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Outdoor-Sport:Digital durchs Gelände

Illegale Mountainbike-Strecke im Wald

Mit dem Mountainbike mitten durch den Wald? Lieber nicht, auch wenn es die Routen-App so anzeigt.

(Foto: Fredrik von Erichsen/dpa)

Mountainbiker finden auf Routen-Apps unzählige Touren. Doch nicht immer sind sie damit auf dem richtigen Weg.

Von Eva Dignös

Sind wir noch richtig? Wo früher die Karte aufgefaltet und mehr oder weniger erfolgreich - wo ist eigentlich Norden? - die eigene Position im Gelände bestimmt werden musste, reicht heute ein Blick aufs Smartphone. Roter Punkt auf blauer Linie? Alles okay. Mountainbike- und Wandertouren können mit Routen-Apps wie Komoot oder Outdooractive nicht nur geplant werden, die digitalen Helfer übernehmen dank GPS-Funktion auch die Navigation im Gelände und zeichnen auf, wo man bereits war. Die Touren lassen sich speichern, mit Freunden teilen oder sogar mit der gesamten App-Community.

Alles sehr praktisch - aber mit einem Haken: Öffentlich werden auf diese Weise nämlich auch Routen abseits der offiziellen Wege, Trails im Gelände oder durch Schutzgebiete, in denen Tiere und Pflanzen aus gutem Grund in Ruhe gelassen werden sollten. Und wenn in den Kommentaren dann noch die besonders schöne Aussicht, der versteckte idyllische See oder die Einsamkeit abseits überlaufener Pfade gelobt werden, dann ist es schnell genau dort voll, wo eigentlich kein Mensch sein sollte.

"Früher lag die Informationshoheit über die Wege bei den Tourismusorganisationen, bei den Karten- und Wanderführerverlagen und ähnlichen Institutionen. Das hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert", sagt Thorsten Schär, Geschäftsleiter der Alpenregion Tegernsee Schliersee (ATS), des Tourismusverbands des oberbayerischen Landkreises Miesbach. Viele Mountainbiker suchten sich mithilfe der digitalen Routenplaner mittlerweile eigene Wege. Die Tatsache, dass wegen die Pandemie die Naherholung die Fernreise ersetzen musste und so mancher statt in einen Urlaub in ein teures Mountainbike investierte, hat die Situation noch verschärft. Im vergangenen Jahr hat man im Landkreis Miesbach deshalb einen "Runden Tisch Mountainbike" ins Leben gerufen, der nach Lösungen suchen soll, die allen gerecht werden - dem Naturschutz ebenso wie den Interessen der Sportler.

Tourismusmanager Schär geht es dabei gar nicht so sehr um zusätzliche Verbote: "Aber die bestehenden Regeln sollten auf den digitalen Karten sichtbar sein." Es sei ja meist gar keine Absicht, wenn Mountainbiker ihren Track durch eine eigentlich gesperrte Zone legen: "Ihnen fehlen einfach die Informationen."

Bei Komoot, mit rund 18 Millionen registrierten Nutzern nach eigenen Angaben Europas größte Outdoor-Plattform, ist man der Überzeugung, alles Notwendige zu tun, um die Nutzer auf dem richtigen Weg zu halten. "Sollten User Touren planen, die Abschnitte enthalten, auf denen beispielsweise nicht Rad gefahren werden darf, dann warnen wir sie entsprechend", versichert Sprecherin Fiola Foley, sagt aber auch: "Damit wir unseren Usern solche Informationen anzeigen können, müssen wir diese Informationen haben."

Die Komoot-Karten basieren - wie bei den meisten anderen Outdoor-Portalen auch - auf Open Street Map, einer Art Wikipedia für Geodaten, das von mehreren Millionen Freiwilligen in aller Welt gepflegt wird. Eine gewisse Qualitätskontrolle ergibt sich allein aus der Menge der Beteiligten, eine Gewähr für Vollständigkeit ist das aber nicht. Dass beispielsweise Informationen über Naturschutzzonen oft fehlen, sei sicher kein böser Wille, betont Tilman Sobek: Sie seien vielfach einfach nicht digital verfügbar und die Regeln auch nicht immer an Ort und Stelle in Form von Hinweisschildern sichtbar. Sobek gehört zu den Gründungsmitgliedern des Vereins Digitize the Planet, der sich zum Ziel gesetzt hat, das zu ändern.

Neben dem knappen englischen Namen trägt die im Frühjahr 2020 gegründete Organisation den noch etwas umständlicheren deutschen Titel "Verein zur Digitalisierung der Regeln für die Nutzung der Natur". Ziel ist es, die Vielzahl an Gesetzen, Verordnungen und anderen Regelwerken, die es rund um den Aufenthalt in der Natur gibt, digital aufzubereiten und als Open Data frei verfügbar zu machen - auch die Betreiber der Routenportale können sie dann in ihr Kartenmaterial übernehmen.

Konflikte rund um die Nutzung der Natur für diverse Sport- und Freizeitaktivitäten seien zuletzt immer häufiger hochgekocht, sagt Sobek: "Und jeder zeigt mit dem Finger auf den anderen." Kommunen, Waldbesitzer und Landwirte reagieren verärgert, wenn Mountainbiker abseits der markierten Wege über empfindliches Wurzelwerk preschen und Wanderer auf der Wiese wertvolles Viehfutter platttrampeln, weil der Weg laut digitaler Route nun einmal hindurchführt. Und App-Betreiber reichen den Schwarzen Peter zurück mit dem Hinweis, dass man über die Regeln ja informieren würde, wenn sie denn vorlägen. Diese Lücke solle das Digitalisierungsprojekt schließen, "und ich habe den Eindruck, dass allein schon durch unsere Initiative viel in Bewegung gekommen ist", sagt Sobek.

Die großen Schutzgebiete wie beispielsweise Nationalparks werde man aufgrund gut verfügbarer Informationen relativ schnell abarbeiten und digital bereitstellen können. "Und dann wird sich zeigen, ob die Portale das Material auch nutzen." Der Komoot-Konkurrent Outdooractive integriere bereits einen Teil der Daten, sagt Sobek. Das Unternehmen gehört dem Verein an und beteiligt sich an der Finanzierung.

Aber werden die Outdoor-Sportler die Regeln auch befolgen, die ihnen dann bei der Routenplanung angezeigt werden? Sobek ist optimistisch: "Umfragen und Studien zeigen eine große Bereitschaft, Landschaft und Natur zu schützen." Tourismusmanager Schär macht rund um Tegernsee und Schliersee ganz ähnliche Erfahrungen: "Den Gästen kann man in der Regel gar keinen Vorwurf machen, weil sie bislang einfach nicht die Möglichkeit haben, die Daten abzurufen."

Deshalb stellt man auch im Landratsamt Miesbach die größtenteils noch analogen Daten zum Naturschutz für die Digitalisierung zusammen. Am "Runden Tisch" ist man sich zugleich bewusst, dass es damit allein wohl nicht getan ist, wenn man die Mountainbiker auf möglichst geordnete Bahnen lenken möchte. Zugleich soll das offizielle Mountainbike-Netz deshalb so attraktiv werden, dass es uninteressant wird, abseits der Wege zu fahren.

© SZ/ihe
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