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Neuer Ausweis für Großbritannien:Der Pass passt nicht

Die Briten bekommen einen neuen Reisepass. Auf 34 Seiten soll das Dokument der Kreativität huldigen, die Erwartungen sind groß - und werden enttäuscht.

Von Sarah Schmidt

13 Bilder

Norwegische Pässe

Quelle: Neue Design Studio

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Es sind Dokumente, die jeden Tag millionenfach hin und her gereicht, betrachtet und berührt werden und eng mit der Identität eines Landes verknüpft sind: Geldscheine, Ausweise und Pässe. Es liegt daher nahe, diese ansprechend und individuell zu gestalten.

Den norwegischen Pass hat zum Beispiel ein Architekturbüro überarbeitet - und einen besonders originellen Entwurf samt Nordlichtern und Mond vor Fjord-Panorama geschaffen (im Bild). Neuseeland steckt mitten in einem komplexen Abstimmungsprozess über eine mögliche Neugestaltung der Flagge.

Anfang November hat nun "Her Majesty's Passport Office" in Großbritannien den neuen britischen Pass vorgelegt. Entsprechend groß waren die Erwartungen. Leider wurden sie enttäuscht.

Neue Britische Pässe

Quelle: UK Government Home Office

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Im Vereinigten Königreich wird das Innenleben des Passes alle fünf Jahre neu aufgelegt. Dieses Mal steht das Dokument, das anders als in Deutschland sowohl Reisepass als auch Personalausweis in einem ist, ganz im Zeichen der geistigen Schaffenskraft. "Creative United Kingdom" ist das Motto. Auf insgesamt 34 Seiten werden in dem Ausweis-Büchlein Künstler, Wahrzeichen und Erfindungen aus 500 Jahren Inselgeschichte illustriert und präsentiert. Darunter auch der Erfinder und Uhrmacher John Harrison, der ein spezielles Schiffschronometer entwickelt hat.

Neue Britische Pässe

Quelle: UK Government Home Office

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Jede der 13 Doppelseiten, die für Visa vorgesehen sind, zeigt eine Collage zu einem anderen Thema, darunter wichtige Architekten und Künstler aber auch das Londoner U-Bahnsystem oder die Penny-Black, die erste klebende Briefmarke der Welt (im Bild). Nur einer schmückt als eine Art britischer Kreativitäts-Joker jede Seite: der gute, alte William Shakespeare.

Neue Britische Pässe

Quelle: UK Government Home Office

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Umgesetzt wurde der neue Pass von der Firma DeLaRue - das Unternehmen arbeitet bereits seit 1821 im Bereich des hochgesicherten Gedruckten. Eigenen Angaben zufolge kommen jährlich 22 Millionen Ausweisdokumente aus den Spezialdruckerpressen.

Aller Expertise zum Trotz wäre es vermutlich keine schlechte Idee gewesen, ähnlich wie in Norwegen auch die Entwicklung des britischen Passes öffentlich auszuschreiben. Dann wäre den Verantwortlichen vermutlich früher ein grobes Manko aufgefallen.

Im Bild: Die Doppelseite für Sir Giles Gilbert Scott, der nicht nur die Liverpool Cathedral, sondern auch die berühmten roten Telefonzellen entworfen hat

Neue Britische Pässe

Quelle: UK Government Home Office

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Gerade einmal zwei Frauen finden sich auf den 34 Seiten. Als weibliche Vertreterinnen sind nur die Architektin Elisabeth Scott (übrigens eine Cousine zweiten Grades von Sir Giles Gilbert Scott) und die erste Programmiererin der Welt, Ada Lovelace, dabei.

Im Bild: Ada Lovelace gemeinsam mit dem Mathematiker Charles Babbage

An illustration of a British ten pound Sterling banknote bearing the likeness of author Jane Austen, is seen in a picture released by the Bank of England in London

Quelle: REUTERS

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Dabei hätten die Verantwortlichen eigentlich sensibilisiert sein müssen. 2013 hatte eine Kampagne erfolgreich durchgesetzt, dass Jane Austen künftig die 10£-Note zieren soll - neben der Queen als zweite Frau auf einem britischen Geldschein. Wofür ist noch mal Jane Austen bekannt? Richtig, ihre weltberühmte Literatur - was sie auch zu einer geeigneten Kandidatin für den Kreativ-Pass gemacht hätte.

