MS Europa Wie der Fisch aufs Schiff kommt

Die Versorgung von Gästen und Mannschaft an Bord eines Kreuzfahrtschiffes erfordert präzise Planung und Flexibilität

Von Von Marion Zellner

Prickelnder Champagner, schwarzer Kaviar, frische Austern, cremiges Eis, duftender Kaffee -- und das alles bei strahlender Sonne an Deck eines der begehrtesten Kreuzfahrtschiffe der Welt. Was kann man sich da noch wünschen? "Eine ganz spezielle Margarine zum Beispiel", weiß Oliver Gerbig.

Die MSA Europa fährt an den Landungsbrücken vorbei in den Hamburger Hafen ein.

(Foto: Foto: AP)

Was auf Anhieb so banal klingt, ist in Wahrheit eine logistische Herausforderung der Extraklasse. Schon allein deshalb, weil Gerbig, auf der MS Europa Herr über alle Waren und Vorräte, samt seinen Mitarbeitern mitten auf einem der sieben Weltmeere nicht einfach in den nächstgelegenen Supermarkt gehen kann.

Trotzdem muss eben dieser gewünschte Brotaufstrich schnell und frisch an Bord gelangen. Denn auf dem Kreuzfahrtschiff gilt die Devise: "Wünsche werden rund um die Welt erfüllt." Da kennt Josef Gruber, Hotel-Manager der MS Europa, kein Pardon.

Aber es sind nicht nur die unvermittelt geäußerten Sonderwünsche eines besonders geschätzten Gastes, die die Versorgung eines Kreuzfahrtschiffes zu einer Aufgabe machen, die absolute Präzision und bis ins Detail lückenlose Vorbereitung erfordert. Schließlich beherbergt das schwimmende Luxus-Hotel — 198,6 Meter lang, 24 Meter breit — bis zu 408 Passagiere und rund 270 Besatzungsmitglieder.

Die MS Europa, 1999 in Finnland gebaut und Flaggschiff der Reederei Hapag-Lloyd, legt jedes Jahr im Schnitt 83 000 Seemeilen zurück — umgerechnet etwa 150 000 Kilometer, also gut drei Mal um die Welt; mehr als 150 Häfen weltweit werden dabei angelaufen. Dafür, dass es an Bord an nichts fehlt, sorgen die Sea Chefs in Hamburg — die Spezialität des Unternehmens ist Einkaufen in großem Stil, hier wird alles besorgt und organisiert, was vom Schiff per Satellit geordert wird: "Wir bringen das Land an Bord", so Stefan Femerling.

Als das Kreuzfahrtschiff vor wenigen Tagen — nach dem Routine-Werftcheck im Zwei-Jahre-Rhythmus — den Hamburger Hafen wieder verließ, waren die Lagerräume mit rund 200 Tonnen Ladung frisch gefüllt. "Das reicht aber nur für die nächsten sechs Wochen", rechnet Logistiker Gerbig vor.

In den Katakomben des Schiffes lagern auf mehr als 650 Quadratmeter Fläche rund 20 000 verschiedene Artikel: ob Hummer und Handtücher, Bier oder Besteck, ob Trüffel und Toilettenpapier oder Schwertfische und Stecknadeln. Elf Kühlräume gibt es, das mit 150 Quadratmeter größte Einzellager ist auschließlich für edle Weine reserviert.

Täglich kontrolliert Gerbig den Bestand bis ins Detail. Jede Kleinigkeit, die aus einem der Lager genommen wird, wird im bordeigenen Computersystem ausgebucht und erscheint so auf Gerbigs PC als Minus.

Und das summiert sich: Auf einer zehntägigen Seereise werden unter anderem knapp zwei Tonnen Fleisch, 1,3 Tonnen Fisch, 380 Kilo Lobster, gut sieben Tonnen Obst, mehr als fünf Tonnen Gemüse und Kräuter, 1200 Liter Milch, 7550 Eier, 2360 Flaschen Bier, 8380 Flaschen Wasser, 120 Kilogramm Kaffee und 1200 Rollen Toilettenpapier verbraucht. Das und mehr muss im nächsten Hafen wieder nachgebunkert werden — für die Sea Chefs in Hamburg ein imposanter Einkaufszettel.

Bei Gerbigs Bestellungen spielt aber neben der Vervollständigung der Grundausstattung auch die jeweilige Reiseroute der MS Europa eine große Rolle. Denn: "Wir wollen unseren Gästen auch Landestypisches bieten", so Küchenchef Fritz Pilcher.

Frisches Lamm vor Irland ist ebenso selbstverständlich wie argentinisches Rind vor Südamerika oder ein russisches Abendessen vor den Toren von St. Petersburg. Um alles immer und überall frisch auf Büfett und Teller bringen zu können, müssen sich Pilcher und seine 47 Mitarbeiter umfassende Küchencrew auf die Hamburger verlassen.

Da die Fahrtrouten der MS Europa bereits Monate im Voraus klar sind, können Unverderbliches und Tiefkühlkost per Container in die jeweiligen Häfen dirigiert werden. Frische Produkte wie Obst und Gemüse werden über ein festes Netz aus weltweit etwa 500 Zulieferern organisiert.

"Wir gehen aber auch auf die lokalen Märkte", erklärt Küchenchef Pilcher. Schließlich muss die Qualität bei einem Schiff, das in der Kategorie "fünf Sterne plus" fährt, stets und ohne Ausnahme stimmen. Zumal sich der Gast seinen Kreuzfahrt-Urlaub rund 500 Euro am Tag kosten lässt.

Und so gilt jederzeit höchste Aufmerksamkeit, denn: Ändern Reederei oder Kapitän etwa wegen politischer Probleme im Zielhafen oder wegen schweren Wetters auf See den Kurs, müssen die Sea Chefs im fernen Hamburg flexibel reagieren. Bereits verschickte Container müssen blitzschnell umgeleitet werden, notfalls wird Bestelltes per Luftfracht geschickt.

Als wäre das nicht schon kompliziert genug, kommt es immer wieder zu weiteren Problemen: Kühlketten können unterbrochen und die Ware verdorben sein; selbst teurer Wein war schon tiefgefroren, eine neue Lieferung musste her.

Probleme machen auch die weltweit unterschiedlichen Einfuhrbestimmungen. "In die USA etwa dürfen gar keine Lebensmittel eingeführt werden, in andere Länder nur bestimmte Waren", so Josef Gruber. Aber er ist sicher: "Von alledem wird der Gast nichts merken."

Und so wird sich den Gästen erst in drei Monaten zeigen, was Stefan Femerling in Hamburg bereits jetzt plant. Telefonate, E-Mails mit Fotos für potenzielle Zulieferer, Anfragen von Norddeutschland bis Chile -- das Objekt der Begierde soll sechs bis sieben Meter hoch sein, unversehrt an Bord kommen, in Form und Farbe genauen Vorgaben entsprechen.

"Wenn wir in Chile, wo die MS Europa im Dezember sein wird, nichts Passendes finden, werden wir in Norddeutschland einkaufen und per Kühlcontainer nach Montevideo liefern", versichert Femerling. Schließlich erwarten die Passagiere jederzeit und überall das Beste — auch beim Weihnachtsbaum.