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Nachhaltiger Kaffee und Kakao:Biobauern unter Palmen

Es ist viel Arbeit, bis aus Kakaofrüchten Schokolade wird. Etliche kleine Betriebe in Costa Rica nehmen die Produktion in die eigenen Hände.

(Foto: ICT)

Immer mehr kleine Betriebe und Kooperativen setzen auf den ökologischen Anbau von Kaffee und Kakao. Touristen können auf den Fincas übernachten und mitarbeiten.

Jonathan Castro Granados freut sich. "Endlich regnet es mal wieder so wie früher." Früher, vor dem Klimawandel, das muss ja fürchterlich gewesen sein. Es gießt in tropischen Strömen. Auf dem samstäglichen Wochenmarkt von Guadalupe kollidieren Regenschirme, von den Verkaufsstandplanen ergießen sich Sturzbäche - Oktoberwetter in San José.

Jonathan steht hinter seinem Stand, vor ihm die Auslage mit Blumenkohl, Brokkoli, Karotten, Kurkuma, Kräutern und Zwiebeln. Die "Férias", die Wochenmärkte, sind für einfache Costa-Ricaner ganz wichtig - und lohnen einen Besuch. Hier liegen Äpfel neben Avocados, Brombeeren neben Brotfrüchten, Kochbananen neben Kartoffeln.

Jonathan ist 24 Jahre alt und Biobauer. Um Bio ist auch in Costa Rica ein kleiner Boom entstanden. Rückenwind gaben der Entwicklung die rund 100 000 in Costa Rica lebenden Expats, die genug Geld haben, für gesunde Lebensmittel mehr zu bezahlen. Aber auch viele Costa-Ricaner wollen nicht mehr so viel Gift auf dem Teller haben. Das Land ist einer der größten Pestizidverbraucher weltweit. Nicht nur auf den Ananasmonokulturen, auch in kleinen Betrieben wird oft gesprüht, was das Zeug hält.

Für zertifizierten Biokaffee zahlen die Verbraucher gern einen höheren Preis

Von San José aus schraubt sich die Panamericana in langen Serpentinen die pazifische Küstenkordillere hinauf. Kurz vor dem meist in Nebel getauchten Cerro de la Muerte, dem Berg des Todes auf 3400 Meter Höhe, zweigt eine Straße ab in ein tiefes Tal. Mittendrin das Dorf Santa Maria de Dota, eines der Zentren des costa-ricanischen Kaffeeanbaus. Um das Dorf und die Hügel hinauf leuchtet das Dunkelgrün der Kaffeebüsche, dazwischen Bananenstauden oder Mangobäume, darüber Wald.

Anfang des Jahrtausends brachen die Kaffeepreise dramatisch ein, und Costa Rica mit seinen hohen Lebenshaltungs- und Produktionskosten war plötzlich nicht mehr konkurrenzfähig. Zahllose Kaffeebauern mussten aufgeben. In Santa María de Dota hat der Kaffee überlebt, der Grund dafür heißt Coopedota. Die Kooperative der Kaffeeproduzenten von Santa Maria de Dota liegt am Ortseingang. 1960 gegründet mit dem Ziel, den gesamten Herstellungsprozess in der eigenen Hand zu haben und so bessere Preise erzielen zu können, hat die Kooperative mittlerweile 900 Mitglieder.

Die Kooperative exportiert von der Rainforest Alliance zertifizierten Kaffee, also Kaffee, der nachhaltig und Regenwald schonend produziert ist. Fast 90 Prozent der Wälder um Santa Maria de Dota sind geschützt, die meisten davon noch Primärwälder. Viele Verbraucher sind bereit, für umweltfreundlichen Kaffee einen höheren Preis zu zahlen. Den Bauern von Coopedota bringt das nach Angaben von Manager Roberto Mata Naranjo ein Extra von gut 25 US-Dollar pro Zentner Kaffee.

Touristen können sich hier, zur Erntezeit zwischen November und März, den gesamten Kaffeeprozess anschauen, die Pflanzungen und die Ernte der roten Arabica-Kaffeekirschen auf den Hügeln, danach in der Aufbereitungsanlage das Schälen, Fermentieren, Waschen, Trocknen bis zum Rösten. Danach können die Besucher selbst verschiedene Kaffeekreationen zubereiten: Etwa den in Costa Rica populären "Chorreado", einen Filterkaffee, der durch ein Stoffsäckchen direkt in die Tasse gefiltert wird, oder aromatisierte und verzierte Cappuccino-Varianten. Am Ende warten Café und Verkaufsladen, wer will schon Santa María de Dota ohne ein Originalerzeugnis verlassen.

