Süddeutsche Zeitung

Reisepionierin Nellie Bly:Schnellste Frau der Welt

Die US-Journalistin Nellie Bly wollte Ende des 19. Jahrhunderts beweisen, dass es möglich war, in weniger als 80 Tagen den Globus zu umrunden. Mit nur einer Handtasche als Gepäck raste sie gegen Vorurteile gegenüber Frauen an. Heute wird ihr Rassismus vorgeworfen.

"Ich will die Welt umrunden - schneller als Phileas Fogg, der in Jules Vernes Roman 80 Tage brauchte", verkündete Nellie Bly ihrem Redakteur bei der New York World. Dieser war nicht abgeneigt, der Geschäftsführer der Zeitung schon: "Das ist unmöglich für Sie: Erstens sind Sie eine Frau und bräuchten einen Beschützer. Und selbst wenn Sie allein reisen könnten, würden Sie so viel Gepäck mit sich herumschleppen, dass es Sie am schnellen Umsteigen hindern würde. Außerdem sprechen Sie keine Sprache außer Englisch. Wir müssen gar nicht weiter diskutieren: Das schafft nur ein Mann."

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

"Nun gut", war die Antwort der wütenden Reporterin, "schicken Sie den Mann los. Ich starte die Reise am selben Tag, aber für eine andere Zeitung. Und ich schlage ihn."

Nellie Bly brach im November 1889 für die New York World auf. Allein. Und mit leichtem Gepäck: Mantel, maßgeschneidertem Reisekleid und einer Handtasche.

Diese Frau musste wahnsinnig sein. Auf jeden Fall war sie verrückt genug, sich in ein Irrenhaus einweisen zu lassen. Nellie Bly, die eigentlich Elizabeth Jane Cochran hieß, ließ sich überzeugen, dass sie nur so als Journalistin über die Zustände in der Nervenheilanstalt in New York schreiben konnte.

Dass Nellie Bly überhaupt als Reporterin arbeitete und den investigativen Journalismus vorantrieb, verdankte sie ihrer Willens- und vor allem ihrer Meinungsstärke: Nachdem sie sich in einem wütenden, aber wortgewandten Leserbrief gegen eine frauenfeindliche Kolumne wehrte, bot ihr der Herausgeber des Pittsburgh Dispatch an, als Reporterin für die Zeitung zu arbeiten. Weil sie sich nicht auf "Frauenthemen" beschränken wollte, wechselte Nellie Bly zur New York World, der Zeitung von Joseph Pulitzer. Gleich ihr erster Auftrag brachte sie in die Irrenanstalt: Sie sollte über nervenkranke Frauen auf Blackwell's Island (heute Roosevelt Island) im East River schreiben. So wurde sie eine von ihnen, für zehn lange Tage.

Ihre Reportage über die Missstände dort machten sie berühmt. Wer das durchstehen konnte, den sollte auch eine globale Mission nicht schrecken - selbst wenn sie damit die erste Frau sein sollte, die allein um die Welt reiste. Eigentlich überrascht es nicht, dass Nellie Bly die fiktiven 80 Reisetage von Jules Verne unterbot: Nach 72 Tagen, sechs Stunden und elf Minuten erreichte sie am 25. Januar 1890 ihr Ziel.

Denn sie war nicht nur willensstark, sondern auch strategisch: Sie hatte Indien umschifft, statt es wie Romanfigur Phileas Fogg in Zügen und auf Elefanten zu durchqueren.

Gestartet war die 25-Jährige am 14. November 1889 in New York, dann ging es nach London und weiter nach Calais (mit einem Abstecher nach Amiens, um den Autor Jules Verne zu besuchen). Es folgten Brindisi in Italien, Port Said, Ismailia und Suez in Ägypten, Aden im heutigen Jemen, Colombo auf Ceylon (Sri Lanka), Penang auf der Malaiischen Halbinsel, Singapur, Hongkong, Yokohama in Japan und schließlich ging es von San Francisco wieder zurück nach New York.

Wie das Vorbild Phileas Fogg hatte Nellie Bly einen Konkurrenten im Wettlauf um die Welt - keinen Mann, sondern eine Frau: Die New Yorker Cosmopolitan entsandte Elizabeth Bisland am selben Tag gen Westen, als Bly nach Osten aufbrach - was diese erst unterwegs erfuhr. Einige Zeit lag die Konkurrentin vorne, kam aber letztlich vier Tage nach Bly an.

