caldoches, Nachkommen französischer Siedler und Strafgefangener, zusammen mit Polynesiern, Indonesiern, Vietnamesen und Franzosen aus dem Mutterland. Seit 1853 sind die Inseln französisches Überseegebiet.

"Heute bedroht der Nickel-Abbau unsere Flüsse und das Meer", sagt Tjibaou. "Es kann nicht sein, dass nur internationale Konzerne profitieren und die Bevölkerung die Folgen tragen muss." Der Cousin des Clan-Chefs, Jean-Marie Tjibaou, wurde 1989 von einem kanakischen Unabhängigkeitsextremisten ermordet, weil Tjibaou ihm nicht radikal genug war. Jean-Marie Tjibaou gilt heute als Mandela Neukaledoniens. Der Freiheitskämpfer setzte sich für die Rechte der Kanaken und eine gemäßigte Unabhängigkeitsbewegung ein. "Wir müssen Jean-Maries Vision an unsere Kinder weitergeben", sagt Félix Tjibaou. "Es hat keinen Sinn, wenn Kanaken, Franzosen und Polynesier gegeneinander kämpfen. Wir müssen gemeinsam für den Erhalt unserer Insel eintreten." Laut französischer Verfassung muss spätestens 2019 eine Volksabstimmung durchgeführt werden, die über den Unabhängigkeitsstatus Neukaledoniens entscheidet.

Früher schenkte man dem Inselchef Flughundknochen. Heute genügt Stoff aus China

Am Strand des Atolls Ouvéa ist Neukaledonien dann doch ganz Südseeidylle: türkisfarbenes Meer, weißer Sand und in lauer Meeresbrise wehende Kokospalmen. Wäre Captain Cook zuerst auf den Loyalitätsinseln gestrandet, hieße Neukaledonien heute vielleicht Neutahiti. Wenn Touristen sich zu einem vorgelagerten Koralleneiland schippern lassen, legt man auch heute noch Wert darauf, dass sie nach alter melanesischer Sitte der Familie des Inselbesitzers ein Stück Manou-Stoff überreichen, bisweilen mit einem Päckchen Reis, Zigaretten oder Seife, ein paar Pazifik-Francs und in jedem Fall einem ritualisierten Dankeswort. Früher wurden die Stoffe aus Baumrinde hergestellt oder es wurde auch "Kanakengeld" überreicht, traditionell kunstvoll bearbeitete Flughundknochen. Heute sind längst in China produzierte, grell bedruckte Polyesterstoffe in Mode.

Sivitongo Georgi lässt das Motorboot über die Lagune rauschen. Eine Gruppe Mantarochen sucht das Weite. Das Boot wirft einen Schatten über lang gezogene Korallenriffe. Ihre schillernde Farbpracht lässt sich nur erahnen. Südliche und Nördliche Plejaden nennt man die unbewohnten Inselchen, die sich wie ein Sternenband an den Enden Ouvéas im Ozean verlieren. Für die einheimischen Fischer liegen hier die besten Fanggründe. "Die Inseln gehören seit vielen Generationen den Bewohnern von Ouvéa", sagt Georgi, "früher bestatteten sie hier ihre Toten. Man kann immer noch Grotten mit Schädeln und Knochen finden, aber man sollte sie nicht betreten. Die Orte sind tabu."

Das Motorboot steuert auf eine Felseninsel zu, über der unzählige Seevögel kreisen. Dahinter ist kein Land in Sicht. Immer wieder wollten Investoren ein Hotel oder doch wenigstens eine Pension mit einer Reihe Bungalows entlang der puderzuckerfeinen Sandstrände der Plejaden bauen. Aber die Fischer von Ouvéa ließen sich auf keine Verhandlungen ein. "Die Inseln sollen so bleiben, wie sie sind", sagt Georgi, "Was bringen uns ein Hotel und Touristen, wenn am Ende das Meer verschmutzt ist und es keine Fische mehr gibt? Auf Ouvéa wird es so weit nicht kommen."

Informationen

Anreise: Mit Finnair oder Air France und der neukaledonischen Airline Aircalin nach Nouméa. Ab Frankfurt hin und zurück ca. 1000 Euro. Weiter mit Zubringerflügen auf die Loyalitätsinseln und die Île des Pins. Unterkünfte: Meridien Île des Pins, DZ ab 200 Euro, www.lemeridien.com, Paradis d'Ouvéa, www.paradisouvea.com

Reisearrangements: Kajak-Touren mit Mickaël Di Costanzo, www.h2o-odyssee.com; mit Axelle Boullet ins Stammesgebiet der Kanaken, toutazimut@lagoon.nc; Jean Christophe Deret ist Guide auf der Île des Pins: Tel.: 00687/94 89 15, jeankri@canl.nc

Weitere Auskünfte: Nouvelle-Calédonie Tourisme, www.visitnewcaledonia.com

© SZ vom 09.04.2015
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