Santa Maria de Dota und Umgebung haben über den Kaffee hinaus einiges mehr zu bieten. Kleine Hotels mit charmanten Hütten, von denen aus die Gäste durch die Anbaugebiete, an klaren Bächen entlang und in den Bergwäldern wandern oder Ausflüge in andere Dörfern der touristisch noch wenig frequentierten Dota-Region machen können.

Während Kaffee erst im 18. Jahrhundert von Europäern nach Lateinamerika eingeführt wurden, waren Kakao und Schokolade lange vor Kolumbus Teil indigener Tradition. Der Weiler Mastatal ist eine Ansammlung von Gehöften auf einer staubigen Nebenstraße vom Bergstädtchen Puriscal hinunter zum Pazifik. Auf dreihundert Höhenmetern prägt tropisch feuchtheißes Klima Natur und Menschen. Tukane fliegen durch die Baumwipfel, Leguane aalen sich in der Sonne, Äffchen räkeln sich in den Baumkronen.

In der Gegend um Mastatal haben die Menschen jahrzehntelang von der Viehwirtschaft gelebt. Doch wegen der billigen Fleischimporte aus den USA machen die Rinderhaltung kaum noch Sinn, viele Menschen sind an die Pazifikküste oder nach San José gezogen. Die Familie der 26-jährigen Mariana Salazar Garcia ist in Mastatal geblieben - und widmet sich seit 30 Jahren dem Kakaoanbau. Der alleine reicht aber kaum zum überleben. Mariana und ihr Bruder haben ihre Eltern deswegen davon überzeugt, selbst Schokolade herzustellen und dazu auf Tourismus zu setzen.

La Iguana Chocolate heißt die Nische, die der Familie seither ein Auskommen garantiert. Hinter dem kleinen Bauernhaus mit großer Veranda steht ein einfacher, neuer Bau mit zwei Gästezimmern. Eine Rückwand fehlt, so können die Gäste in ihrem Bett mit dem großen Moskitonetz nachts den Grillen lauschen und morgens die Sonne über dem Regenwald auf den Bergkuppen aufgehen sehen.

Am Morgen präsentiert Mariana das kleine touristische Highlight der Finca: die Schokoladenproduktion. Auf einem einfachen Grill trocknet die Familie die Bohnen, die Kakaomühle wird mit einem Fahrrad angetrieben. Die Kakaomasse erhitzt Mariana in einem einfachen Topf, als Schokoladenmodeln dienen einfache Backformen. Ähnlich einfach wird feingewalzt, raffiniert, conchiert, kristallisiert. Am Ende stehen kleine Schokoladen, die fast nach belgischem Chocolatier schmecken. Hausgäste und Besuchergruppen dürfen mitmachen und sind begeistert.

In Mastatal werden Vögel heute nicht mehr gejagt, sondern den Touristen gezeigt

Für Mariana ist der gemeindebasierte Tourismus ein Segen. In Mastatal hat er ein Umdenken bewirkt, weg von der Mentalität, die Natur eher als für die Viehwirtschaft zu rodendes Hindernis anzusehen. Vögel würden nicht mehr gejagt und verkauft, sondern stolz den Gästen gezeigt. Zum Beispiel im nahegelegenen kleinen und wenig besuchten Nationalpark La Cangreja.

Und wem es nach Ausflügen in die Ökolandwirtschaft nach Erholung am Stand ist: Der Pazifik mit seinen tropischen Badeorten ist nur eine gute Autostunde entfernt.

Urlaub auf dem Biohof: Finca San Luís, westlich von San José, Führungen, Verkaufsladen: https://fincaorganicasanluis.business.site, Rancho Mastatal, Permakulturfarm in Mastatal, in unmittelbarer Nähe des Schokoladenprojektes, Übernachtungen, Kurse, Praktika: http://ranchomastatal.co m/

Kaffeetour: Coopedota Santa María de Dota: www.coopedota.com

Schokoladentour: La Iguana Chocolate, Mastatal, von San José über Puriscal Richtung Pazifik: www.laiguanachocolate.com