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Mythos New York: Die hochmoderne Stadt:Wohnen in New York: Verbrühungsgefahr und Lustbelästigung

Ganz so schlimm kommt es dann meistens doch nicht: verlassene Couch in Williamsburg (mit Hipster-Humor).

(Foto: Johanna Bruckner; Illustration Jessy Asmus)

Die hochmoderne Skyline vermittelt das falsche Bild. Wenn es ums Wohnen geht, ist in New York vieles (schlecht) improvisiert.

Der Blick auf die Skyline von Manhattan ist ein Versprechen: das Versprechen von Luxus und nie erlebtem Komfort, von Technologie auf dem neuesten Stand. Wer solch irre und zugleich irrsinnig schöne Türme aus Stahl und Glas zustande bringt, welche Annehmlichkeiten wird der sich erst für die Inneneinrichtung überlegt haben? Denkt man. Vielleicht hat man dabei Fotos der Trump-Familie im Kopf, Donald, Melania und der kleine Barron, wie sie im Trump Tower in ihrem vergoldeten Wohnzimmer beim Abendessen sitzen. Nicht, dass man sich Vergleichbares leisten könnte - oder wollte -, die Idee ist vielmehr: In New York lässt es sich gut wohnen.

Dieses Bild bekommt erste Risse, wenn man sich vom Flughafen JFK wegbewegt. Möglichkeit eins: die U-Bahn. Während der öffentliche Nahverkehr in anderen Metropolen der ganze Stolz der Stadtoberen ist - hochmoderne, windschnittige Züge, in denen die Haltestellen von wohlmodulierten Computerstimmen in fünf Sprachen angesagt werden -, stellt man in New York relativ schnell fest: Die Halteringe sind nicht zur Zierde da. Die Waggons aus den Siebzigern (geht man nach den Hartschalensitzen in unattraktiven Farben) rumpeln über die Schienen - bis Manhattan ist man so gut durchgeschüttelt wie eine Margarita. Und das Umsteigen an mancher Station gleicht einem Super-Mario-Spiel: rauf, geradeaus, zwei Treppe runter, error, wieder eine Etage hoch. Vielleicht doch mal jemanden fragen?

Städtevergleich

Wie Megastädte mit Wohnungsnot umgehen

Die meisten Touristen setzen sich nach dem langen Flug ohnehin lieber in ein Taxi. Dort hält allerdings der Ausblick eine Enttäuschung bereit: Die kleinen Reihenhäuser entlang des Highways Richtung Manhattan sind vom Wohnzimmer der Trumps in etwa so weit entfernt wie der Präsident von jenen Menschen, für die er zu kämpfen vorgibt. Und das sind noch die architektonischen Erfolgsgeschichten. Die Außenbezirke von New York bieten vielerorts ein Bild der Trostlosigkeit: nie fertiggestellte Gebäude, kaputte Fenster, die mit Spanplatten notdürftig abgedeckt wurden, und Müll, so viel Müll. Stellenweise sieht es so aus, als habe es leere Getränkedosen und Plastikverpackungen vom Himmel geregnet.

Aber es ist nur ein kurzer Einblick, nach etwa vierzig Minuten fährt das Taxi aus dem Queens-Midtown Tunnel - und da ist sie wieder, die Welt, die man erwartet hat. Der nächste Realitätscheck lässt allerdings nicht allzu lange auf sich warten, denn irgendwann muss jeder mal auf die Toilette. Die ist im besten Fall sauber, wenn auch ein bisschen wunderlich: In der Schüssel ist mehr Wasser als in manchem Heim-Aquarium und beim Abziehen fühlt man sich womöglich an jene Horrorgeschichten erinnert, in denen Menschen von den Hotelpool-Pumpen angesogen werden. Oder anders formuliert: Wäre Zeichentrickfisch Nemo anstatt im Waschbecken in einer amerikanischen Toilette hinuntergespült worden, wäre der Film vermutlich nicht für Kinder zugelassen worden.

Gnadentod für unwillkommene Haustiere

Wenn wir schon mal beim Stichwort Tiere sind: Unwillkommene Haustiere sind in New York eine Realität. Bei cockroaches, also Kakerlaken, hilft im Zweifelsfall der Kammerjäger, den viele Hausbesitzer einmal im Monat bei ihren Mietern vorbeischicken. Bei größeren Tieren muss man mitunter selbst ran. Ein Kollege erzählte mir, dass in seiner Küche regelmäßig Mäuse an den Klebefallen hängenbleiben, die eigentlich für kleineres Ungeziefer gedacht seien. Beim ersten Mal hätten seine Frau und Kinder noch darauf gedrängt, dass ein Tierarzt verständigt werden müsse - mittlerweile verlasse sich seine Familie stillschweigend darauf, dass er der Maus einen Gnadentod bereite.