Neue Britische Pässe

Quelle: UK Government Home Office

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Auf Twitter fiel die Resonanz zum neuen Pass, der von Dezember an ausgegeben werden soll, dann auch alles andere als begeistert aus. Die Abgeordnete der Labour-Partei Stella Creasy verkündete unter dem Hashtag #tellHERstory, sie sei "so ermüdet von diesem Mist". Sie fordert ihre Follower auf, dem Home Office eine Liste kreativer Frauen nachzureichen. Sie selbst schlägt gleich die Schriftstellerinnen Mary Wollstonecraft und Annie Besant vor.

Im Bild: die Collage für die Architektin Elisabeth Scott

Neue Britische Pässe

Quelle: UK Government Home Office

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Der Generaldirektor des Passport Office, Mark Thomson, wurde bei der Vorstellung des Passes im Shakespeare's Globe Theater (übrigens auch eines der Motive, im Bild) zum geringen Frauenanteil befragt. "Es war nicht so, dass wir beabsichtigt hatten, nur zwei Frauen dabei zu haben", antwortete er dem Guardian zufolge. "Wir haben versucht die britische Kreativität in den letzten 500 Jahren zu feiern und eine möglichst große Bandbreite an Orten und Dingen quer durchs Land abzubilden. Das ist dabei herausgekommen."

Neue Britische Pässe

Quelle: UK Government Home Office

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Konkret auf Austen und die Brontë-Schwestern angesprochen, sagte Thomson: "Jedes Mal, wenn du so etwas machst, gibt es jemanden, der seine Lieblingsrockband oder sein lokales Wahrzeichen oder etwas anderes im Buch haben möchte. Tatsächlich haben wir 16 Visa-Seiten und sehr begrenzten Platz. Wir glauben, wir haben eine gute Repräsentation. Wir haben einige echte Ikonen des Vereinigten Königreichs dabei."

Zum Beispiel den Künstler John Constable, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts Landschaften malte.

Neue Britische Pässe

Quelle: UK Government Home Office

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Doch nicht nur die Auswahl, auch die Gestaltung kommt bei den Briten nicht besonders gut an. Guardian-Autor Oliver Wainwright spekuliert treffend über den Entwicklungsprozess: "Es sieht aus, als habe jemand 'Ikonen Großbritanniens' bei Google eingetippt, alles durch einen Pastell-Feinstrich-Filter gezogen und wild auf die Seiten geklatscht. Und so haben sie es vermutlich auch gemacht."

Im Bild: eine durchaus wahllos wirkende Zusammenstellung britischer Kultur-Festivals

Neue Britische Pässe

Quelle: UK Government Home Office

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Wainwright kann sich einen weiteren gehässigen Kommentar nicht verkneifen: Er weist darauf hin, dass gleich zwei der als wichtigste Wahrzeichen gefeierten Gebäude und Skulpturen auf der Nominierungsliste für den Carbuncle Cup standen - eine Auszeichnung, die dem schlimmsten Gebäude des Jahres verliehen wird. Mit dabei: die Orbit-Skulptur des Künstlers Anish Kapoor.

Neue Britische Pässe

Quelle: UK Government Home Office

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Der Standard bemängelt, dass auch sachlich Fehler gemacht wurden. So fehlten bei der Darstellung des Londoner U-Bahnsystems Haltestellen, beziehungsweise seien falsch platziert worden.

Neue Britische Pässe

Quelle: UK Government Home Office

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Wenn schon chauvinistisch und ästhetisch fragwürdig, immerhin sicher soll der neue Pass der Briten sein. Das Passbüro Ihrer Majestät betont, dass einige der eingebauten Sicherheitsextras sogar "Top secret", also streng geheim seien. Ein paar Gimmicks, die Fälschern das Leben schwer machen sollen, werden dann aber doch verraten: UV-Tinte kam ebenso zum Einsatz wie Infrarot-Tinte, Wasserzeichen, Hologramme, perforierte Nummerierung und eingewebte Sicherheitsfasern. Gebunden wird das Ganze mit einem fluoreszierenden Bändchen.

Trotzdem: Ein Highlight ist der neue Pass der Briten nicht. Vielleicht kommt ja in fünf Jahren die Erleuchtung - und das Design wird öffentlich präsentiert, bevor es gedruckt ist.

© Süddeutsche.de/kaeb/dd
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