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Nepal:Härter als das Beben

Bis zum Lockdown führte Deepa Chaulagain Besucher durch Kathmandus historische Altstadt.

(Foto: privat)

Protokoll von Ingrid Brunner

Deepa Chaulagain, 34, ist Tourguide im Kathmandu-Tal in Nepal.

"Ende März, Anfang April kam plötzlich alles zum Stillstand: Innerhalb von drei Tagen mussten alle Nepalesen, die im Kathmandu-Tal arbeiteten, aber dort nicht ihren Wohnsitz hatten, zurück in ihre Heimatdörfer. Viele strandeten, wussten nicht, wie sie heimkommen sollten. Trotzdem: Weil die Regierung so schnell reagiert hat, sind die Infektions- und Todesraten relativ niedrig. Alles ist geschlossen. Wir dürfen nur frühmorgens aus dem Haus, um neun Uhr schließen die Läden schon wieder, dann herrscht Ausgangssperre.

Als ich noch arbeitete, war ich viel außer Haus, zeigte Touristen Kathmandus historische Altstadt, den Königspalast, der große Stupa, das Haus der Kindgöttin Kumari. Manchmal begleitete ich Gäste in Klöster oder zu Gastfamilien in Homestays, dann blieb ich über Nacht weg. Nun sind mein Mann, mein Sohn, mein Schwiegervater und ich den ganzen Tag zusammen auf engem Raum. Wir teilen uns einen Laptop. Mein Sohn braucht den Computer von neun bis 14 Uhr für die Schule.

Sicher, am Anfang konnten wir die Situation noch positiv sehen: Endlich war Zeit für die Familie, für Yoga, Meditation, ein gutes Buch. Doch ich bin als Freelancerin seither ohne Einkommen. Wir leben zu viert von unseren Ersparnissen. Immerhin: Der Staat zahlt meinem Mann die Hälfte seines Gehalts weiter, das hilft ein wenig. Menschen, die Hunger leiden, sehe ich in meinem Dorf nicht. Aber wir fürchten uns vor den hungrigen Hunden, ihretwegen trauen wir uns nur in Gruppen raus. Die Tiere fallen Menschen an, die vom Einkaufen zurückkommen. Sie wissen, dass in den Tüten etwas Essbares ist. Nun sammeln wir in unserer Gemeinde Geld, um etwas Futter für die Tiere zu kaufen.

Die Pandemie ist für uns definitiv schlimmer als das Erdbeben 2015, obwohl dabei meine Schwiegermutter ums Leben gekommen ist. Damals konnten wir wenigstens raus, wir konnten etwas tun, den Schutt wegräumen. Aber nun können wir nur warten. Ich weiß nicht, wie lange wir das als Familie und als Gesellschaft noch aushalten.

Die Regierung plant nun, zumindest aus den Nachbarländern und dem Mittleren Osten wieder Flüge zu erlauben. Aber wir glauben, das ist nur, um die vielen Gastarbeiter heimzuholen, die ihre Arbeit in Katar oder Dubai verloren haben."

© SZ vom 03.09.2020

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