USA im Nellie-Bly-Fieber

Es war keine stille Recherchereise, sondern ein Medienevent - zumindest daheim in den USA: Etwa eine Million Menschen nahm an einem Preisausschreiben der World teil; wer die genaue Ankunftszeit von Nellie Bly voraussagte, durfte selbst durch Europa touren. Beim Endspurt durch die Vereinigten Staaten wurde sie vom Volk gefeiert, wie man es heute nur von Popstars kennt. Damals wurden auf diese Weise sonst höchstens US-Präsidenten an den Bahnhöfen bejubelt. Fans deckten sich mit Nellie-Bly-Brettspielen, Nellie-Bly-Globen und Nellie-Bly-Reisekleidern ein. Nie zuvor war eine Frau derart schnell um die Welt gereist, hatte moderne Dampfschiff- und Eisenbahnverbindungen genutzt und auch die länderverbindende britische Kolonialherrschaft, um Jules Vernes fiktiven Rekord zu brechen.

So rasten zwei Frauen um die Welt, doch waren die Reisen an sich, nicht aber das Wettrennen Thema in den Zeitungen: Entweder berichteten sie über die eine oder die andere. Nach ihrem Erfolg wurde vor allem Nellie Bly zum feministischen Vorbild. Dabei spielte es keine Rolle, dass sie im Gegensatz zu anderen Reisepionierinnen weniger als Entdeckerin denn als zeitnotgeplagte Touristin über die Kontinente eilte - und dabei ziemlich herablassend über weite Teile der Welt urteilte.

Andere Abenteurer waren wirklich auf sich und ihre Chuzpe gestellt, wie etwa die Britin Gertrude Bell (1868-1926), die in entlegenen Wüstengegenden räuberische Stämme austrickste. Da brauchte Nellie Bly trotz der Vorurteile ihres Geschäftsführers etwas weniger Mut: Sie reiste stets mal mehr, mal weniger bequem Erster Klasse, meist in britischer Gesellschaft.

Wohl unter anderem deshalb verbindet sie mit anderen Pionieren des Reisens diese Überzeugung:

"Nichts ist unmöglich, wenn man nur ein gewisses Maß an Tatkraft in die richtige Richtung aufbringt. Wenn ich etwas brauche - was immer im letzten Moment der Fall ist - und ich bekomme zur Antwort: 'Es ist zu spät. Das ist wohl nicht mehr zu schaffen', dann erwidere ich einfach: 'Unsinn! Wenn Sie wollen, schaffen Sie es. Die Frage ist, wollen Sie?'"

In den Medien wurde sie mit großer Berichterstattung bedacht, in der sie als strahlende Heldin gefeiert wurde. Vor ihrer Abfahrt hatte jemand ihr geraten, zur Sicherheit einen Revolver einzustecken. Doch sie lehnte ab:

"Im festen Glauben daran, dass die Welt mir ebenso begegnen würde, wie ich ihr begegnete, lehnte ich es ab, mich zu bewaffnen. Ich war mir sicher, dass ich bei schicklichem Verhalten immer Menschen finden würde, die mich beschützen, seien sie Amerikaner, Engländer, Deutsche oder welcher Nationalität auch immer."

Und tatsächlich standen ihr wechselnde Reisebegleiter zur Seite, die aber nicht Angreifer abwehren mussten, sondern ihr halfen, Zug oder Schiff rechtzeitig zu erreichen. Und ihr die Zeit vertrieben. So wirken weite Teile ihres Reiseberichts wie die Erlebnisse einer frühen Pauschalreisenden, die sich über die Eigenheiten ihrer Mitreisenden amüsiert und kurze, wenn auch detaillierte Eindrücke von den Zwischenstopps in fremden Ländern gibt. Dass sie sich nicht auf Land und Leute eingelassen hat, war ihr damals nicht vorzuwerfen: Es ging ihr um Rekordgeschwindigkeit, nicht um das Studium fremder Sitten.

Doch liest man ihren Reisebericht heute kritischer - auch die von amerikanischen Verlagen gerne gekürzten, besonders herabwürdigenden Passagen -, überrascht die kolonial-rassistische Einstellung von Nellie Bly: Während sie sich in ihrem Reporter-Coup noch auf die Seite der unterdrückten Frauen in der US-Nervenheilanstalt gestellt hatte, blickte sie hier mit Verachtung auf die Einheimischen herab, die sie auf ihrer Reise traf. Und das, ohne mögliche Gründe für deren Verhalten, deren Armut oder Krankheit zu hinterfragen, geschweige denn diese Umstände anzuprangern.

"Alles war schmutzig"

So schreibt sie etwa über Chinesen im kolonialisierten Hongkong:

"Die Stadt schien insgesamt in einem unsauberen Zustand zu sein. Die Straße war schmutzig, die Gruppen von Einheimischen, die wir trafen, waren schmutzig, die Häuser waren schmutzig, die zahllosen Boote, die an den Anlegeplätzen lagen und unweigerlich mit schmutzigen Menschen überfüllt waren, waren schmutzig, und unsere Träger waren schmutzige Gesellen, deren unsaubere Zöpfe um ihre halbrasierten Schädel geschlungen waren."

