Nachtleben in Tel Aviv:Wenn es dunkel wird, tobt der ungestüme Hedonismus

Lilienblum Tel Aviv Israel

Wer sich am Tag in die Lilienblum verirrt, der findet das Tel Aviver Gemisch aus Bauhaus und Bausünden.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Hier wohnt man nicht, sondern hetzt durch: Tel Aviv ist tagsüber eine von vielen hektischen Großstädten. Nachts aber zeigt sich auf der Lilienblum-Straße eine Metropole, die niemals schläft.

Von Peter Münch

Wenn es Nacht wird in der Lilienblum, dann parken die Autos auf dem Trottoir und die Menschen schlendern mitten auf der Straße. Die Hitze schleicht sich aus der Häuserflucht, es ist die Zeit des Aufatmens und Durchatmens. Unter dem Pflaster liegt immer noch der Strand, doch Badelatschen trägt hier ausnahmsweise kaum noch einer. Zwar ist der Weg zur nächsten Bar nie weit, aber jede Partynacht gleicht einem Gipfelsturm, und dafür braucht man festes Schuhwerk, gern auch hochhackig. Hinter bunt bemalten Ziegelmauern oder schwarzen Türen liegen die Attraktionen versteckt. Die Welt da draußen kann warten bis zum nächsten Morgen.

Die Rehov Lilienblum, benannt nach dem Gelehrten, Reformer und frühen Zionisten Mosche Leib Lilienblum, ist eine schmucklose Straße im Herzen Tel Avivs. Natürlich ist es eine Einbahnstraße, weil in dieser Stadt immer nur alles mit Volldampf in eine Richtung geht. Der Abschnitt zwischen der Herzl- und der Allenby-Straße misst gerade einmal 250 Meter, doch auf diesen 250 Metern Tel Aviv zeigt sich die ganze Vielfalt einer Metropole, die bis zum Umfallen stolz darauf ist, dass sie niemals schläft.

Wer sich zufällig am Tag in die Lilienblum verirrt, der findet das typische Tel Aviver Gemisch aus Bauhaus und Bausünden, angereichert durch Baustellen. Hier wohnt man nicht, hier hetzt man durch - oder man arbeitet in einer der vielen Bankfilialen und steht zur Pause rauchend vor dem Portal. Doch die Hauswände mit den halb zerfetzten Plakaten, die von kommenden oder längst verklungenen Partys künden, verweisen darauf, dass diese Straße ein Doppelleben führt. Hässlich bei Tage, und auch in der Nacht gewiss nicht schön - aber ziemlich aufregend.

Kulinarisch-erotische Beziehungen

Der Abend beginnt im Abraxas Nord, einem Restaurant des Promi-Kochs Eyal Shani. Auffällig geworden war er einst durch seine irgendwie kulinarisch-erotische Beziehung zu jungem Gemüse, konkret: Tomaten und Blumenkohl. Alles also wird mit Liebe gekocht und mit reichlich Hype garniert. Der Speisekarte zufolge "rastet" das Fleisch auf einem Brot oder "sitzt" auf einer Bruschetta. Es gibt ein Lamm-Gericht ohne Lammfleisch, und als Special von der Tageskarte preist die Kellnerin einen "Free Style Salad" an, "mit allem, was grün und weiß ist in der Küche".

Es ist ein Kult, wie er gern gepflegt wird in Tel Aviv, und deshalb sind sowohl die große Theke als auch die Tische draußen stets voll besetzt. Gewiss, man muss es mögen, dass die Bedienung bei Aufnahme der Bestellung ihren Fuß auf dem Stuhl platziert, und dass der Service nicht selten vom Coolen ins Arrogante hinüberlappt. Doch da muss durch, wer dazugehören will zur eingeschworenen Abraxas-Gemeinde - und sich anschließend gut gesättigt den Drinks nebenan zuwenden will.

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