Neues Stadtviertel Wachstum an der Elbe

Die Hafencity hat sich vom Reißbrett-Entwurf zum echten Stadtteil entwickelt. Sie ist ein Symbol für das gewandelte Selbstverständnis der stolzen Hansestadt. Trotzdem gibt es jetzt wieder Streit um die Planungen.

Von Thomas Hahn

Dort, wo der Himmelsberg aufragt, ankerten früher die Schiffe. Sie kamen in den Baakenhafen, um sich dem regen Be- und Entladebetrieb der Kaianlagen zu überlassen. Gleise, Schuppen, Kräne prägten das Bild ums Wasser, und die Männer, die hier arbeiteten, packten an. Die Atmosphäre muss rau und farblos gewesen sein, kein Vergleich zu heute, da vom Baakenhafen eigentlich nur noch der Name übrig ist. Hier wächst der nächste Teil der Hafencity, ein urbanes Dorf zum Wohnen, Verweilen und Arbeiten, dessen Mittelpunkt die Oase mit besagtem Himmelsberg ist. Der Baakenpark, künstlich aufgeschüttet aus Norderelbe-Sand, im Mai eröffnet, liegt im früheren Hafenbecken wie ein grünes Denkmal der Veränderung. Kinder schaukeln. Jugendliche spielen Fußball. Erwachsene flanieren. Die Atmosphäre ist freundlich und bunt.

Die Hafencity ist ein Symbol für das gewandelte Selbstverständnis der stolzen Hansestadt. Die Idee, Hamburgs City über den alten Freihafen hinaus bis zum Wasser wachsen zu lassen, entstand Anfang der Neunzigerjahre. Hamburg lag nach dem Fall der Mauer nicht mehr am Rand der westlichen Welt, sondern in der Mitte des vereinten Europas. Neue Wachstumschancen ergaben sich, gleichzeitig hatte sich die Hafenindustrie zunehmend vom Nordufer der Elbe abgewandt, weil dieses für den Containerbetrieb nicht geeignet war. Flächen fielen brach, etwas musste geschehen. 1997 stellte der damalige Bürgermeister Henning Voscherau (SPD) seine "Vision HafenCity" vor. 2000 verabschiedete der Senat einen Masterplan. Die ersten Spatenstiche folgten. 2008 wurde die Hafencity offiziell zum Stadtteil.

Zehn Jahre später hat sie 4000 Einwohner, rund 800 Unternehmen, drei U-Bahnhöfe, eine Universität und die weltberühmte Elbphilharmonie. Vor wenigen Jahren noch hielten viele die Hafencity für eine leblose Reißbrett-Konstruktion, der man ansah, dass sie kein gewachsenes Viertel war, sondern das "Projekt HafenCity" mit futuristischer Groß-C-Schreibweise, welche die Stadt von einer Tochter-GmbH entwickeln ließ. Das Urteil war damals schon ungerecht, wenn man die vielen Architekturwettbewerbe und offenen Planungsdebatten bedenkt, die zum Gelingen der Hafencity beitragen sollten. Aber jetzt sieht man auch, dass hier Leben entsteht.

Die Hafencity ist noch längst nicht fertig, trotzdem hat sie schon ein Profil. Nach den Grundsätzen des Masterplans ist eine abwechslungsreiche Häuserlandschaft entstanden, in der man die Tradition des Hafens genauso wiedererkennt wie den Anspruch moderner Architektur. Zur Innenstadt hin ruht majestätisch und backsteinrot die denkmalgeschützte Speicherstadt. Am Wasser blickt man auf die verspielten Bauten der neuen Generation. Dazwischen erstreckt sich der Lohsepark mit Spielplätzen und jungen Bäumen. Und wer glaubt, die Hafencity sei nur für Wohlstandsbürger da, dem legt der Hafencity-Chef Jürgen Bruns-Berentelg einen Plan des entstehenden Quartiers Baakenhafen vor. Ausgewiesen sind geförderter Wohnraum, Baugemeinschaften, gemeinnützige Wohnprojekte und vieles mehr, das gesellschaftliche Vielfalt bringt. Schon jetzt sei der Stadtteil auf beispielhafte Weise ausgewogen, sagt Bruns-Berentelg. "Menschen, die sich oberflächlich mit der Hafencity befassen, verstehen viel zu selten, was sich hinter den Fassaden verbirgt."

