Mythos Südsee:Aloha, oh je!

Das Paradies im Kopf: Weißer Sandstrand, Frauen im Baströckchen und süße Früchte. Die hartnäckigsten Mythen über die Südsee - und was wirklich dahintersteckt.

Margit Kohl und Jochen Temsch

9 Bilder

-

Quelle: SZ

1 / 9

Mit James Cook fing alles an. Der britische Seefahrer brachte im 18. Jahrhundert Artefakte und Berichte aus den unbekannten Weiten des Pazifischen Ozeans mit, die seitdem die Phantasie der Menschen erhitzen. Die an diesem Freitag beginnende Ausstellung "James Cook und die Entdeckung der Südsee" in der Bonner Bundeskunsthalle zeigt Hunderte dieser kostbaren Objekte. Den Mythos der Südsee aber transportierten vor allem die europäischen und amerikanischen Künstler. Paul Gauguin malte, liebte und starb auf den Inseln Französisch-Polynesiens. Marlon Brando spielte den Ober-Meuterer auf der Bounty. Im Pazifik stationierte GIs trugen das Flair vermeintlich paradiesisch wilden Inseltreibens in die USA der Nachkriegsjahre, wo es Teil der Popkultur wurde. Auch Elvis schwamm auf dieser Modewelle und klampfte die Ukulele. In Deutschland bedienten Schlagersänger wie Tony Marshall (Foto) die Sehnsucht nach Exotik. Für seinen Hit "Bora Bora" wurde er zum Ehrenbürger der gleichnamigen Insel ernannt. Die Klischees über die Südsee halten sich auch aus einem banalen Grund so hartnäckig: Die Inseln sind so abgelegen, dass man sich nur schwer davon überzeugen kann, wie es dort wirklich ist.

Foto: dpa

-

Quelle: SZ

2 / 9

Die Palmen sind grün, der Sand ist weiß und es scheint immer die Sonne

Genauso haben wir uns das Südseeleben immer vorgestellt: weit und breit kein Mensch am Strand. Die Lagune schimmert türkisblau, und die Palmen biegen sich geschmeidig hinunter bis zum Strand, wo die Meeresbrandung einem sanft die nackten Füße umspült. Exakt so ist es dann auch fast 30 Flugstunden später. Nur ein wenig heiß ist es, um die 30 Grad, und schwül ist es auch, bei etwa 90 Prozent Luftfeuchtigkeit. Das führt dazu, dass sich sämtliche Kleidungsstücke permanent ein wenig klamm anfühlen. Immerhin sorgt das Treibhausklima für eine kostenlose Wellnessdreingabe, sodass sich selbst die faltigste Haut bald zart wie ein Babypopo anfühlt. Nur schwimmen kann man vielerorts nicht, denn das Wasser geht einem in der flachen Lagune oft nicht mal bis zum Bauchnabel. Da ist es dann auch nicht so schlimm, wenn man auf Atiu, einer jener fast strandlosen Cook Inseln, gelandet ist, die sich vorwiegend durch scharfkantigen Korallenstein auszeichnet. Wer gleich in der Monsun-Saison anreist, braucht sich wegen fehlender Sandstrände sowieso keine Gedanken machen, denn es schüttet unaufhörlich wie aus Kübeln. Weshalb man am besten die Hütte gar nicht erst verlässt. Der globale Klimawandel macht ohnehin nicht einmal an der Pforte zum vermeintlichen Paradies halt. Bereits vor zehn Jahren gingen auf Huahine in Französisch-Polynesien zum ersten Mal Hagelkörner nieder. Die waren bei der Hitze allerdings so schnell dahingeschmolzen, dass selbst das eilig angerückte Lokalfernsehen die Sensation nicht mehr filmen konnte.

Foto: dpa

-

Quelle: SZ

3 / 9

Die süßen Früchte fallen einem von selbst in den Mund

Welch üppiger Garten Eden in den Tropen gedeiht: An den Palmen baumeln Kokosnüsse, Stauden biegen sich vor reifen Bananen und Maracujas. Aber weil man es im Paradies mit der Plackerei nicht übertreiben soll, kultiviert jeder im Garten nur das, was er selbst braucht. Nachhaltigkeit nennt man das bei uns. Dumm gelaufen, heißt es in der Südsee, wenn man als Reisender auf einer besonders abgelegenen Insel gestrandet ist. Das Versorgungsschiff ist seit Wochen überfällig, es gibt kein Gasthaus, und der einzige Inselladen hat allenfalls noch Konserven auf Lager. Obst und Gemüse führt er wegen der Selbstversorgung der Einheimischen prinzipiell nicht. Weshalb man sich am besten auf den Weg zum nächsten Nachbarn macht. Weil dieser eine Bezahlung als schiere Beleidigung empfinden würde, erinnert sich der Fremde an das alte Gemeinschaftsprinzip, nach dem auf den Inseln alles allen gehört, und tauscht sein T-Shirt gegen köstliche Früchte ein. Die Nachbarn sind allerdings irritiert, dass man nicht lieber eine der angebotenen Thunfischdosen haben möchte, die sie meistens direkt im Supermarkt angeln gehen.