Aber zurück zum Thema Sanitäranlagen. Toiletten kommen im schlechteren Fall nicht nur mit loser Klobrille daher - beim anschließenden Händewaschen droht auch eine Verbrühung, weil man unbedachterweise nur einen der beiden Hähne aufgedreht hat. Das optimale Einstellen von Wasserhähnen kann in New York sehr zeitaufwendig sein. Zeitaufwendig im Sinne von: Versuchen Sie es als Tourist gar nicht erst, finden Sie sich mit kaltem Wasser ab. Selbst Menschen, die hier leben, brauchen in einer neuen Wohnung mitunter Monate, um beim morgendlichen Duschen auf Anhieb eine nicht gesundheitsgefährdende Temperatur zu produzieren. Und ja, es ist ganz normal, dass der Duschstrahl die Stärke eines leichten Frühlingsschauers hat.

Tipps für die nächste Reise nach New York:

Für alle, die sich selbst ein Bild machen wollen: Der Wohnstandard in erschwinglichen New Yorker Hotels ist nicht besser als in den meisten Privatwohnungen (gerade wenn es um Sanitäranlagen geht) - warum dann nicht gleich das authentische Erlebnis buchen? Viele New Yorker bieten Übernachtungsgästen ein Zimmer oder eine Couch an. Nicht enttäuscht sein, wenn der Vermieter kein Willkommens-Dinner bereithält oder sich umgehend als Fremdenführer anbietet: Für die meisten ist das ein Geschäft - sie brauchen schlicht einen Zuschuss zur Miete. Andererseits hat man mit ein bisschen Glück die Chance, auf eine der legendären New Yorker Dachterrassen zu gelangen.

Für Architekturfans: Es gibt in den USA wenige Städte mit so vielen unglaublichen Gebäuden wie New York. In ein paar Jahren soll hier wieder der höchste Skyskraper der Welt stehen - in Bogenform. Wer sich bis dahin die Stadt von jemandem erklären lassen will, der vom Fach ist, kann das tun: So bietet zum Beispiel das Netzwerk "Guiding Architects" von Architekten und Stadtplanern geführte Touren. Mehr Informationen gibt es hier.

Für Gartenliebhaber: Die wenigsten New Yorker haben den Luxus eines eigenen Stück Grüns (selbst Kinderspielplätze sind hier betoniert). Wer sich einfach mal ins Gras legen und in den Himmel gucken möchte, kann das in einem der öffentlichen Parks tun - oder auf der Terrasse des Hotels "The William Vale" in Williamsburg. Der Zugang ist (noch) gratis, genauso wie der unglaubliche Blick auf die Skyline von Manhattan. 111 N 12th Street, Ecke Wythe Avenue, mehr Informationen gibt es hier.

Das hochtechnisierte New York ist also ein Mythos, zumindest wenn es ums Thema Wohnen geht. Vieles ist hier aus der Not heraus geboren. Weil der begrenzte Platz optimal genutzt werden muss, lassen sich die Fenster nicht nach innen, sondern nach oben öffnen - wenn sie sich denn öffnen lassen und nicht seit Jahrzehnten irreparabel verzogen sind. Wobei das schon wieder ein Luxusproblem ist: In dieser Stadt werden durchaus auch WG-Zimmer ganz ohne Fenster angeboten. Tageslichtzugang ist optional.

Ein Freund von mir hat zuletzt in einem Keller gewohnt, also nicht Souterrain oder Tiefparterre, sondern in einem richtigen Keller: komplett mit Heizungsrohren an der Decke und dem Gerümpel seines Vermieters in den Regalen. Für 1700 US-Dollar im Monat.

Man möchte seinen Mitmenschen ungern noch näher kommen

Vor lauter Wut über so viel Dreistigkeit würde man am liebsten gegen die Wand treten - wenn man nicht Gefahr liefe, mit dem Fuß steckenzubleiben. Mal davon abgesehen, dass ein solch gewaltsamer Durchbruch in die Nachbarwohnung vermutlich teuer wäre: Man möchte seinen Mitmenschen ungern noch näher kommen. Die dünnen Wände lassen einen so schon an Telefongesprächen und, nun ja, anderen Freizeitbeschäftigungen der Nachbarn teilhaben. Sich selbst ein Kissen aufs Ohr zu drücken, hilft bei nächtlicher Lustbelästigung nur begrenzt, denn unter der Produktbeschreibung "Kissen" werden in New York auch aus Schaumstoff geschnittene Rechtecke verkauft. Ab einer Größe von 90 mal 200 Zentimetern gelten diese im Übrigen als "Matratzen".

Wer hier länger bleibt, entwickelt eine ganz neue Dankbarkeit, wenn es ums Wohnen geht. Und entdeckt neue Versprechen für sich. Beispielsweise das relative Qualitätsversprechen einer großen schwedischen Möbelhauskette. Da weiß man, was man bekommt.

Mythos New York - eine Serie

"Die Stadt, die niemals schläft", "Metropole der Singles", "unbezahlbar" - Reisende haben viele Bilder im Kopf, wenn sie New York City besuchen. Aber was ist dran an den Klischees? In der Serie "Mythos New York" macht unsere neu angekommene Korrespondentin den - ganz subjektiven - Realitätscheck.