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Nach der Katastrophe in Nepal:Treck der Hilfsbereiten

Erdbeben in Kathmandu, Nepal

Eines der buddhistischen Wahrzeichen von Kathmandu hat das Erdbeben überstanden: Die mehr als 2000 Jahre alte Swayambhunath-Stupa stürzte nicht ein.

(Foto: dpa)

Trekking-Reiseveranstalter sammeln Spenden für Nepal und nutzen ihre Netzwerke zur Linderung der Not im Erdbebengebiet - auch im eigenen Interesse.

Von Hans Gasser

Normalerweise verkaufen sie den Traum von Himalaja-Gebirgswildnis und authentischer Kultur; doch wer zurzeit die Internetseiten von Trekking-Reiseveranstaltern besucht, stolpert bei vielen über Solidaritätsbekundungen und Spendenaufrufe für Nepal. "Wir können und müssen etwas tun", sagt etwa Christian Hlade, Chef des österreichischen Veranstalters Weltweit Wandern. "Unsere Zelte, Gaskocher, Stromaggregate, die sonst für die Trekkinggäste genutzt werden, verwenden wir nun für die Katastrophenopfer."

Man habe ein gutes Netzwerk in Nepal, mit mehr als 100 Mitarbeitern vom Guide bis zum Chef der Agentur, die normalerweise die Reisen innerhalb des Landes organisiert. "Dieses Netzwerk nutzen wir nun und bauen es zu einer Art Hilfsorganisation um", sagt Hlade. Informationen, wo Unterstützung gebraucht werde, erhalte man so oft schneller als manche Hilfsorganisation. Doch Hlade musste auch seine Grenzen erkennen: Ein Aufruf an Ärzte, sich zu melden, damit sie auf Kosten des Veranstalters nach Nepal fliegen, um dort Verletzte zu behandeln, scheiterte. Nicht, weil sich niemand bereit erklärt hätte, im Gegenteil: Mehr als 30 Ärzte riefen an, drei davon hätten gleich reisen können. Aber es sei wegen mangelnder Frachtkapazitäten in Flugzeugen nicht gelungen, medizinisches Material nach Nepal zu schicken. "Und ein Arzt ohne Ausrüstung macht keinen Sinn."

Bei der Nothilfe stößt man an Grenzen

Er habe lernen müssen, sagt Hlade, dass die erste Katastrophenhilfe im Normalfall von großen Organisationen wie Humedica oder Ärzte ohne Grenzen besser geleistet werden könne. Dies auch vor dem Hintergrund der Kritik von UN-Nothilfekoordinator Albrecht Beck, dass Rettungsteams angereist seien, obwohl sie gar nicht mehr gebraucht würden. Er beklagte auch fehlende Koordinationsbereitschaft der verschiedenen nationalen und privaten Teams.

Hlade will sich jetzt auf langfristige Aufbauhilfe konzentrieren, wofür er bereits 100 000 Euro an Spenden gesammelt hat. "Die Spendenbereitschaft ist groß, vor allem unter jenen, die schon mal in Nepal waren", sagt er. Unter anderem will er das Geld in den erdbebensicheren Wiederaufbau eines von ihm mit aufgebauten Kinderheims bei Kathmandu stecken. Es ist völlig zerstört worden, von den 50 Kindern wurde nur eines verletzt.

Auch die deutschen Trekking-Reiseveranstalter engagieren sich nun, nachdem sie in einem ersten Schritt ihre Gäste in Sicherheit gebracht haben, für Hilfsmaßnahmen im bitterarmen Nepal. Hauser Exkursionen etwa hatte zwei Gruppen im Land, die unversehrt wieder nach Deutschland zurückreisen konnten, auch die vier Gruppen des Summit Clubs des Deutschen Alpenvereins überstanden das Erdbeben und sind wieder zu Hause. Im bei Urlaubern beliebten Langtang-Nationalpark wurden aber bei einem Erdrutsch, der den Ort Langtang mit 55 Gästehäusern zerstörte, mindestens 400 Menschen getötet, darunter wohl viele Ausländer; drei Deutsche wurden tot geborgen, weitere werden vermisst. Bisher hat Nepal 7600 Erdbebentote gezählt.

"Das große Problem ist, dass die Hilfe noch immer nicht in entlegene Gebiete kommt", sagt Manfred Häupl, Geschäftsführer von Hauser Exkursionen. Als Soforthilfe lasse man die Sirdars und Sherpas, die für Hauser arbeiten, Zelte und Ausrüstung aus eigenen Beständen in ihre Heimatdörfer bringen. "Die Dorfgemeinschaften halten zusammen, da besteht keine Gefahr, dass die Unterstützung nur den Familien unserer Mitarbeiter zugutekommt", so Häupl. Die Spendenbereitschaft seiner Kunden sei "unglaublich hoch".

Hauser arbeitet eng mit der in Bad Wiessee ansässigen Edmund-Hillary-Stiftung zusammen, einem Tochterverein des Himalayan Trust. Der betreibt 60 Schulen und Krankenhäuser, unter anderem ein großes in Phaplu in der Everest-Region. Von dort seien jetzt Ärzteteams in die abgelegenen Täler des Solo-Khumbu-Gebietes aufgebrochen. "Uns geht es vor allem darum, mit den Spenden langfristig den Wiederaufbau zu unterstützen, das Land nicht im Stich zu lassen, wenn die Medien und die Retter weg sind", so Häupl.

Auch von anderen Trekking-Veranstaltern wie Wikinger und DAV Summit Club ist Ähnliches zu hören: Mit Zelten, Schlafsäcken und Kochern will man in den entlegenen Dörfern helfen. Schwierigkeiten mit dem Zoll und Restriktionen für Spendenkonten im Land führen aber zu Unsicherheit. Viele Veranstalter schicken deshalb in den nächsten Wochen Mitarbeiter nach Nepal; einerseits, um zu sehen, wie man die Spendengelder am besten einsetzen kann, andererseits, um sich ein Bild von der Zerstörung zu machen und zu sondieren, wann wieder Reisen möglich sind.

"Nach der Nothilfe ist ganz sicher die beste Hilfe: wieder hinreisen", sagt Summit-Club-Geschäftsführer Manfred Lorenz. "Es herrscht große Angst, dass die Touristen wegbleiben. Das wäre die zweite Katastrophe." Dieser Meinung sind alle Veranstalter. 20 000 Deutsche reisen laut Deutschem Reiseverband jährlich nach Nepal, der Tourismus ist ein wichtiger Devisenbringer. Bis Juli wurden alle Reisen abgesagt, aber für die nächste Trekkingsaison, die im September beginnt, wollen fast alle wieder Gruppen hinbringen.

"Die Wanderwege werden ja auch von den Einheimischen genutzt, die werden bald wieder hergerichtet sein", ist Hauser-Chef Häupl überzeugt. Bei den Kulturtouristen könnte es länger dauern. In Kathmandu und Bhaktapur wurden viele Tempel und Stupas zerstört oder schwer beschädigt, die dritte Königsstadt Lalitpur (Patan) soll weniger stark betroffen sein. Insgesamt sind laut Unesco drei Viertel der kulturellen Bauwerke im Kathmandu-Tal schwer beschädigt.

"Wir haben Stornierungen, aber auch schon wieder erste Buchungen für den Herbst", bekunden gleich mehrere Veranstalter auf SZ-Anfrage. "Die Gäste wollen damit einfach ihre Solidarität zum Ausdruck bringen", so Lorenz.

© SZ vom 07.05.2015
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