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Nachtleben Madrid:Rebellen der Straße

Nachtleben in Madrid, Viertel Malasaña, Spanien

Feiernde im Viertel Malasaña.

(Foto: Imago Stock&People)

Erst übergeschnappt, dann abgestürzt: In Madrid ist die Krise noch nicht vorbei, aber der Aufbruch wird trotzdem schon mal anständig gefeiert. Ein Ausflug in das Nachtleben jenseits des alten Schickimicki.

In der Tür steht ein schmaler alter Mann. Er tippelt auf der Stelle, stellt sich auf Zehenspitzen, schaut zum Tresen, dann auf die Straße, wo sich die Leute drängeln, tippelt, stellt sich wieder auf Zehenspitzen, schaut wieder zum Tresen und ruft: "Was ist jetzt, Casto? Die Leute bringen mich noch um." Aber Casto, der Mann hinterm Tresen, bleibt hart. Er grinst nur. Der Laden ist voll, jetzt kommt keiner mehr rein. "Casto ist der Chef", sagt der Alte an der Tür, zuckt mit den Schultern und tippelt weiter auf der Stelle. Wie ein Läufer, der auf den Startschuss wartet. Aber der Startschuss kommt nicht, das Palentino ist dicht.

Draußen quetscht sich ein Chinese durchs Menschenknäuel, will den Wartenden Dosenbier verkaufen. Seine Hand steckt in einem dieser Plastikringe, die wie ein Netz das Sixpack zusammenhalten, das an seinem Handgelenk baumelt. 1,50 Euro will er für das Bier, aber kaufen will keiner. "Zu teuer", sagt ein Typ, der vor dem Palentino an einem parkenden Auto lehnt, sich das Warten mit einer Zigarette vertreibt und so sehr über seinen eigenen Witz lacht, dass er den Rauch verschluckt und heftig husten muss.

Wer den Witz verstehen will, muss wissen, dass das Bier im Palentino 40 Cent weniger kostet als beim chinesischen Straßenverkäufer. Das Palentino gibt es seit 54 Jahren, seit 54 Jahren steht Casto Herrezuelo hinterm Tresen. Außer Casto und dem Tresen gibt es noch ein paar Tische und Stühle, die dicht an der Wand stehen, darüber stumpf gewordene Spiegel, von der Decke strahlt kaltes Neonröhrenlicht, nicht einmal Musik läuft hier, dafür dudelt ein Spielautomat. Ein Szenetreff ist das Palentino trotzdem. Oder gerade deshalb.

Weil die Leute in Malasaña schon immer gegen den Trend geschwommen sind, weil sie immer schon rebelliert haben. Damals, Anfang des 19. Jahrhunderts, als die Leute im Viertel den Widerstand gegen Napoleon anführten. Und später, in den siebziger Jahren, als Malasaña zum Symbol wurde für den wilden Aufbruch nach der prüden Franco-Ära, zum Symbol für die Freiheitsbewegung Movida Madrileña. Alles, was 35 Jahre lang verboten war, wurde zuallererst hier wiederbelebt: Kneipen hatten plötzlich die ganze Nacht offen, Transvestiten tanzten, Joints rauchend, durch die Straßen, die Jugend traf sich zu anonymen Sex-Partys in dunklen Schmuddel-Clubs. Dieses Umtriebige ist auch jetzt wieder spürbar, weil Madrids Jugend das Beste aus ihren Nächten macht. Nach dem Motto: Die Krise ist zwar noch nicht vorbei, aber den Aufbruch, den können wir ja trotzdem schon mal feiern.

So gesehen kann die Popularität des Palentino als Rebellion verstanden werden gegen die vielen, überteuerten Schickimicki-Schuppen, die in den vergangenen Jahren aus dem rauen Pflaster Malasañas geschossen sind. Die Schickimicki-Schuppen stehen für das alte Madrid, das der Wohlstand nach der Franco-Ära fett und träge gemacht hat, das irgendwann übergeschnappt und dann abgestürzt ist. Das Palentino steht dagegen für das neue, geerdete Madrid. Wer hier feiert, feiert auf dem klebrigen, von Erdnussschalen übersäten Boden der Tatsachen.

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"Gäbe es solche Bars nicht, würde Malasaña seine Seele verlieren", sagt Ana, ein Hipster-Mädchen mit Dutt und bunter Strumpfhose. Sie sitzt mit zwei Freundinnen an einem Tisch, auf dem vierten Stuhl sitzt ein Rentner mit Stoppelbart, sein Kopf liegt auf der Tischplatte, daneben steht ein Glas Rotwein. Er ist eingeschlafen, in seinem Mundwinkel klemmt ein Zahnstocher, er sabbert. Der Rentner, erzählt Ana, sei früher ein bekannter Schauspieler gewesen, jetzt total abgestürzt, eine Tragödie. "Er kann tolle Geschichten erzählen", sagt Ana, "solche Leute triffst du nur hier." Weil man hier jeden trifft: Punks und BWL-Studenten, Hipster und Rentner.

Wenn man so will, hat die Krise das Nachtleben in Malasaña gerettet. Die Immobilienblase ist also noch rechtzeitig geplatzt, bevor die Show-Cooking-Restaurants, die Bio-Schokotörtchen-Cafés und die Diktatur der elektronischen Musik alle Ecken erfassen und den Punk aus dem Viertel vertreiben konnten. Den Punk, den auch Jana schätzt, eine slowenische Sprachenstudentin mit Totenkopf-Ohrringen. Seit ein paar Monaten ist sie hier, wohnt in einer WG in Chueca, dem Schwulenviertel Madrids, auch so ein Ort, an dem es sich exzellent und exzessiv feiern lässt - und wo die Mieten infolge der Krise wieder bezahlbar sind. Zum Ausgehen, sagt Jana, komme sie trotzdem lieber nach Malasaña: "Hier geht man nicht wegen der Musik weg, hier geht man weg, um zu feiern. Mal laden die Clubs einen DJ ein, der Bossa Nova spielt, mal einen der Punkrock auflegt. Das gefällt mir."

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