Foto: iStock

-

Quelle: SZ

4 / 9

Hier ist die Natur noch intakt

Die badende Gesellschaft in Europa hatte sich gerade vom züchtigen Badekostüm verabschiedet, als der französische Couturier Louis Réard 1946 in Paris den ersten Bikini auf dem Laufsteg präsentierte. Viel nackte Haut, nur das Nötigste bedeckt - Réard war sich sicher, das würde einschlagen wie eine Bombe. Deshalb nannte er seine Kreation Bikini, in Anlehnung an die ersten Atombombenversuche der Nachkriegszeit, die kurz zuvor auf dem gleichnamigen Atoll gestartet worden waren. Die moralische Entrüstung war ihm damit ebenso sicher. Noch bis 1996 zündeten die USA, Großbritannien und Frankreich zu Testzwecken mehr als 300 Atombomben in der Südsee - mit verheerenden Folgen. Das Mururoa-Atoll (Foto), in der Landessprache bedeutet der Name "großes Geheimnis", ist bis heute ein ebensolches. In dem Sperrgebiet lagern in Hunderten Bohrschächten noch immer große Mengen radioaktiven Mülls. Dass das Thema nicht der Vergangenheit angehört, mag daran liegen, dass man mit Atommüll jede Menge Geld verdienen kann. Das hat das Königshaus von Tonga vor einiger Zeit erst auf die absurde Idee gebracht, den Industrieländern einen erloschenen Vulkankrater als Endlager anzubieten.

Foto: AP

-

Quelle: SZ

5 / 9

Man schläft in der blauen Lagune

Bereits die frühen polynesischen Siedler haben Pfahlbauten in der Nähe von fischreichen Plätzen in der Lagune errichtet. Allerdings dienten die Hütten der Arbeit, gewohnt wurde an Land. So mag es den Einwohnern von Moorea ein wenig seltsam vorgekommen sein, als drei kalifornische Aussteigerjungs in den 1960er Jahren ein Hüttchen auf Stelzen ins Wasser stellten, ein Geviert unter dem Couchtisch verglasten und auf Touristen warteten. Kelley, Muk und Jay - besser bekannt als die Bali Hay Boys - gelten quasi als Erfinder jener Overwaterbungalows, wie sie sich seither zuhauf in den Lagunen finden. Der Zimmerservice rudert für gewöhnlich teuer importierte europäische Spezialitäten im Kanu an, und die Gäste lassen vieles davon durch die Öffnung im Glasboden wandern, um die bunten Fischchen zu füttern. Die Arbeit am Paradiesimage hat natürlich ihren Preis, gilt doch die Südsee bis heute als Luxusdestination schlechthin. Viele Gäste zahlen bereitwillig ein teures Eintrittsgeld für eine traumhafte Landschaft, die sie nur mit wenigen teilen müssen. 500 Euro für eine Übernachtung ohne Frühstück sind keine Seltenheit. Nicht, dass es keine preiswerteren Unterkünfte gäbe, nur werden diese bislang vorwiegend von Einheimischen für den Wochenendurlaub genutzt. Auf Samoa lässt es sich schon für umgerechnet zehn Euro die Nacht authentisch in einer Fale übernachten, wenn man sich mit der einfachen Ausstattung und auch damit arrangieren kann, dass hier fast nichts im Verborgenen bleibt. Außenwände gibt es nicht. Denn meist handelt es sich bei einer Fale nur um eine Plattform auf Stelzen mit einem Dach darüber. Bei Bedarf kann man immerhin Jalousien aus geflochtenen Matten herunterlassen.

Foto: AP

-

Quelle: SZ

6 / 9

Die Frauen tragen Baströcke und lassen alle Hemmungen fallen

Die Schönheit der Tahitianerinnen ist so legendär wie ihre Freizügigkeit. "Der Anblick verschiedener solcher Nymphen, davon die eine in dieser, jene in einer anderen verführerischen Positur behänd um das Schiff herumschwamm, so nackt als die Natur sie gebildet hatte, war mehr denn hinreichend, das bisschen Vernunft ganz zu blenden, das ein Matrose zur Beherrschung der Leidenschaften noch übrig haben mag", notierte schon Georg Forster, der als junger Naturforscher zur Mannschaft von Captain Cook gehörte. Das verheißungsvolle Bild der barbusigen, höchstens mit Kokosnuss-Bikini angetanen Hulatänzerin hat sich als Südsee-Ikone schlechthin etabliert. Auf den Inseln sieht man solche Outfits höchstens auf Folklorespektakeln. Mit der Freizügigkeit ist es nicht weit her, was sich auch an der umgekehrten Wahrnehmung zeigt. So erzählt man sich etwa im Norden von Savaii, das zu Samoa gehört, alle Touristinnen seien leicht zu haben. Vor Jahren hat sich dort einmal eine Urlauberin mit einem Gärtner eingelassen - darüber reden die Einheimischen noch heute.