In Ägypten war sie mit ihrem Mitgefühl ganz am Ende - auch wenn sie anders als die anderen Schiffsreisenden davon absah, mit Stöcken und Schirmen nach allzu eifrigen Fuhrleuten, Bootsführern und Bettlern zu schlagen:

"Wir sahen eine große Anzahl von Bettlern, die ihrem Gewerbe gemäß jammernd und mit ausgestreckten Händen ihre Bitten hervorbrachten, aber sie waren nicht so aufdringlich und lästig, dass es erforderlich wurde, ihnen statt Almosen den Stock zu geben. Die Mehrheit dieser Bettler wies derart abstoßende Formen des Leidens auf, dass sie, anstatt wie üblich mein Mitgefühl zu erregen, eine verhärtende Wirkung auf mich hatten. Sie schienen uns ihre Missbildungen geradezu ins Gesicht zu halten, damit wir ihnen Geld gäben, um uns ihre Abwesenheit aus unseren Blicken zu erkaufen."

Mit ihrer Reise zeigte Nellie Bly also nicht nur, dass man mit den damals modernen Transportmitteln in Rekordzeit um den Globus rasen konnte - und dass die Welt auch alleinreisenden Frauen offenstand. Zugleich lässt sich an ihrer eigenen Person ablesen, mit welcher Arroganz und Verachtung die Vertreter von Kolonialmächten Ende des 19. Jahrhunderts den Menschen in den von ihnen unterdrückten Ländern begegneten.

Allerdings: Nellie Bly verfasste ihren Reisebericht in dem ihr eigenen lakonisch-bissigen Stil. Es fehlt zwar eine klare Kritik an zum Teil menschenunwürdigen Zuständen in den britischen Kolonien, die sie im Detail schildert. Doch wird der reisenden Reporterin im Nachhinein auch wegen einiger Textpassagen Rassismus und "menschenverachtende Ignoranz" vorgeworfen. Möglich ist das, möglich ist aber auch: Ironie, die eher versteckt auf Missstände hinweist. Wie sie in folgender Passage vielleicht zu finden ist:

"Ich hatte der Versuchung widerstanden, in Port Said einen Jungen zu erstehen, und ich hatte auch den Wunsch unterdrückt, in Colombo ein singhalesisches Mädchen zu kaufen, doch als ich (in Singapur) den Affen sah, schwand meine Willensstärke dahin, und ich begann sogleich, um den Affen zu handeln. Und ich bekam ihn."

Eine Kritik am Rande, die durchaus deutlicher hätte ausfallen dürfen. Doch wer Nellie Bly für dieses Versäumnis als Rassistin brandmarkt, tut der Weltreisenden womöglich unrecht.

Nellie Bly (1864-1922)

Elizabeth Jane Cochran(e) - das "e" hängte sie später selbst an ihren Geburtsnamen - war das 13. und jüngste Kind eines Richters in Pennsylvania. Ihr Vater starb, als sie sechs Jahre alt war; der Stiefvater brachte das Erbe durch. So war kein Geld da, um Elizabeth eine Ausbildung zur Lehrerin zu finanzieren. Umso glücklicher war die Fügung, dass Elizabeth nach einem Leserbrief zur Reporterin des Pittsburgh Dispatch wurde. Dort erhielt die 20-Jährige ihren Künstlernamen Nellie Bly. Nach ihrer Weltreise für die New York World hielt sie zahllose Vorträge und hatte nach "Around the world in 72 days" einen Vertrag mit einem Verlag - doch kein weiteres Buch erschien.

1895 heiratete Nellie Bly überraschend - vor allem für die Familie des Bräutigams - nach zwei Wochen Bekanntschaft den 40 Jahre älteren Stahlbaron Robert L. Seaman. Nach dessen Tod übernahm sie den Betrieb. Als Journalistin hatte sie stets kritisch über harte Bedingungen für Arbeiter berichtet, in der Stahlfirma verbesserte sie diese nun: Sie richtete ein soziales Fürsorgesystem ein, eine Leihbibliothek, eine Turnhalle und eine Bowlingbahn. Auch neue Techniken in der Stahlproduktion setzte sie ein. Auf ihrer Visitenkarte soll laut Literaturhistoriker Martin Wagner gestanden haben: "die einzige Frau der Welt, die ein Industrieunternehmen von solcher Größe persönlich leitet".

Doch der Erfolg blieb nicht von Dauer, auch weil ein Vertrauter in der Firma sie um viel Geld betrog. Während ihre Firma bankrott ging, nutzte Nellie Bly 1914 eine Geschäftsreise nach Wien, um wieder als Journalistin von den Anfängen des Ersten Weltkrieges zu berichten. Erst 1919 kehrte sie in die USA zurück. Drei Jahre später starb Nellie Bly in New York an einer Lungenentzündung.

(Alle Zitate aus: "Around the World in 72 Days - Die schnellste Frau des 19. Jahrhunderts", Nellie Bly, Aviva Verlag)

Künftig stellen wir Ihnen auf SZ.de Pioniere des Reisens vor - in loser Folge.

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