Namibia Reben in der Wüste

Auf der Veranda überblicken Gäste der Farm bei einem Glas Shiraz Weinstöcke und Steinwüste.

(Foto: Prantl)

Selbst in Namibia wächst Wein. Trotz der Paviane. Über eines der merkwürdigsten Weingüter auf diesem Planeten.

Von Dominik Prantl

Sie nennen das kleine Stück Erde den "Heiligen Gral": fünf mal fünf Meter, drumherum ein Maschendrahtzaun, daneben zwei Palmen, drinnen ein Weinstock, den es hier, mitten in Namibia, gar nicht geben dürfte. "Er ist schon sehr alt, wie alt genau, weiß niemand", meint Iván Phillipson, Manager des Neuras Wine & Wildlife Estate, kurz Neuras, einer Farm, auf der heute 6500 Flaschen Wein pro Jahr produziert werden. Und das ist ein kleines Wunder.

Denn ein Weingut in dieser Umgebung ist in etwa so exotisch wie eine Bananenplantage in Baden-Württemberg. Die Temperaturen steigen bis fast 40 Grad Celsius, im Durchschnitt fallen jährlich etwa 100 Milliliter Regen. Wein braucht normalerweise ungefähr das Fünffache. Der Wüstenort Sesriem mit den berühmten roten Dünen im Hintergrund ist nur eine gute Stunde Autofahrt über Schotterpisten entfernt. Der Weg führt die Touristen von dort durch eine karge Welt mit ein paar Kameldornbäumen, viel Sand und braunem Gestein, ehe man links auf das heute 14 400 Hektar große Farmgelände mit den rund drei Hektar Weinfläche abzweigt. Fünf natürliche Quellen haben eine Oase mitten in der Wüste geschaffen, mit Zitronenbäumen und mehr als 200 Vogelarten. In der Sprache der lokalen Khoikhoi heißt Neuras "Platz des frei stehenden Wassers".

Der deutsche Gärtner handelte den Preis herunter - von zwei Mark auf 1,50 Mark

Der erste Europäer, der den Wert dieses Landes erkannte, war laut Geschichtsschreibern im Jahre 1894 der Deutsche Ernst Hermann. Er muss nicht nur ein ordentlicher Gärtner, sondern auch ein ausgefuchster Geschäftsmann gewesen sein, handelte er den Kaufpreis doch von zwei Mark auf 1,50 Mark herunter - für damals noch 28 800 Hektar Land. Anschließend soll Hermann nicht nur Schafe gezüchtet und Gemüse angepflanzt haben; wahrscheinlich legte er auch den Heiligen Gral an - der dann wiederum Allan Walkden-Davis und dessen Frau Sylvia inspirierte.

Sie machten Neuras nach dem Kauf 1996 zu dem, was es heute ist: eines der merkwürdigsten Weingüter auf diesem Planeten. Walkden-Davis versuchte es mit Shiraz- und Merlot-Weinstöcken, baute einen Weinkeller und bepflanzte ihn zur Kühlung mit Sukkulenten. 2001 füllte er die ersten Flaschen Rotwein ab. Neben dem Wasser aus den Quellen halfen ihm noch ein paar andere Launen der Natur: der unablässige Südwestwind, kühle Nachttemperaturen und der alkalische Boden. Chemikalien braucht es dank der Trockenheit nicht. Die Schädlinge heißen eher Pavian und Kudu als Reblaus und Traubenwickler.

Allan Walkden-Davis gab das Anwesen einige Jahre vor seinem Tod 2015 an die Naankuse-Gruppe ab. Längst ist es zu einer Sehenswürdigkeit gereift, auf der weitläufigen Farm gibt es neben Oryx, Zebras und Schakalen auch Zimmer (ab 65 Euro), Weinführungen (rund 19 Euro) und eine Veranda für die Verkostung der Weine. Von denen heißt es häufiger, die Qualität versetze selbst Experten in Staunen. Vielleicht hat das aber weniger mit dem Geschmack zu tun als mit dem Herkunftsort. Iván Phillipson meint: "Unser Vorteil ist, dass nicht viele andere Leute so etwas überhaupt probieren."

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