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Namibia:In der Beletage

Dem Nashornkäfer weit entrückt: Landcruiser mit erstem Stock.

(Foto: Dominik Prantl)

Es sorgt für Distanz zum Nashornkäfer und braucht keinen Stauraum im Auto: Das Dachzelt ist eine geniale Erfindung, vor allem für eine Tour durch die Savanne.

Von Dominik Prantl

Natürlich wussten die Deutschen in Namibia schon früh, dass bei der kolonialen Erschließung eines Landes eine gewisse Mobilität ebenso wichtig ist wie missionarischer Eifer. Also hatte ein Oberleutnant der kaiserlichen Schutztruppe, Edmund Troost, einen genialen Einfall: Er bereicherte anno 1896 den zermürbenden Ochsenwagenverkehr im südwestlichen Afrika mit einer Straßenlokomotive, die keine Gleise benötigte. In der Chronik der namibischen Hafenstadt Swakopmund heißt sie "Dampflokomobile" (sic!).

Was Troost allerdings nicht bedacht hatte, war, dass so ein Gefährt viel mehr Süßwasser frisst als das versoffenste Ochsengespann. Und weil der Weg in Namibia sehr oft durch die Wüste führt und weil die Wüste eine trockene Angelegenheit ist, musste von Montag bis Freitag Wasser herangeschafft werden, um am Samstag mit dem Dampfochsen fahren zu können. Dafür gab es jede Menge Wüstensand, in dem die Lokomobile alle paar Meter stecken bleiben konnte. Irgendwann wurde sie deshalb einfach stehen gelassen und Martin Luther getauft, frei nach dessen Worten: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders."

Der Tourismus, dem Kolonialismus bei genaueren Hinsehen durchaus artverwandt, hat glücklicherweise andere Wege der Fortbewegung gefunden. Zwar sind reisende Gäste aus Übersee wie früher schon von Weitem klar erkennbar; nicht etwa an den Ochsen vorne, sondern am Klappzelt oben auf dem Autodach. Aber wahrscheinlich würde sich Troost wundern, wie unverschämt komfortabel man mit einfachen Mitteln eine mehrwöchige Reise ohne feste Bleibe gestalten kann - und das nur dank eines einfachen Dachzelts.

Das Dachzelt steht in der Rangliste der wirklich genialen Outdoor-Innovationen nämlich noch weit vor Klappstuhl und Thermomatte. Auf dem obligatorischen Geländewagen lässt es sich - nach einer ersten Übungseinheit - samt Matratze innerhalb von fünf Minuten aufklappen. Zur Beletage des Urlaubs.

Dabei wurde das Autodachzelt keineswegs exklusiv für Namibia und Nachbarstaaten erfunden, auch wenn sich der Eindruck auf manchen Campingplätzen im südlichen Afrika aufdrängt. Die ersten ernst zu nehmenden Entwürfe in der Bundesrepublik stammen aus den Fünfzigern, später war das Dachzelt auch in der DDR und am Plattensee obenauf. Speziell für den bedingt urlaubstauglichen Trabanten produzierte Gerhard Müller aus Limbach-Oberfrohna mit drei Mitarbeitern von 1979 an Aufsätze, auf die Kunden bis zu drei Jahre warten mussten. In der DDR wollte das nicht allzu viel heißen, es bewies aber immerhin, dass selbst im pappschachteligen Trabi ein kleiner Landcruiser steckte.

Heute gibt es Dachzelte für SUVs und Minis, für Skandinavien und die Alpen und den Badesee ums Eck. Aber nirgendwo steht dieses Zelt so für das kontrollierte Abenteuer wie in Namibia, wo die Straßen oft nur Pisten sind und der Reiz des Landes auch darin liegt, jeden Tag das Lager an einem anderen Ort aufzuschlagen. Auf einem Jeep bedeutet es die volle VW-Bus-Flexibilität ohne langen Radstand, dafür mit viel größerem Aktionsradius dank der Bodenfreiheit. Gleichzeitig vergrößert es den Laderaum im Wagen, weshalb dort statt Zelt und Matratzen neben Wasser und Kohlesack endlich einmal zwei Paletten Windhuk Lager auf Safari mitdürfen. Und auch wenn im Internet auf namibia-forum.ch, einem, nein, dem deutschsprachigen Reiseforum für das südliche und östliche Afrika, die Diskussion "Dachzelt vs. Bodenzelt" 60 Beiträge zählt, gibt es eigentlich nichts zu diskutieren.

Denn das Dachzelt benötigt keinen gesonderten Stellplatz und vermittelt durch die erhobene Position das wohlige Gefühl, vor Nashornkäfern und Leoparden gleichermaßen sicher zu sein. Auch sind noch keine Fälle bekannt, in denen Elefanten über ein Dachzelt gestolpert wären. Wer das erste Mal darin geschlafen hat, weiß dann auch mit Sicherheit: Man ist jener altersbedingten Fakirphase entwachsen, als eine Nacht auf einem ungeschützten Feldbett oder einer dünnen Isomatte irgendwo in der Savanne den Testosteronspiegel erhöhte. Warum der Jeep mit Stockwerk in Mitteleuropa nicht längst den VW-Bus ersetzt hat, liegt wohl nur daran, dass hier die planen Straßen geteert sind und Aufsätze am Dach eher kein Statussymbol.

Der Lokoimmobilie Martin Luther wurde inzwischen übrigens ein kleines Museum am Ort ihres finalen Versagens im Sand gebaut. Vielleicht wird neben dem verhinderten Kolonialisierungshelfer irgendwann einmal ein Dachzelt-Geländewagen aus dem 21. Jahrhundert stehen mit dem Hinweis: Vehikel zur touristischen Durchdringung Namibias. Bis dahin genießen wir die Freiheit der Weite, die selbst in Namibia ganz sicher nicht endlos sein mag, bei der aber immerhin noch kein Ende in Sicht ist.

© SZ vom 10.09.2015

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