Foto: dpa

-

Quelle: SZ

7 / 9

Die Missionare haben ganze Arbeit geleistet

Schon Paul Gauguin, der sich auf Tahiti trotz seiner Syphilis über minderjährige Mädchen hermachte, beklagte deren Christianisierung. In den 100 Jahren, die seit der Entdeckung Tahitis vergangen waren, hatten die Missionare das traditionelle Leben der Insulaner zerstört. Gegen die Nacktheit verordneten sie lange Kleider, von denen die Menschen in der schwülen Hitze krank wurden. Mystische Kulte untersagten die Kirchenmänner. Heute ist man auf manchen Inselgruppen so katholisch wie im Vatikan. Druck üben vor allem konservative Clanchefs und Priester aus, die über alle Details des täglichen Lebens wachen. In den Kirchen wird laut verlesen, wer wie viel spendet, weshalb sich die Gläubigen oft hoch verschulden, um sich gegenseitig überbieten zu können. Andererseits gibt es zum Beispiel auf Tahiti kirchliche Projekte, die sich für die traditionellen Formen der Spiritualität und die Pflege der alten Kultstätten einsetzen. Da betätigt sich die Kirche als Bewahrerin der Kultur, die sie einst zerstörte. Die als Souvenir beliebten Tikis jedoch - geschnitzte, phallusförmige Götterfiguren - sind großteils made in China.

Foto: AFP

-

Quelle: SZ

8 / 9

Die Menschen sind freundlich und lachen den ganzen Tag

Vor allem sind die Menschen müde. Wenn man in Apia, Papeete oder Nuku'alofa aus dem Flieger steigt, prallt man auf eine Welt in Zeitlupe. Alles schlappt und schlurft daher wie beim Schlafwandeln. "Polynesian paralysis" nennen amerikanische Touristen jenes inseltypische Wachkoma, das sich durch zu viel Monotonie unter Palmen einstellt. Es gibt weder Eile noch verlässliche Terminabsprachen. Ein tahitianisches Sprichwort lautet: "Die Kokosnuss wird gegessen, wenn sie vom Baum fällt." Das heißt aber auch: Das Getränk wird serviert, sobald sich die Kellnerin an die Bestellung erinnert - manchmal erst nach dem Essen. Schiffe fahren, wenn sie ablegen. Hotelangestellte erscheinen zur Arbeit, wenn das Wetter zu schlecht zum Baden ist. So kann man etwa auf Bora Bora schon mal einen entnervten, europäischen Resortbetreiber erleben, der verkündet: "Wenn ich nicht mindestens zweimal im Jahr in die Zivilisation fliege, werde ich wahnsinnig." Inzwischen hat er seine Bungalows verkauft.

Foto: dpa

-

Quelle: SZ

9 / 9

Wer einmal hier ist, will nie wieder weg

Vor der Abreise haben wir uns daran erinnert, dass West-Samoa zwischen 1899 und 1914 deutsche Kolonie war, und deshalb dem Honorarkonsul in Apia gleich rein prophylaktisch einen Einbürgerungsantrag geschickt. Überrascht war der keineswegs, bekommt er doch von Deutschen etwa drei bis vier Anfragen dieser Art pro Monat. Auf die koloniale Vergangenheit zu verweisen, erhöht die Chancen jedoch nicht, außer man bringt das nötige Geld zum Leben gleich mit. Doch warum sollte man ausgerechnet in die Südsee auswandern, wo es doch die meisten Einheimischen offenbar ziemlich eilig haben, von dort wegzukommen? Inzwischen leben oft mehr Insulaner im Ausland als in ihrer Heimat. Denn in archaischen Familiensystemen wie auf Samoa hat jeder für das Gemeinwohl aller zu sorgen, persönliche Interessen müssen zurückstehen. Was der Clanchef entscheidet, gilt als unwiderruflich. Diese Lebensweise funktioniert allerdings nur, solange die Menschen ihre bescheidenen Verhältnisse mangels Internet und Fernsehen nicht als Defizit empfinden. In Relation zur Bevölkerungszahl hat Samoa inzwischen mit die meisten Selbstmorde weltweit, denn nicht jeder hat das nötige Geld, der Südsee für immer den Rücken zu kehren. So erging es auch Paul Gauguin, als er zurück nach Europa wollte. Das Bild, das sich nach seinem Tod auf Hiva Oa auf der Staffelei seines Ateliers fand, zeigt eine bretonische Winterlandschaft. Sein Traum vom Südseeparadies war am Ende längst dem Traum von Schnee in der alten Heimat gewichen.

Foto: dpa

(SZ vom 27.8.2009/af)

© sde
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB