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Nachhaltigkeit:Neue Neugier

Claudia Endrich und Johan Idema streiten in ihren Büchern für einen nachhaltigen Tourismus. Und kehren erst einmal vor der eigenen Haustür.

Ein Totenschädel prangt auf dem Sticker, nur dass sich anstelle zweier Knochen Selfiesticks mit Smartphones hinter dem Schädel kreuzen. Daneben steht: "Tourism kills the city". Ein Protest von Bewohnern, an einen Ampelmast geklebt - gegen Besucher, die ihre Stadt in einen Vergnügungspark umfunktionieren.

Das Foto steht am Beginn von Johan Idemas Büchlein "Richtig reisen - mehr erleben". Der Autor möchte Tipps für einen nachhaltigen Tourismus geben, unter ökologischen ebenso wie unter sozialen Aspekten - eine Einladung zum Umdenken, höflich formuliert, im Kern sehr bestimmt. Das Thema hat auch die Reiseliteratur erreicht. Einen weiteren Beleg liefert Claudia Endrich. In ihrem Buch "Das nächste Mal bleib ich daheim" problematisiert die junge Österreicherin während einer ausgedehnten Südamerikareise ihr eigenes Reiseverhalten, das typisch ist für ihre Generation und ihr Milieu. Es führt Menschen schon in jungen Jahren weit um die Erde, von Studiensemestern im Ausland zu Freiwilligendiensten und weiter auf Weltreisen.

Claudia Endrich selbst war in Senegal mit dem Vorsatz, Kindern zu helfen. Über das Erasmus-Programm hat sie in Kanada studiert, gemeinsam mit ihrem Freund ein paar Monate in Lima gelebt und, nachdem der dort sein Studium beendet hatte, jene Tour durch Südamerika gestartet, die im Zentrum ihres Buches steht. In dem halben Jahr zwischen dem Aufbruch in Ottawa und der Ankunft in Peru war Endrich in Toronto, auf Island, in München, Salzburg und Vorarlberg, dazu in Wien, Marseille und Madrid.

Um den eigenen Horizont zu erweitern, muss man nicht um die halbe Welt fliegen

Beide, Idema und Endrich, verteufeln das Reisen nicht. Im Gegenteil, sie können sich ein Leben ohne Erfahrungen in der Fremde nicht vorstellen. Jedoch argumentieren sie gegen den verbreiteten Egoismus von Touristen, die die Fremde konsumieren und, da sind sich die beiden Autoren einig, zu selten sich fragen würden, inwiefern auch die Besuchten von diesen Reisen profitieren. "Einer Sache bin ich mir inzwischen sicher: Große Reisen dienen vor allem unserem Ego. Das Notwendige an Horizonterweiterung und Perspektivwechsel", so Endrich, "kann ich im Umkreis von 1500 Kilometern genauso erleben."

Sie hat inzwischen einen hohen moralischen Anspruch an Reisende, auch an sich selbst - und scheitert immer wieder daran. Insofern ist sie das beste Beispiel dafür, wie schwer es fällt, das Privileg, die Welt kennenlernen zu können, nicht rücksichtslos zu nutzen. Sie erlebt an sich selbst, wie normiert diese Vielreiserei inzwischen ist und dass die mögliche Freiheit viel zu selten wahrgenommen wird. "Wenn du Mitte zwanzig bist und irgendwo zwischen Bobo, Yuppie und Hippie mäanderst, dann gibt es nichts Normaleres und Abgedroscheneres, als einen VW-Bus kaufen zu wollen", urteilt Endrich. Hinzu komme: Europäer, die sich in Südamerika die gebrauchten Vans gegenseitig weiterverkaufen, anstatt das Geld für Linienbusse und Hostels auszugeben, würden sich egoistisch verhalten und im Grunde auch nur auf andere Touristen treffen. Ihren "Lonely Planet"-Reiseführer verwendet Claudia Endrich irgendwann überwiegend nur noch als Negativfolie: um für sich alle Orte auszuklammern, die dort empfohlen werden.

Das erfordert von Reisenden ein Maß an Spontaneität, das in der gegenwärtigen Empfehlungskultur mittels sozialer Medien und Apps verloren geht, so die Diagnose. Das Siegel des Erprobten, von anderen bereits für gut Befundenen ist für die meisten jungen Weltreisenden extrem wichtig. Viel zu selten, beklagt Endrich, würden ihresgleichen ihr Milieu verlassen. Das hat sie auch im Studium festgestellt: Die Welt der Austauschstudenten sei ein eigener kleiner Mikrokosmos, der Kontakt mit den eigentlichen Stadtbewohnern oft rudimentär.

Johan Idema macht in "Richtig reisen - mehr erleben" einen charmanten Vorschlag: Das Prinzip "Meet a local", also einen Einheimischen zu treffen, um möglichst authentische Erfahrungen zu machen, lasse sich bereits zu Hause umsetzen: Warum nicht hier schon jemanden kontaktieren, der dort aufgewachsen ist, wohin man reisen möchte? Das steigere die Vorfreude, besser informiert trete man den Urlaub auch an. Vor Ort solle man das Prinzip dann fortsetzen. Dazu müsse man gar nicht ein Erlebnis mit Einheimischen buchen, was inzwischen vielfach angeboten wird. Sondern schlicht Bewohner nach einem Tipp fragen und nicht das Smartphone.

Im Sinne der zwei Autoren nachhaltig unterwegs zu sein, ist nicht nur positiv für die Umwelt und die besuchten Gesellschaften, so argumentieren sie, sondern auch für die Reisenden selbst. Weil die Eindrücke weniger oberflächlich sind und damit prägender.

Claudia Endrich: Das nächste Mal bleib ich daheim. Umweltbewusstsein im Gepäck. Edition Atelier, Wien 2020. 240 Seiten, 20 Euro.

Johan Idema: Richtig reisen - mehr erleben. Tipps für einen nachhaltigen Tourismus. Aus dem Englischen von Bettina Eschenhagen. Laurence King Verlag, Berlin 2020. 128 Seiten, 15,90 Euro.

© SZ vom 10.03.2020

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