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Mountainbiken:Im Turbo zur Brettljause

Hochalpin und historisch. Auf dem Hochplateau Folgara finden Mountainbiker Trails unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade und Bunker und Festungen aus dem Ersten Weltkrieg.

(Foto: Arturo Cuel)

Das Hochplateau von Folgaria ist ein ideales Radrevier. Bei größeren Steigungen oder Strecken auf Schotter unterstützt der E-Motor. Der Weg lohnt sich auf jeden Fall - nicht nur wegen der beeindruckenden Aussichten.

Die ersten 32 Jahre seines Lebens hat Ugo Gelmi in seinem Heimatdorf Folgaria verbracht. Bis ein Bekannter fragte, ob er als Motorradmechaniker nicht Lust verspüre, mit Honda am WM-Zirkus in der höchsten Rennklasse teilzunehmen. Er sagte zu und war dann 20 Jahre lang zwischen Japan und Südamerika auf Achse. "Es war der Wahnsinn. Ich würde jetzt da oben sitzen", sagt Ugo Gelmi und zeigt in den weißen Himmel, wo Düsenflugzeuge ein Netz aus weißen Strichen in das Blau gezeichnet haben. Heute vermietet der Mittfünfziger in seinem Geschäft in der Via Roma Mountainbikes, Trekkingräder und E-Bikes.

Der Altopiano di Folgaria, Lavarone und Luserna ist ein populäres Mountainbike-Revier. Das Hochplateau zwischen der Valsugana und dem Etschtal südlich von Trient erstreckt sich auf etwa 100 Quadratkilometern über Wiesen, Wälder und Weiden. Ausgeschilderte Rundtrails führen von etwa 1200 Meter auf maximal 1800 Meter hinauf. Man radelt auf Schotterwegen, über Stock und Stein, ohne lange Anstiege, wie auf einer Sonnenterrasse mit Panoramablick auf die sich im Süden ausbreitende Poebene. Im Norden ragen die Zacken der Dolomiten empor.

Ob Ricotta, Vezzena oder Tosella: Auf den Almen gibt es hausgemachte Käsespezialitäten

Über Nacht hat es geregnet. Doch als Ugo Gelmi seinen Kunden vor dem Laden eine Einführung in die E-Mountainbikes gibt, scheint die Sonne. Die Sättel sind verstellbar und silikongelgepolstert. Es geht auf eine leichte Tour: zwei Stunden Fahrzeit, 500 Höhenmeter, 40 Kilometer. Zunächst über eine schmale Teerstraße zum Ortsteil Erspameri. Dann aber fordern eine Wurzelpassage in einem Fichtenwald, flankiert von einem ausgetrockneten Bachbett, Konzentration und vollen Körpereinsatz. Es wird Zeit, den Turboknopf für die maximale Unterstützung zu drücken. Hinauf zur Vallorsara-Alm ist das zum Glück selten notwendig. Meist genügt die auf dem Display grün markierte Stufe, so ist ein sparsamer Batterieverbrauch sichergestellt.

Die Regentropfen auf den Fichtenästen glitzern im Gegenlicht. Im Vorbeifahren sieht man ein Moor, in dem Wollgras weiße Tupfer bildet, anschließend passieren die Radler einen Golfplatz, auf dem Spieler mit Schildmützen die Bälle über den gestutzten Rasen schlagen. Alpiner wirkt die Kulisse am Bauernhof Guez in San Sebastiano hinter dem Sommopass.

Serafino Incani steht mit einem geflochtenen Korb voller "Regenbogeneier" im Arm da. Regenbogen ist vielleicht ein wenig übertrieben. Die Eier in Incanis Korb schimmern zart hellgrün, schokoladenbraun und weiß. Er halte seltene Hühnerrassen, sagt er. Finde er ein auffallend gefärbtes Ei im Nest, lege er es in den Brutkasten, so vermehrten sich genau jene Hühner, die naturbunte Eier liefern. Er stammt aus Sardinien und hatte, bevor er seiner Frau in ihr Heimatdorf folgte, keine Ahnung von Landwirtschaft. Seine Frau Morena bricht gerade mit Touristen und einem Dutzend hier heimischer Bionda-dell'Adamello-Ziegen zu einer Trekkingtour auf. "Die Tiere laufen wie ferngesteuert - als Antrieb dienen Blätter vom Haselnussstrauch in den Händen der Touristen", sagt Incani.

