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Serie "Reisen ohne Flug":Herbst im deutschen Urwald

Nationalpark Hainich Thüringen Deutschland

Der Hainich ist das größte zusammenhängende Laubwaldgebiet Deutschlands. Der Oktober ist der Monat der natürlichen Laubmalerei.

(Foto: Rüdiger Biehl)

Es ist nicht ganz wie am Amazonas, aber ein schönes Wochenende garantiert der Artenreichtum des Nationalparks Hainich allemal. Besonders im Oktober sieht der Wald fantastisch aus - und bereitet doch zunehmend Sorgen.

Da liegt nun der Wald in seiner ganzen gewaltigen Chamäleonhaftigkeit, langsam von Grün ins Gelb und Rot changierend; von hier oben wirkt er wie eine große bunte Blätterinsel inmitten eines Meeres aus braunen Ackerflächen. Dietrich Reiche sagt: "Dieses Jahr ist der Herbst wegen der Trockenheit schon drei Wochen eher da." Es klingt nicht so, als wäre er deshalb sonderlich begeistert.

Reiche steht gerade auf dem Turm des Baumkronenpfads im Nationalpark Hainich, 40 Meter über dem Boden, als Nationalpark-Ranger kennt er diese Perspektive. Die nur schemenhaft durch die grauen Regenwolken zu erkennenden Hügel im Süden gehören zum Thüringer Wald; so steht es zumindest auf einem kleinen Schild. Auf der anderen Seite ist der geografische Mittelpunkt Deutschlands ausgeschrieben, nur zehn Kilometer Richtung Norden, in der Nähe von Niederdorla.

Serie "Reisen ohne Flug"

Statt voller Flugscham um nicht gemachte Fernreisen zu trauern, stellt die SZ in dieser Serie Alternativen vor. Die Artikel erscheinen in loser Folge auf sz.de/reise sowie im Reiseteil in der Süddeutschen Zeitung, alle veröffentlichten Beiträge finden Sie hier auf der Themenseite.

Hier, ziemlich genau im Zentrum Deutschlands also, liegt der Hainich, mit 16 000 Hektar das größte zusammenhängende Laubwaldgebiet Deutschlands. 7500 Hektar davon sind seit 1997 als Nationalpark ausgewiesen, ein "Urwald mitten in Deutschland", wie es über den Hainich gerne heißt. Im sehenswerten Besucherzentrum zu Füßen des Baumkronenpfades illustrieren Zahlen die Bedeutung dieses Biotops: 55 Baumarten, 188 Vogel-, 52 Säugetier- und 34 Ameisenarten. Im Artenbericht 2010 sind insgesamt 5782 Tierspezies für den Nationalpark gelistet.

Experten glauben, dass es bis zu 10 000 sind, natürlich vor allem Insekten. Das kann vielleicht nicht ganz mit dem Regenwald am Amazonas konkurrieren, aber für ein Wochenende genügt der Reichtum allemal. Zudem gibt es mit der hier in guter Stückzahl vertretenen Wildkatze ein omnipräsentes Symboltier, mit dem sich die Anliegen des Nationalparks an die Besucher sichtlich besser verkaufen lassen als mit Schwefelporling, Reitters Strunk-Saftkäfer oder auch der Schabrackenspitzmaus.

Wenn Ranger Reiche über die brückenartige Konstruktion des Baumkronenpfads führt - "da, schauen Sie, ein Waschbär im alten Baumstumpf, wo sonst oft ein Mittelspecht sitzt" -, dann sieht er auch immer noch vieles, das ihm gefällt. Alleine auf diesen knapp 540 Metern durch die Kronen des Waldes kommt man an fast einem Dutzend Baumarten vorbei, auf Augenhöhe gewissermaßen, zehn bis 24 Meter über dem Boden. Sommerlinde, Winterlinde, Stieleiche, Elsbeere. Und wenn der Wind in die Äste fährt, beginnen die Bäume zu tanzen und zu rauschen, als gäbe es eine große Party für den Wald.

Wirklich Grund zum Feiern hat er aber nicht. Denn die unheilvollen Zeichen mehren sich, selbst hier, wo die üblichen Ärgernisse wie Sturmschäden und Borkenkäfer dank der gesunden Waldstruktur und dem geringen Nadelwaldanteil so gut wie keine Rolle spielen. Aber dort, diese Esche zum Beispiel, "der gefährdetste Baum in Deutschland" (Reiche) wegen des durch eine Pilzart verursachten Eschentriebsterbens. Oder da, die Rotbuche, der "Mutterbaum von Deutschland", wie Reiche meint. Im nächsten Atemzug schwärmt er dann von der Buche, als handele es sich um ein Wunderkind. "Die ist so talentiert, die steht auf Kreide auf Rügen, auf Sandboden in Mecklenburg und auf sauren Böden in Hessen." Im Hainich liege der Anteil der Rotbuche bei 50 bis 60 Prozent.

Sie ist auch der Grund, weshalb knapp 5000 Hektar im Jahr 2011 als Unesco-Weltnaturerbe ausgezeichnet und damit irgendwie auch an die gesamte Menschheit abgetreten wurden. Bei diesem hochgewachsenen Exemplar zu Reiches Linken allerdings, "da hoffe ich mal, dass sie überlebt". Die Blätter sind zerschrumpelt und braun, und das nicht wegen des Herbstes. "Das sind Trockenschäden", sagt Reiche. Auf einem grellgelben Schild unten am Waldboden steht die Warnung: "Vorsicht Bruchgefahr". Reiche sagt: "Der Wald hat sich durch die letzten beiden heißen Sommer massiv verschlechtert."

Wildkatze

Die Wildkatze ist das Symboltier des Hainichs. Mit ihr lassen sich die Anliegen des Nationalparks besser verkaufen als mit Schwefelporling, Strunk-Saftkäfer oder auch der Schabrackenspitzmaus.

(Foto: Thomas Stephan)

Nun ist der Ranger beileibe niemand, der zum Alarmismus neigt. Im Grunde findet er das Prinzip des Wandels an sich eher gut, so wie damals vor 30 Jahren, als die Mauer fiel. Reiche ist in der DDR in einer nicht ganz so systemtreuen Familie aufgewachsen. 1973 begann ganz in der Nähe des 2005 eröffneten Baumkronenpfades seine Waldkarriere als Forstarbeiter. Er war damit gelegentlich so etwas wie der natürliche Feind der Bäume. Seinem Vorgesetzten beim Nationalpark habe er beim Dienstantritt vor rund neun Jahren auch schon erklären müssen, dass er dem Drang, die Kettensäge anzusetzen, durchaus widerstehen könne. "Hatte ich lange genug", sagt er, und meint damit Kettensäge wie DDR.