Zu wenig Kultur, zu viel Shopping: Kritik am Überseequartier

Der genaue Titel von Jürgen Bruns-Berentelg lautet "Vorsitzender der Geschäftsführung der HafenCity Hamburg GmbH". Er ist also der Kopf des Unternehmens, das im Auftrag der Stadt durch den Grundstücksverkauf die Entwicklung der Hafencity regelt. Bruns-Berentelg ist ein feiner Herr, der in geschliffenen Monologen die Vorzüge der zentralen Flächenvermarktung darstellen kann. "Die Dinge, die zusammengehören, werden auch zusammengedacht", sagt er. Ein Team aus Ingenieuren, Stadtplanern, Architekten, Geistes- und Sozialwissenschaftlern wacht darüber, dass die Bauherren keine energieverschleudernden Billigbauten für den nächsten Mietwucher produzieren. Und die Stadtspitze wacht mit, denn sie ist mit dem Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher und vier Senatoren im Aufsichtsrat vertreten. Für Bruns-Berentelg ist diese Konstellation ein wichtiger Grund dafür, dass sich die Hafencity ohne viel Streit entwickelte. "Das lag nicht nur daran, dass hier anfangs niemand gewohnt hat."

Aber auch, klar. Wo niemand ist, kann sich niemand beschweren. Mittlerweile gibt es eine Hafencity-Gemeinde mit eigenen Ideen. Vor zwei Jahren verhinderte eine Bürgerinitiative den Abriss der alten Gleishalle im Oberhafen. Mittlerweile ist daraus eine Stiftung geworden, die aus dem Gemäuer einen überdachten Kulturgarten machen will.

Und der erste richtig große Hafencity-Streit läuft gerade. Es geht um das riesige Bauloch zwischen Überseeallee und Chicagokai, das umgeben ist von Bannern des Immobilien-Unternehmens Unibail-Rodamco-Westfield. Der französische Konzern will hier ab 2019 für eine Milliarde Euro das sogenannte südliche Überseequartier errichten, einen Komplex mit Kreuzfahrtterminal, Wohnungen, Büros, Entertainment und Einkaufsmöglichkeiten.

Nicht weit vom Überseequartier sitzen Iris Neitmann und Solveig Binroth von der Initiative Lebenswerte HafenCity. Sie sind überzeugte Hafencity-Bewohner, was auch daran liegen mag, dass sie den Häuserkomplex, in dem sie wohnen, praktisch selbst gebaut haben. Sie sind Mitglieder der Baugemeinschaft Hafenliebe. Iris Neitmann hat das Projekt als Architektin geplant, und weil sie und Solveig Binroth finden, dass auch der Rest der Hafencity klug angelegt wurde und eine engagierte, fast dörfliche Bewohnergemeinschaft entstanden ist, fühlen sie sich wohl hier. Aber diese Qualität sehen sie in Gefahr durch das Überseequartier. "Das macht alles kaputt", sagt Iris Neitmann. Unterstützt durch Fachplaner aus ganz Hamburg haben sie die Stadt verklagt deswegen.

Für Iris Neitmann und ihre Mitstreiter weicht das Vorhaben von den Kriterien ab, die der HafenCity GmbH sonst immer wichtig waren für einen zukunftsfähigen und lebensnahen Stadtteil. Sie beklagen, dass vorgesehene Kultur- und Bildungseinrichtungen wegfallen. Sie finden das geplante Shoppingcenter zu groß. Sie fürchten Staus und schlechte Luft, weil die gewünschte Kundschaft auch über die Straßen einfallen werde. Die Bebauung sei so hoch und dicht, dass sie das Sonnenlicht von belebten Straßenflächen abhalte und dort die Windgeschwindigkeiten empfindlich erhöhe. Außerdem: Eine Sichtachse zur Elbe, Charakteristikum der Hafencity, wird verstellt, die San-Francisco-Straße überbaut. Iris Neitmann lobt die Sorgfalt, mit der die Stadtentwickler die Hafencity bisher gestaltet haben. "Nur beim Überseequartier machen sie das nicht. Weder das Nutzungskonzept noch die städtebauliche Planung entsprechen zeitgemäßen Nachhaltigkeitszielen für diesen Ort."

Jürgen Bruns-Berentelg sagt: "Das sind die üblichen Kritiker." Ihnen fehle der Blick auf größere Zusammenhänge, auf die Notwendigkeit, mehr Besucher in die Hafencity zu holen. Er verweist auf über 6100 Arbeitsplätze. Er spricht von einem "sorgfältig ausgewählten und eng begleiteten Bauherrn und Betreiber" sowie von einer "guten, vertraglich gesicherten Grundstücksentwicklung". An die finsteren Prophezeiungen glaubt er nicht: "Wenn das Überseequartier fertig ist, wird es eine ganz andere Wahrnehmung geben."

Vom Himmelsberg im Baakenpark aus wirkt die Hafencity so, als könnte sie jetzt schon so bleiben, wie sie ist. Über Bäume und Elbe hinweg geht der Blick hinein in die angefangene Häuserzeile am anderen Ufer. Kräne ragen in den Wolkenhimmel. In der Ferne erkennt man die Windräder und Containerbrücken des Hafens. Man sieht der verwandelten Stadt an, dass sie noch nicht fertig ist. Aber das ändert nichts daran, dass sie schön ist, hier, wo früher die großen Schiffe waren.