Für die Radfahrer geht es auf einem Forstweg mäßig steil in das Val Orsana und zur gleichnamigen Alm hinauf. Der Schotter knirscht unter den Stollenprofilen. Anfangs fährt die Gruppe durch dunklen Fichtenwald. Dann folgen sanfte Grashügel, umzäuntes Weidegelände, wo fliegenumschwirrte Kühe in der Sonne liegen. Im Gras zirpen Heuschrecken, am Himmel kreisen zwei Bussarde. An Trockenmauern aus hellem Kalkstein leuchten in Büscheln die roten Früchte von Wildrose und Eberesche. Auch die Lärchen, knorrige Methusalems, natürliche Sonnenschirme für das Vieh inmitten der Weiden, haben bereits ihr honiggelbes, später ins Rostrote wechselnde Herbstkleid angezogen.

Noch ein paar Kehren, ein oder zwei Mal von Sport auf Turbo schalten, dann ist die Alm erreicht. Man sitzt hier auf Holzbänken zwischen zwei steingemauerten Häusern - im einen ist die Gaststube, im anderen sind der Stall und einige Gästezimmer untergebracht. Der Blick fällt auf den wie ein Sägeblatt gefurchten Gipfelgrat des Becco di Filadonna, weiter östlich auf die Cima Vezzana, auf deren Kuppe ein Fort aus dem Ersten Weltkrieg steht. Jahrzehnte vor Kriegsausbruch haben im damaligen Grenzgebiet Österreicher und Italiener gewaltige Festungsbauten errichtet.

Almwirtin Mirella Schir serviert Teigtaschen, gefüllt mit Ricotta-Vezzena-Käse aus eigener Produktion. Sie betreibt die Alm zusammen mit ihrem Mann Armando. "Als wir anfingen, waren die Gebäude halb verfallen und die Weiden verbuscht." Ein Gehilfe in kniehohen Gummistiefeln bleibt im Vorbeigehen stehen und erklärt, dass die E-Mountainbiker seiner Meinung nach eine Plage seien. Einigen mangle es an Respekt. "Sie brettern über die Forstwege, als wären es Autobahnen."

Die heutigen Almgäste haben es nicht so eilig. Nach einem weiteren moderaten Aufstieg, einigen Weidegattern, die zu öffnen und zu schließen sind, sowie einer Abfahrt über mit Schafgarbe und Arnika gesprenkelte Wiesen gelangt die Gruppe zum Coepass. Der gleichnamige See etwas unterhalb dient als Wasserspeicher für die Schneekanonen ringsum, die bis zum Winteranbruch unter Nylon verpackt bleiben.

Am Spätnachmittag ist man zurück am Ausgangspunkt in Folgaria. Nach dem langen Bergabrollen macht sich in den durchgerüttelten Oberarmen leichtes Zittern bemerkbar. Dagegen hilft vielleicht Armando Schirs Vezzena- oder der Tosellakäse. Auf seinem Hof schneidet Schir den Käse in mundgerechte Würfel. Er bietet auch Joghurt, Ricotta und Caciotta an, einen Weichkäse aus Schafmilch, alles von den eigenen Tieren auf der Alm Vallorsara. Mirella bringt die Milch jeden Abend in Kannen zur Hofkäserei herunter. Weil es nur ein paar Schritte zum geparkten Auto sind, spricht nichts dagegen, etliche Kostproben in den Rucksack zu packen - so fährt der Geschmack des Sommers mit nach Hause. (Informationen: www.alpecimbrabike.it)

© SZ vom 26.09.2019

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